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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:40

 

Charles Simmons: Lebensfalten

23.02.2004




Blues mit 40 Takes

Charles Simmons faltet (s)eine Leben auf.



 

"Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank“. Was mit diesem knallharten Satz begann, war eine zarte Erzählung mit dem Titel „Salzwasser“, in der Vater & Sohn das gleiche Mädchen lieben, ohne dass der Sohn lange Zeit weiß, dass er die Geliebte seines Vaters im Auge hat. Es wird tragisch für alle drei enden; und nur der Sohn weiß, warum.

Der (mittlerweile) 77jährige Autor Charles Simmons war bis vergangenes Jahr, als sein schmaler Roman bei C.H. Beck erschien, in Deutschland unbekannt. Danach hatte er mit „Salzwasser“ einen Namen. In den USA, wo Charles Simmons schon 1964 (!) für seinen ersten Roman den Faulkner Award erhalten hatte, kannte man ihn (unter Autoren auch) als jahrzehntelang redigierender und kritisierender Redakteur des „New York Times Book Review“. Nicht nur deutsche Kritiker sondern auch Leser waren über diese eigenartig herbe und lakonische doppelte Liebesgeschichte, die Turgenjews Erzählung „Erste Liebe“ an der ostamerikanischen Küste neu und zeitgemäß erzählte, ebenso erstaunt wie beglückt.

Das hat den Verlag ermutigt, den Autor mit einem weiteren Buch vorzustellen – einem älteren, das bereits 1978 erschienen ist. Da war der aus einer katholisch-protestantischen Ehe stammende Simmons 54 Jahre alt; und obwohl (& zurecht!) das jetzt publizierte Buch „Lebensfalten“ vom Autor Roman genannt wird, legt er zugleich den Verdacht nahe, dass es sich um eine Autobiografie handelt: die eines Egoisten.

Selbst wenn es keine wäre, so spielte doch der „Roman“, wegen der darin porträtierten Person eines Schriftstellers, mit der Vermutung, Simmons spreche nur von sich. Aber wenn es eine Autobiografie ist, dann eine, in der sich der Autor zum Romanhelden macht, über den sich der Erzähler als Beobachter und Registrator wie über eine erfundene Person beugt, indem er sie sich (oder sich sie) zum „er“ verfremdet. Jedoch auch diese Camouflage ist ebenso ein autobiografischer wie ein literarischer Trick. Kurzum: das Rätsel ist also nicht zu lösen, das Buch oszilliert zwischen Fakt & Fiktion. Das ist eines seiner literarischen Reizmittel. Das andere ist seine literarische Form.

Simmons erzählt kein Leben von der Geburt bis zur Gegenwart des Schreibenden und seines Helden des Alltags; er präsentiert vielmehr rund vierzig mal Kristallisationen von jeweils ca. vier bis fünf Seiten. „Noch bevor er in die Schule kam, brachte ihm seine Mutter Zahlen bei“, beginnt der erste seiner biografischen „Takes“. Und der letzte startet so: „Er hatte gehört, daß ein Junge in seinem Wohnblock bald an einer seltenen Krankheit sterben würde“. Wie hier dann vom Tod die Rede sein wird, so zu Beginn von der vorschulischen Prägung und Fixierung auf Zahlen. Derart hebt das Buch immer wieder von Neuem an, um erzählerisch ein Leben aufzufalten: Kindheit, Schule, Armee (im 2.Weltkrieg), Ehe, Kinder, Scheidung, Liebschaften, Beruf.

Aber auch das wäre für die anekdotisch-essayistischen Kristallisationen (um wieder mit dem Stendhal von „De l´amour“ zu sprechen), die Simmons in seinen „Lebensfalten“ sich ausprägen lässt, zu systematisch, zu buchhalterisch gedacht. Weder wird hier ein Leben durchbuchstabiert, noch werden Abstrakta ver(sinnbild)licht. Das Leben, seins oder das seines erfundenen alter egos, ist keine Allegorie des Menschen, des Mannes, des Schriftstellers. Es setzt sich aus Alltags-Lebens-Themen zusammen, die aller Welt bekannt sind; und diese Themen werden zeitlichen Variationen unterworfen, um- & durchgespielt.

Der erste Satz seiner literarischen „Takes“ verrät nicht immer, was sein Thema ist und wohin der Autor es treiben wird. Er setzt auf die Überraschung; seine Texte mäandrieren. Vorhersehbar ist nichts, wenn auch alles, was erinnert wird, auf den jeweiligen roten Faden des gesetzten Themas perlenhaft aufgezogen ist. Manchmal geht er z.B. von Insekten oder Holz aus – und erklärt uns, was sein Verhältnis zu beiden ist und war – und möglicherweise sein wird. Denn das ist das serielle Prinzip in dieser Serie von Anekdoten aus einem Leben: vom Kind geht die Reise zum Mann, und zuletzt stellt sich der Mittfünfziger vor, wie er zukünftig, also wenn er sechzig Jahre und älter sein wird, diese lebenslange Beschäftigung fortsetzen, unterlassen oder ihr nachdenken wird. Ich denke mir, literarische Spieler wie Georges Perec („Das Leben. Gebrauchsanweisung) oder Raymond Queneau („Stilübungen“) hätten in diesem Charles Simmons einen Geistesverwandten gesehen.

Seine „Kreuz- & Querzüge“ durch ein Leben vornehmlich in New York führen natürlich auch zu Überschneidungen und damit Wiederholungen. Dass seine erste Ehe scheiterte und er sich danach mit jungen Frauen ausgiebig vergnügte und grosso modo doch ein ziemlich selbstbezogenes Leben führte, ist durchgängiges Thema dieses Männlichkeits-Stolzes, samt potenter Eitelkeit. Sympathisch, oder gar herzerwärmend wird man (und erst recht eine gefühlvolle Leserin!) dieses männliche „Subjekt“, das seine „Lebensfalten“ freimütig & -giebig präsentiert, wohl kaum finden. Aber das ist ja von Literatur, die etwas wagt, das auf Wahrheit und nicht auf Illusion zielt, nicht zu erwarten oder zu verlangen. Bei der Lektüre dieses kraftvollen Resümees eines Fünfzigjährigen, der sich ja immer wieder in ein Alter hineinspekuliert, das er mittlerweile erlebt hat, fragt man sich gelegentlich, wie der Autor heute, 23 Jahre später, nun selbst auf seine „Education sentimentale“ zurückblickt. Leider hat er uns das nicht verraten. Aber zu wünschen bleibt, dass uns sein deutscher Verlag nun noch andere von Charles Simmons´ schlanken Büchern zugänglich macht. Denn auch in seiner Übersetzerin Susanne Hornfeck hat er eine brillante Vermittlerin.


Wolfram Schütte

 


Charles Simmons: „Lebensfalten“. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Hornfleck. Verlag C.H. Beck, München, 2001. 161 Seiten, 36 DM

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