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Christian Oster: Meine große Wohnung

23.02.2004




Was uns Gavarine von sich zu sagen hat

Komischer und herzzerreißender ist schon lange keine amour fou mehr in der französischen Literatur inszeniert worden.

 

„Ich heiße Gavarine, und ich möchte etwas sagen“: ein Erster Satz, gelungen wie selten einer in letzter Zeit. Viel versprechend, offen für Bekenntnisse, sichtlich zugleich gehemmt. Der Autor hat auch schon sechs Romane geschrieben, bevor er mit seinem siebten diesen fabelhaften Einstieg fand. Es ist der erste Roman des Franzosen Christian Oster, der auf deutsch erscheint, und Gavarine, der sich uns höflich, wie er ist, derart vorgestellt hat, hat uns auch etwas zu sagen: nämlich dass er in seine selbst eingerichtete schöne große Wohnung nicht kommt, weil er seine Mappe verloren hat, in der sein Wohnungsschlüssel war.

Als Gregor Samsa eines morgens aus unruhigen Träumen erwachte und sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt sah, war sein Erschrecken womöglich kaum größer als Gavarines, dem seine Mappe abhanden gekommen ist und der sich nun einer totalen Verwandlung seines Lebens gegenüber sieht. Denn „für seine Begriffe ging er völlig in seiner Mappe auf“, die absolut leer war (bis auf seine Wohnungsschlüssel) und „mangels einer erschöpfenden Definition meiner selbst ... stellte ich mir vor, daß ich darin in Gesellschaft meiner Schlüssel aufgehoben wäre“.

Ein seltsamer Heiliger ist das schon, Gavarine: „Mit dem Schlimmsten zu rechnen, während man gleichzeitig stürzt, das war in etwa die Vorstellung, die ich vom Leben hatte“, bekennt er gleich darauf. Dieser eingebildete Mappenbewohner ist wohl das, was die Psychiater einen Zwangsneurotiker nennen. Aber er gerät, ausgesperrt von seiner Wohnung und gewissermaßen durch das Verschwinden seiner Mappe um seine Selbstsicherheit und Identität gebracht, wunderlicherweise nicht in Panik. Auch nicht, als er feststellt, dass Anne, die vor 14 Tagen bei ihm eingezogen war, nicht zuhause ist. „Anne öffnete nicht. Obwohl sie bei mir lebte. Sie liebte mich. Jedenfalls liebte ich, Gavarine, sie. Aus diesem Grund lebte sie bei mir: weil ich sie liebte. Vielleicht auch, weil sie mich liebte. Oder weil ich eine schöne Wohnung hatte. Das heißt, eine große Wohnung. Vielleicht liebte Anne meine große Wohnung“. Liebessicher ist sich so einer nicht, der sich derart ein-& zuredet, geliebt zu werden. Wenn wir ihm aber weiter zuhören in seinem Selbstgespräch – und Osters Roman ist nichts anderes als ein wunderlich-exzentrischer und wunderbar ironisch instrumentierter Monolog Gavarines -, dann weiß der Ausgesperrte doch schon, dass Anne „nicht mehr nachhause kommen wird. Nie mehr“. Denn zu sagen hatten sich die beiden nichts, Anne hatte immer geschwiegen, erinnert er sich, und „da unsere Beziehung nie angefangen hatte, war es im Grunde nicht verwunderlich, daß sie aufhörte“.

Was uns Gavarine zu sagen hat, sagt er nahezu emotionslos in solchen Sätzen einer raffinierten Naivität. Er plappert nicht, kein Wort zuviel, eher scheint er einem Automatismus des Denkens zu folgen. Mal setzt er Punkte hinter kurze Gedanken, mal lässt er sie an der Leine langer Perioden ausufern und über Kommas strudeln. So macht Christian Oster Musik – eine zarte Musik, oft fast ein Misterioso. Einen Kopf-, keinen Bauchredner stellt uns der Autor vor Augen – und wir Leser sitzen ihm gewissermaßen als Zuhörer unter der Hirnschale und amüsieren uns über den Unglücklichen, der uns durch sein komisches Strampeln mit Worten und Gedanken mehr und mehr ans Herz wächst und unsere Anteilnahme weckt, bis wir ihn lieben, während er immer nur „aufnimmt, addiert, subtrahiert“ – und das dann „sein Leben“ nennt. Gavarine ist ein Schüchterner wie er im Buche (von Italo Svevo) steht und ein Stoiker (wie dem Buster Keaton nachgeträumt); ein verschämter Autist, jedoch mit der Sehnsucht, aus der Einsamkeit, in der er sich befindet, zu den Menschen zu finden, um seinen „Sturz“ ins ungelebte Leben aufzuhalten, nein: abzubrechen. Wodurch? Durch Liebe - erst zu lieben, dann mit der Hoffnung, geliebt zu werden.

Komischer und herzzerreißender ist schon lange kein amour fou mehr in der französischen Literatur inszeniert worden – als Gavarines Liebe auf den ersten Blick, der in der Badeanstalt auf eine Unbekannte fällt; sie ist hochschwanger; und wenn wir dann der Verfertigung seiner Gedanken vorm Sprechen oder während seines Schweigens beiwohnen - mit Gesten und wenigen Worten gelingt es ihm, eine fragile Verbindung zu der schwangeren Flore, die ihm zulächelt, aufzubauen –, beginnt das Buch vollends zum haarsträubenden Abenteuer zu werden. Denn der schüchterne Gavarine und die schwangere Flore, die nichts von einander wissen außer dass sie sich sympathisch sind, fahren am nächsten Tag in die Provinz, wo die ledige Mutter bei ihrem Bruder Jean entbinden will. Bereits auf der Bahnfahrt setzen die Wehen ein, gerade noch wird das rettende Krankenhaus erreicht – und der schweigsame Gavarine nimmt nun während der Entbindung und danach die Rolle des liebevollen, tapsigen und treusorgenden Vaters an, was ihm den ersten Kuss Flores einbringt, wenngleich (noch) nicht deren Liebe. Aber als Flore aus dem Krankenhaus kommt, ist Gavarine schon zum Fremdenführer in den Kalksteingrotten geworden, an deren Eingang Jean eine kleine Wirtschaft betreibt: ein märchenhaftes Idyll à la francaise. Gavarine, der seine leere große Wohnung in Paris verloren hat, ist in einer großen Familie auf dem Lande angekommen. Er hat den Schlüssel zum Leben gefunden; es kommt aber darauf an, ihn nicht mehr zu verlieren.


Wolfram Schütte


Christian Oster: Meine große Wohnung. Roman. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Eichborn Verlag, Berlin 2001, 208 Seiten, 36 DM

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