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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:39

 

W.G.Sebald: Austerlitz

23.02.2004

Ein Kaspar Hauser des Holocaust

W.G. Sebald hat mit "Austerlitz" den Versuch gemacht, als deutscher Schriftsteller von einer paradigmatischen jüdischen Biographie des 20.Jahrhunderts ein literarisches Zeugnis zu geben, sie "von dort drunten heraufzuholen" und sie zu überliefern. Was Wolfgang Koeppen mit "Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch" und Alfred Andersch mit "Efraim" misslang, scheint, wenn nicht alles täuscht, W.G. Sebald nun gelungen.

 

Der in Großbritannien seit mehr als 30 Jahren lebende und als Germanistik-Professor dort lehrende W.G. Sebald hat im letzten Jahrzehnt eine Reihe von Büchern vorgelegt, die zu den eigenwilligsten schriftstellerischen Versuchen in der deutschen Gegenwartsliteratur zählen: u.a. "Schwindel.Gefühle", "Die Ausgewanderten" und "Die Ringe des Saturn". Gelehrte Bücher, aber nicht Bücher eines Gelehrten; Erzählungen, die archäologischen Grabungen in der europäischen Kultur-, Politik- und Geistesgeschichte gleichen, ohne doch weder Essays noch historische Romane oder Autobiografika zu sein, wenngleich ihr erzählerischer Gestus - ein in großen, mäandrierenden Satzperioden ausschwingender musikalischer Bauplan - doch einer epischen Haltung entspricht, die aber dem geruhsamen Zeitempfinden des 19.Jahrhunderts allemal näher steht, als der Nervosität und Erregung der Moderne, wenngleich eben deren Katastrophen, Menschheitsverbrechen und Einsamkeitsverschließungen von vertriebenen, getöteten oder vergessenen Menschen ihre erzählerischen Gegenstände sind.
Es gibt einen von dem diskreten Autor nie hervorstechend formulierten untergründigen Zusammenhang zwischen der frühen Flucht des 1944 im Allgäu geborenen Sebald aus dem "Vaterland der Deutschen" und den emphatischen geistespolitischen Interessen, um die seine erzählerischen und literaturkritischen Arbeiten kreisen. Seine "Entfernung von der Truppe" der deutschen Vertreiber führt ihn hin zu dem Kreis der von ihnen versprengten Vertriebenen.

Sebalds Bücher sind, weil sie von Reisen, Recherchen und assoziativen Findungen bewegt werden, literarische Nomadenwanderungen entlang der von ihm freigelegten und assoziativ erfundenen "Traumpfade" (Bruce Chatwin) in der Europäischen Geschichte, vornehmlich der deutschen und der jüdischen und ihrer tragischen Melange. Deren "Songlines" spürt der Autor vielfach nach: als sensibler melancholischer Seismograph für verborgene Korrespondenzen und Epiphanien. Dabei wählt er die literarische Rolle eines Archivars, eines Pilgers, eines Beichtvaters und Zuhörers. Seine Bücher sind Reise- & Reportage-Romane aus Vorgefundenem, in die er ihm zugefallene oder selbst geknipste Fotos, Zeitungsausschnitte oder andere optische Zeugnisse als Realien und Petrefakte einlässt.
Kraft seiner Er- (& Emp-)findungsfähigkeit schießen dabei Wörter & Bilder zum Mosaik des noch einmal Erinnerten aus längst Vergessenem und Verschüttetem in seinen Büchern zusammen. Es wäre wohl nicht ganz falsch, in Sebalds Bilder-Buch-Poetik ein genuin romantisches, wo nicht sogar theologisches Motiv der Rettung zu sehen. In einem ganz anderen Sinne aber als der späte Arno Schmidt sein literarisches Programm für "Ahnen-& Enkeldienst" hielt, sind Sebalds Bücher eben dies: Archäologien des nach-denkend, mitempfindenden Eingedenkens der im vergangenen Jahrhundert "Untergegangenen und Geretteten" (Primo Levi).

Austerlitz, in dem jüngsten gleichnamigen Buch, ist so ein "Geretteter", der gleichwohl lange "untergegangen" war, weil er von sich, seiner Herkunft und seinen Eltern, nichts wusste. Der Dafydd Elias, als der er von einem strenggläubigen, schweigsamen und eiseskalten Pfarrerspaar in Wales aufgezogen wurde, erfährt erst nach dem Tod der grauenhaften Zieheltern, die alle Spuren verwischt hatten, im College, dass er eigentlich Jacques Austerlitz hieß und als kleiner Junge in einem der letzten "Kindertransporte" von seinen jüdischen Eltern aus Prag ins rettende England geschickt worden war. Dem Erzähler von "Austerlitz", der "in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, mir selbst nicht recht erfindlichen Gründen, von England aus wiederholt nach Belgien gefahren war", begegnet dort - im "Salle des pas perdus", dem Wartesaal des Centralbahnhofs von Antwerpen - einem einsamen jugendlich-blonder Mann mit Wanderstiefeln, blauer Arbeitshose und einem alten Rucksack, der sich sichtlich Notizen macht, und der Erzähler spricht den (gleich ihm) merkwürdigen Fremden an. Das sollte, um mit den Schlussworten von "Casablanca" zu sprechen, der "Beginn einer wunderbaren Freundschaft" werden.

Nein, das wäre wohl doch zu emphatisch gesagt. So intim wird das Verhältnis des Älteren zu dem jüngeren Deutschen nie, wenngleich vertraut; übrigens unterhalten sie sich auf Französisch und Englisch (& nicht in Austerlitz´ vergessener deutscher Muttersprache). Der Erzähler ist, auf verschiedenen Treffen, die sich erst zufällig, dann auf Einladung von Austerlitz vornehmlich in London und Paris ergeben, in einer Rolle präsent, die dem zuhörenden Analytiker gleicht, der buchstäblich als "Ansprechpartner" dem Kaspar Hauser aus Prag dient.
Auf diesen "Sitzungen" der beiden Liebhaber von Bahnhöfen und Befestigungsanlagen steigt Austerlitz immer tiefer in seiner sich ihm langsam aufschließende Vergangenheitsherkunft hinab; und der Erzähler dient ihm dabei nur als der meist schweigende Zuhörer, der uns den Prozess-Verlauf der Identitätsaneignung dieses Einsamen übermittelt - falls er sich nicht selbst zu Orten begibt, die als Befestigungen gedacht, im 20. (um nicht gleich zusagen: dem deutschen) Jahrhundert jedoch, wie das belgische Willebroek oder das tschechische Terezin (zu deutsch Theresienstadt), als Lager, Ghetto und Folterkammern ihre mörderische Bestimmung fanden.

Die scheinbaren "Liebhabereien", denen Austerlitz und der Erzähler gemeinsam oder getrennt ihre Aufmerksamkeit widmen, fungieren im Mosaik der Erzählung als symbolische Orte des Schreckens, der Tortur und der "Auslöschungen" der "Untergegangenen". Überhaupt ist das Buch "Austerlitz" lesend zu erschließen, indem man die scheinbaren Abschweifungen des Erzählers, dem der heute fast unverständliche und manchem sogar anstößige Gestus der demütigen Hinwendung zu den Zeugnissen der Vergangenheit diese als vorsichtige Annäherungen, Variationen und Spiegelungen begreift, durch die Sebald die ihm anvertraute Lebensgeschichte - denn um eine solche handelt es sich - in die Signaturen der Epoche einbettet.
Die erzählerische Konstruktion der Ohrenzeugenschaft einer verschachtelten Lebensbeichte ist denkbar einfach, aber aufgrund ihrer vielfältigen thematischen Valeurs und quasi "musikalischen" Durchführungen höchst komplex. (Muss man bei Sebald ohnehin nicht immer mal wieder an Gustav Mahlers musikalische Zitat-Techniken denken?). Ganz am Ende des Buches, gewissermaßen in seiner Coda, gelangt der Erzähler mithilfe eines Buches, das ihm Austerlitz geschenkt hatte, als Nachleser in der "Strafkolonie" von Willebroek sitzend, bis nach Südafrika (!). Dort beschreibt der Londoner Literaturwissenschaftler Dan Jacobson, der einer jüdisch-litauischen Familie entstammt, die nach Südafrika ausgewandert ist, bevor sie in den Einzugsbereich der deutschen Gefahr um Leib und Leben kommen konnte, den Blick in die Gruben einer längst stillgelegten Diamantmine: "Es konnte, wer es wagte, bis an den vordersten Rand dieser riesigen Gruben herantreten und hinabblicken in eine Tiefe von mehreren tausend Fuß. Wahrhaft schreckenerregend sei es gewesen, schreibt Jacobson, einen Schritt von dem festen Boden eine solche Leere sich auftun zu sehen, zu begreifen, daß es da keinen Übergang gab, sondern nur diesen Rand, auf der einen Seite das selbstverständliche Leben, auf der anderen sein unausdenkbares Gegenteil. Der Abgrund, in den kein Lichtstrahl hinabreicht", schreibt der Erzähler, der hier mit W.G.Sebald identisch wird, "ist Jacobsons Bild für die untergegangene Vorzeit seiner Familie und seines Volks, das sich, wie er weiß, von dort drunten nicht mehr heraufholen läßt".

W.G.Sebald hat mit "Austerlitz" den Versuch gemacht, als deutscher Schriftsteller von einer paradigmatischen jüdischen Biographie des 20.Jahrhunderts ein literarisches Zeugnis zu geben, sie "von dort drunten heraufzuholen" und sie zu überliefern. Was Wolfgang Koeppen mit "Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch" und Alfred Andersch mit "Efraim" misslang (weil sich beide in die Stimme ihrer "Entkommenen" salvatorisch einmischten), scheint, wenn nicht alles täuscht, W.G. Sebald nun gelungen.


Wolfram Schütte

 


W.G.Sebald: Austerlitz. Carl Hanser Verlag 2001, 417 Seiten, zahlr. Abb. ,46 DM ISBN: 3-446-19986-1

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