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Jorge Semprun: Die Ohnmacht

23.02.2004



Das Erwachen

Jorge Sempruns zweiter Roman „Die Ohnmacht“: brillantes Vorspiel seiner literarischen Zukunft



 

Am 6. August 1945, dem Tag, an dem die Atombombe über Hiroshima gezündet wurde, ist der zwanzigjährige Manuel aus einem Zug in der Nähe von Paris gefallen. Fast hätte er sich sein Ohr dabei abgerissen, das ihm nun im Krankenhaus wieder angenäht wird, wo er, aus der Narkose erwachend, zum erstenmal von der Unvorstellbarkeit Hiroshimas hört. War es ein Unfall, ein versuchter Selbstmord oder nur eine vorübergehende Ohnmacht, die den ehemaligen KZ-Häftling, einen „Rotspanier“, der vor drei Monaten befreit worden und nach Paris zurückgekehrt war, nun ans Bett fesselt und ihm eine tief bis in die Kindheit hinabtauchende Erinnerungsarbeit ebenso erlaubt, wie seinem Erzähler, mosaikartig Manuels Zukunft als Geheimagent der exilspanischen KP in Francos Machtbereich vorauszusagen?

„Die Ohnmacht“ , 1967 als zweiter Roman des 1923 in Madrid geborenen und französisch schreibenden Jorge Semprun in Paris erschienen und nun erst von Sempruns deutschem Verlag in der vorzüglichen Übersetzung Eva Moldenhauers seinem Oeuvre nachgeschickt, klammert weitgehend aus, was das Debüt „Die große Reise“ thematisiert hatte: den Aufenthalt im KZ Buchenwald, zu dem am Ende die Reise einer Gruppe von französischen politischen Gefangenen in der bestialischen Enge eines Viehwagens geführt hatte. Zwar erinnert Manuel noch einmal seine Verhaftung, seine Folterung (und sogar auch, wie er mit einem Freund einen deutschen Soldaten aus dem Hinterhalt erschossen hatte); aber Thema des Buches ist nicht das KZ, sondern sowohl die moralisch-existentialistische Reflexion des Widerstands (gegen die deutschen Okkupanten wie gegen das frankistische Spanien), als auch die Rückkehr des Exilanten und Untergrundkämpfers in die „Banalität“ des Lebens. Und: wie sich Erinnerung & Sprache für die Traumatisierungen des Lebens finden lassen. Insofern setzt „Die Ohnmacht“, als existentielle Bewusst(seins)losigkeit, die erst durch assoziative Erinnerung überwunden wird, „Die große Reise“ fort und schlägt einen assoziativen Bogen von der madrilener Kindheit Sempruns in großbürgerlichem Ambiente bis zu seiner geheimen Tätigkeit unter falschem Namen für die KP in seiner verlorenen Heimat. „Die Ohnmacht“ könnte auch „Das Erwachen“ heißen.

Denn erst Sempruns Ausschluss aus der exilspanischen KP (1963), in deren ZK er in den Fünfziger Jahren aufgestiegen war, bis die lange von ihm verdrängten Erkenntnisse über deren stalinistischen Charakter ihn „eurokommunistisch“ in die Offensive gehen ließen, befreiten ihn, im Alter von bereits 40 Jahren (!), zu jener großen schriftstellerischen Erinnerungsarbeit, die uns in späteren Büchern wie „Was für ein schöner Sonntag“, „Schreiben oder Leben“ und „Unser allzu kurzer Sommer“ (oder Drehbüchern wie „La Guerre est finie“ und „Route du Sud“ für Alain Resnais und Joseph Losey) schon bekannt waren. Mit ihnen wurde er der literarisch herausragende Zeuge des Jahrhunderts.

Der hoch gebildete, früh schon Deutsch und Französisch sprechende Jorge Semprun, der sogar 1988/91 spanischer Kulturminister und 1994 Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels war, hat weitgehend jene Wunschbiographie eines Linken des 20. Jahrhunderts gelebt, die sich Peter Weiss in seiner „Ästhetik des Widerstands“ nur imaginieren konnte. Obwohl der schreibende Semprun im Laufe der letzten 40 Jahre seine Biographie nahezu lückenlos in literarisch komplexe Erinnerungsbücher übersetzt hat, ist er dabei nicht zum klassischen kommunistischen Renegaten geworden, der sich die „Irrtümer“ seines Lebens mit dem Furor der besserwisserischen Vernichtung larmoyant ausgetrieben hätte. Seine exemplarische Zeugenschaft für eine intellektuelle und emotionale Zeitgenossenschaft, die immer an der >vordersten Front des Weltprozesses“ (E. Bloch) lokalisiert war, sah sich zwar nach Chruschtschows Enthüllung über Stalins Verbrechen (1956) einer Wahrheit konfrontiert, die „Jahrzehnte seines Lebens in Frage stellen sollte“, wie es in der „Ohnmacht“ heißt. Aber wenn auch Semprun von da an sich der historischen Wahrheit über die stalinistischen Verbrechen rückhaltlos stellte, so hat er doch einer Erfahrung seines politischen Lebens - nämlich der „brüderlichen Solidarität“ der Verfolgten und Unterdrückten sowohl in der Résistance und vor allem im KZ, als auch im antifrankistischen Widerstand – die Treue gehalten, wenngleich „Die Ohnmacht“ den gefährlichen Illusionismus, die Weltfremdheit und Borniertheit der Exil-KP-Führung bereits anklingen lässt: „Der Krieg ist zuende“. In der „Autobiografie des Federico Sanchez“, die auf deutsch nur gekürzt vorlag, vergriffen ist und endlich vollständig neu übersetzt werden sollte, hat er mit sich und seinen führenden Genossen, vor allem auch mit der Ikone der „Passionara“, in Augenhöhe abgerechnet.

„Die Ohnmacht“, heute gelesen, ist ein faszinierendes Buch in jeder Hinsicht: geblieben. Denn es zeigt, mehr noch als das Debut, den Autor am Beginn seines Oeuvres, weil er hier nicht nur Zeugnis gibt von dem Martyrium des Widerstands und im KZ, sondern den Schriftsteller bei der Arbeit zeigt, einer erst zu werden. Er wird sich in der „Ohnmacht“ bewusst, dass er den Perspektivwechsel, den er schon in der „Großen Reise“ souverän handhabte, noch mehr verfeinern muss, um aus dem exemplarischen Leben, das er geführt hat, sowohl erinnernd als auch fiktional den Stoff zu weben, aus dem Albträume und Glücksmomente, Selbstvergewisserungen und Selbstbefragungen, politisches Handeln und philosophische Reflexion sich zu der spezifischen Form des Semprunschen Romans entwickeln werden.

So wechselt nicht nur die Perspektive von der Außensicht auf Manuel zu dessen Ich-Erzählungen; sondern der Autor Semprun höchstselbst reflektiert auch noch über das von ihm erfundene alter ego Manuel, der die Sprache entdeckt und abfällig über seinen Roman spricht, den er nicht beenden werde, der „vollgestopft mit Helden“ und „pathetischen Augenblicken“ sei.

Das ist ein ebenso riskantes wie ironisches Spiel, das sich hier Semprun in seinem zweiten Buch (über sein erstes und sein zweites) erlaubt; und wenn er dann Manuel sagen lässt, er hätte „eher Lust, die Reglosigkeiten des Lebens zu beschreiben, seine winzigen Augenblicke, seine Tiefen, die herzzerreißenden Mißgeschicke des Bewußtseins“, so deutet er damit an, was Semprun in der „Ohnmacht“ auch gelingt. Nämlich aus winzigsten Details des Unbewussten (wie dem Traum-Bild des Schneefalls), aus Objekten (wie einer Sonnenbrille auf einem Caféhaustisch) oder Namen (wie Heidi) wiederkehrende Erlebnismomente zu beschwören, die nichts zeitlich miteinander zu tun haben oder die radikale Entfremdung der Welt zu beschreiben, die erst langsam wieder von dem „Fremden“ zurückgewonnen werden muss und dabei schließlich die Struktur der löchrigen Erinnerung auf eine ungewöhnlich evidente Art einsichtig zu machen.

So sprunghaft Semprun zwischen dem Krankenzimmer, einem winterlichen Erholungsaufenthalt in Ascona und einer „letztlich unnötigen Reise“ nach Spanien seine Romanerzählung hüpfen lässt: - die größte Dichte, den entschiedenen Ernst hat das Buch in der Reflexion über die Dialektik von Widerstand, Verrat und Folter. Unter der Folter – da argumentiert Semprun ganz existentialistisch – entdeckt er, dass sein durchgehaltenes Schweigen gegen den Schmerz, den ihm die Gestapo-Verhörer zufügen, paradoxerweise eben von „diesen Gestapo-Typen“ auch gestützt wird: „Sie waren es, die der Welt wieder einen menschlichen Sinn verliehen: ihre Beunruhigung angesichts seines Schweigens, ihre Verzweiflung, ihn nicht zum Reden bringen zu können, schufen erneut die Möglichkeit einer menschlichen Welt“. Und als Manuel, der deutsch versteht, aber es sich nicht anmerken lässt, schließlich hört, wie die SD-Leute fluchen: „Dieser Scheißkerl hat noch nicht gesungen“, blickt er zu einem Wachsoldaten der Wehrmacht, „auf dessen Gesicht flüchtig ein Ausdruck intensiver Freude erschien“. Aus diesem „vom Glück verwüsteten Gesicht des deutschen Soldaten“ schöpft er die Hoffnung, dass „die Welt ihren Sinn und ihren Reichtum wiederfinden sollte“.

Jedoch „harmonisch“ ist die Welt, von der hier erzählt wird, keineswegs. Geradezu schockierend setzt Semprun dieser Dialektik des Widerstands einen anderen Résistance-Moment entgegen: wie Hans und Manuel, versteckt hinter Büschen, einen jungen deutschen Soldaten beobachten, der allein auf seinem Motorrad, im Wald anhält und an einem Bach selbstvergessen ins Wasser und auf die Forellen blickend, „La Paloma“ singt: „Solange dieser (junge) Soldat uns sein Gesicht, seinen blauen Blick, seinen kindlichen, ein wenig weichen Mund zeigt, wird keiner von uns es schaffen, auf ihn zu schießen“. Als er ihnen aber, im Weggehen, den Rücken zukehrt, schießt Manuel. Kurz darauf, sie sitzen auf dem erbeuteten Motorrad, fragt Hans, der „kleine deutsche Jude“: „Warum? – Warum was?- Warum war es unmöglich.. . Das Gesicht? - Sei still, Hans. – Der blauen Blick? – Das reicht, Hans. – In den Rücken ist es noch widerlicher.- Sei still, Hans. – Ist es etwa nicht widerlicher? – Es ist einfacher. – Aber es ist widerlich, oder ? – Ist ein Motorrad widerlich? Ist eine nagelneue Maschinenpistole widerlich? – Aber in den Rücken, Manuel? – Natürlich. Anders war es nicht zu machen. Nichts mehr, wir haben nichts mehr gesagt“.

Gegenüber solchen äußersten Herausforderungen der moralischen Reflexion, welche sich Semprun in der „Ohnmacht“ auferlegt, fällt das Ende des Buchs deutlich ab. Ohnehin hatte er ihm noch eine erotische „Education sentimentale“ (Manuel und die Frauen) einbeschrieben, die den vom Krieg ermüdeten Helden als Flüchtigen vorführt, der sich dem Glück der Frauen gleich zweifach entzieht, um allein mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Semprun, der mit „Der großen Reise“, die auf Anhieb weltweit übersetzt wurde und ihn berühmt machte, schrieb später, sein literarischer Zweitling sei kaum wahrgenommen worden. In „Schreiben oder Leben“ (1995) hat er das Thema seines literarischen Erwachens und seiner Rückkehr in die Nachkriegswelt noch einmal ausgeschritten und dabei auch kleine Teile der frühen „Ohmacht“ in das reifere Buch integriert und korrigierend „überschrieben“. Überschrieben wie bei einem Palimpsest, bei dem sich die verschiedenen Schichten der erinnerten Vergangenheiten und ihrer fiktionalen Verarbeitung überlagern. Genau genommen hat er als Schriftsteller wie kaum ein zweiter mit jedem seiner Bücher das eine, nämlich sein Leben immer aufs Neue sich erschreiben. Eben ist in Frankreich die jüngste seiner Vergangenheits-Recherchen erschienen.


Wolfram Schütte

 


Jorge Semprun: „Die Ohnmacht“, Roman. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 2001, 198 Seiten, 26.90 DM

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