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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:39

 

Alistair MacLeod: Land der Bäume

23.02.2004

 


Reise zu den Toten

Alistair MacLeod und sein "Land der Bäume" ist zu entdecken.



 

Da ein weltbekannter Autor wie Michael o­ndaatje von "dem größten noch zu entdeckenden Schriftsteller unserer Zeit" spricht und den bislang völlig unbekannten Alistair MacLeod damit meint, dürfte das zurecht neugierig auf den von ihm derart angezeigten Nobody machen. Der S.Fischer-Verlag wirbt mit o­ndaatjes emphatischer Empfehlung, um MacLeods Roman "Land der Bäume" bei uns einzuführen.
Wenn bereits berühmte Autoren jenseits von Kumpanei für einen Kollegen ihr Wort geben - so hat Peter Handke vor Jahrzehnten den bis dahin sowohl übersehenen als auch mißachteten Hermann Lenz ins öffentliche Bewußtsein der deutschen Leser gebracht -, dann verbinden sie ihren guten Namen meistens mit einem Schriftsteller, dem sie sich nicht nur menschlich sondern auch literarisch nahe wissen und der in die gleiche Richtung geht wie sie. Das ist auch, wenn man o­ndaatjes Bücher kennt und nun das "Land der Bäume" liest, hier der Fall.

Der in Sri Lanka geborene, in Toronto lebende o­ndaatje ist holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung, und die multikulturelle Herkunft hat seine Bücher, deren Charaktere, Schauplätze und ihre gleitende Erzählhaltung, welche die Zeiten und geografischen Räume ineinander überblendet, bis ins Innerste geprägt. Autobiografisch aber ist nur eines seiner Bücher: "Es liegt in der Familie", wie der Titel annonciert, seine Familiengeschichte, die vornehmlich auf Sri Lanka spielt, bevor sich die Großfamilie in alle Weltteile verstreute. o­ndaatjes große Romane aber - zuletzt mit "Anils Geist" im gegenwärtigen Sri Lanka, davor im "Englischen Patienten" während des 2.Weltkriegs in der afrikanischen Wüste und Italien und im Debütroman "In der Haut eines Löwen"(1990) im Kanada der Dreißiger und Vierziger Jahre situiert - sind alle weiträumige Erzählungen über Migranten, Entwurzelte, Heimatlose, die als aus dem Paradies der Herkunft Vertriebene in der Welt der Fremde mit Glück, Mut und Unternehmungskraft erneut Halt, Sicherheit und menschliche Wärme suchen. Die erzählerische Welt o­ndaatjes wird, bei allem Schrecken und in aller Verzweiflung, durchglüht von einer in der heutigen Welt-Literatur seltenen menschenfreundlichen Liebe für seine Helden und Scheiternden.
"Wir sind alle bessere Menschen, wenn uns jemand liebt": - dieser letzte und zuvor mehrfach zitierte Satz von Alistair MacLeods "Land der Bäume" könnte auch von Michael Odaatje stammen. Es ist dieser humane "Wärmestrom", der beide trägt und in ihren Büchern zirkuliert, wobei wir ja bislang nur diesen einen Roman von dem heute 65jährigen Kanadier MacLeod kennen. Wer ihn aber gelesen hat, wird ihn nicht mehr vergessen.

Wenn nicht alles täuscht, was über den Autor und seine Herkunft aus einer vielköpfigen Familie berichtet wird - dass er im Sommer in einer Hütte schreibt, im Winter an einem College Englische Literatur lehrt, dass er seine Ausbildung als Holzfäller, Minenarbeiter und Fischer verdiente und auf Cape Breton, einer kanadischen Atlantik-Insel, die auch im Buch eine der Hauptrollen spielt, aufgewachsen ist -, dann dürfte "Land der Bäume" ganz wesentlich aus- & unterfüttert sein von autobiografischem, familiärem Erlebnis- & Erzählmaterial. Der Stoff, der hier gewoben wird, reicht zweihundert Jahre zurück, als nämlich der schottische Clan der rot- & schwarzhaarigen McDonalds Schottland gen Westen verließ, nachdem der letzte große Aufstand der schottischen Highlander unter der Führung "Bonnie Prince Charlies" auf dem Culloden-Battlefield von den englischen Truppen siegreich und blutig niedergeschlagen worden war. Diese Katastrophe ist noch heute ein tragischer Fixpunkt der schottischen Selbstempfindung, und die "Highlander"-Filme der letzten Jahre tragen den verlorenen Kampf immer aufs Neue aus.
Die Erinnerung daran ist bei den schottischen Emigranten, die an der kanadischen Ostküste, auf der Insel Cape Breton und dem Festland im 17. Jahrhundert eine neue Heimat gefunden hatten, über die Jahrzehnte und die zwei Jahrhunderte, die sie davon trennen, gegenwärtig geblieben - auch durch das Gälische, das sie untereinander sprechen und vor allem durch die Lieder und die Musik, "das Opium der Armen", wodurch die Familiengeschichte immer und immer wieder erzählerisch "recycelt" wurde. "Das Vergangene ist nicht vergangen, es ist noch nicht einmal vorbei", hatte William Faulkner behauptet - für den Erzähler des "Lands der Bäume", den reichen Kiefernorthopäden Alexander McDonald, der in der Nähe von Toronto lebt und meist samstags seinen älteren Bruder Calum besucht, trifft das ebenso zu. Calum saß wegen Totschlags an einem Frankokanadier jahrzehntelang im Zuchthaus, jetzt ist er schwerer Alkoholiker, der in einer Absteige zusammen mit anderen Ausgestoßenen und Armen dahinvegetiert. Sein Bruder Alexander versorgt ihn mit Geld und Alkohol, denn "man muß stets zur eigenen Familie stehen" und "Blut ist dicker als Wasser": das war und ist die Clan-Regel.

Ohne sie hätten die armen und kinderreichen MacDonalds, die langsam auf der Insel zu bescheidenem Wohlstand kamen oder auf Arbeitssuche wieder die neue Heimat zugunsten anderer Gegenden Kanadas oder der USA verlassen mussten, in der winterlichen Eiswüste auf Cape Breton, auf dem stürmischen Meer, im Land der Bäume, in den Uranminen und in der Rivalität mit anderen ethnischen Gruppen der kanadischen Gesellschaft nicht überdauert und der Erosion der Zeit, die sie durchlebten, nicht widerstanden.
Schon gar nicht der Erzähler und seine Zwillingsschwester, die Schauspielerin wurde; denn sie haben als Kleinkinder ihre jungen Eltern und einen älteren Bruder auf dem Eis verloren, das im Winter zwischen der Insel und dem Festland nicht immer trägt. Bei den Großeltern sind sie aufgewachsen und einem eigenbrötlerischen Großvater, der als uneheliches Kind früh in dem katholischen Milieu viel Hänselei erleben musste: drei unvergesslich eindrucksvoll von Alistair MacLeod vor Augen gestellte Menschen mit trockenem Humor und groteskem Eigensinn, Herzenswärme und Lebensmut. Als in der Uranmine einer der MacDonalds von einer herunterstürzenden Lore erschlagen wird und seine Clan-Verwandten mutmaßen, es sei kein Unfall sondern ein Mord gewesen, verlassen sie alle sofort mit der Leiche die Arbeitstelle, um den Toten zuhause auf der Insel würdig zu beerdigen. Erst als der Vorarbeiter sie flehentlich zur Rückkehr auffordert und höheren Lohn verspricht, kehren sie zurück - und selbstverständlich rückt Alexander, der gerade Medizin studiert, mit seinen Brüdern und Cousins in die Uranerzgrube zu schwerster körperlicher Arbeit ein, damit die Schicht wieder vollzählig ist. Später nehmen sie dort einen amerikanischen Verwandten auf, der sich dem Wehrdienst in Vietnam durch den Unterschlupf in Kanada entzieht. Noch später aber wird man entdecken, dass er dem immer aggressiven Anführer der frankokanadischen Minenarbeiter, den Calum im Streit erschlagen hat, 1000 Dollar gestohlen hatte - eine Schande für die MacDonalds, die das gefundene Geld an die Hinterbliebenen des Getöteten schicken.

Einmal taucht vor dem Lager der Minenarbeiter ein kleiner, verhungerter Mann auf, der mit seiner alten Fiedel ein schottisches Lied spielt. Sie schmuggeln ihn ins Lager, geben ihm zu essen und dann setzt er sich vor die Baracke und beginnt zu spielen. Erst sind es die MacDonalds, die sich mit ihren Fiedeln zu ihm setzen und mitspielen, dann aber kommen die "feindlichen" Frankokanadier misstrauisch aus ihrer Baracke; und nach einem kurzen Zögern holen sie ihre Fiedeln, Mundharmonikas und Akkordeons heraus und setzen sich neben die MacDonalds (was sie noch nie gatan hatten) und beginnen mitzuspielen; einer reißt eine Sperrholzplatte aus der Barackenwand: nun können sie alle Steptanzen, einstimmen in die vorgetragenen Stücke, Bier wird geholt, getrunken und getanzt. So lebten sie einmal alle - den Schlaf, das Essen, die Feindschaft vergessend und aufgehoben von und in der Musik - für einen Tag "wie Götter" - bis der Vorarbeiter diesen euphorischen Augenblick gemeinsamen Glücks beendet und sie alle wieder in den Trott des Alltags, der Rivalität und der zermürbenden Arbeit unter Tage zurückkehren müssen.

Aber es sind nicht diese und andere aufleuchtende Momentaufnahmen aus Lebensgeschichten, die MacLeods Roman seinen eigenen literarischen Charakter geben. Der fragile Rahmen, den der Autor für seinen Erzähler anfangs setzt - während Alexander für Calum Getränke einkauft, schweift er erinnernd ab in beider familiäre Vergangenheit -, lässt er bald zurecht ungenutzt, um sich immer freier dem Zustrom vieler Erinnerungsflüsse hinzugeben, die aus anekdotischen oder beiläufigen Quellen entspringen und sich zum epischen Erzählstrom verbreitern. Der beschwört mit großem sinnlichen Atem die ferne großelterliche und die nächste Vergangenheit und Gegenwart des vielköpfigen Clans von längst Toten und den Lebenden - bis das Vergangene nicht mehr vergangen, sondern als großes Panorama von Menschen, Leidenschaften und Landschaften höchst präsent ist.

Nahezu genial ist dabei MacLeods erzählerische Methode: aus dem Nach-und-Nach der aus unterschiedlichen Blickwinkeln, Zeiten und von verschiedenen Personen erinnerten und "besprochenen" Episoden, Anekdoten und Brennpunkten der Familiengeschichte, tritt im Laufe der Erzählung eine große Erzählung des kollektiven Mythos einer Gruppe von Menschen hervor, die sich an ihren Namen, ihren roten oder schwarzen Haaren, und vor allem an ihren gälischen Liedern und Balladen als versprengte schottische Clansmen in der Neuen Welt wiedererkennen. Und wir, als MacLeods Leser, werden dadurch von Mal zu Mal tiefer in diesen "Brunnen der Vergangenheit" hineingezogen und aufgenommen in dieses Stimmengewirr und eingebunden in dieses Themengeflecht sich verfärbender Erzählstränge, so dass wir - nun selbst Clan-Mitglieder geworden - die Saga von den MacDonalds in allen subtilen Details kennen- und sie mitfühlend lieben lernen.

So sicher kann sich der Autor seiner beschwörenden Erzählmagie sein, die musikalische Strukturen der Wiederholung, der Variation und der symphonischen Durchführung ins Literarische transponiert, dass er gegen Ende zu einem "Wechselgesang" des Erzählers mit seiner Zwillingsschwester anhebt und seine epische Reise zu den Toten, die zu ihrer literarischen Wiederauferstehung geführt hat, in der Final-Reise ausklingen lässt, die der Erzähler mit dem älteren Bruder Calum nach dem sturmumtobten Cape Breton unternimmt, wo der todkranke Mann, "der mich von der Insel quer über Eis auf seinen Schultern trug, als ich drei war", seine endgültige Ruhe findet: zuhause.


Wolfram Schütte

 


Alistair MayLeod: Land der Bäume. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.
S.Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2001, 285 Seiten, 39.80 DM
ISBN: 3-10-048813-X

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