Von allen erzählerischen Werken, die der ungarische Schriftsteller György Konrád im Laufe seines siebzigjährigen Lebens veröffentlicht hat, ist – möglicherweise – dieses letzte und jüngste, übrigens auch schlankste: das
schönste. Für mich zumindest. Ein Buch der Erinnerungen von 156 Seiten, lakonisch wie sein deutscher Titel: „Glück“ (Der ungarische lautet „Abreise und Heimkehr“).
Ich glaube, dass der deutsche Titel treffender und triftig ist: „Glück“ gehabt zu haben, heißt ja bei uns sowohl, seiner teilhaftig geworden zu sein (es also erlebt zu haben), als auch, dem Unglück ohne eigenes Zutun entkommen zu sein. Wer als (ungarischer) Jude, wie György Konrád, heute Siebzig Jahre alt werden
konnte, musste Glück gehaben haben, der „alteuropäischen“, speziell der deutschen Vernichtung mit Namen Eichmann, entgangen zu sein. Sein vier Jahre älterer Landsmann, der letztjährige Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, hat als Fünfzehnjähriger, 1944 nach Auschwitz deportiert, das Vernichtungslager überlebt und hat davon in seinem „Roman eines Schicksalslosen“ (1975) auf verstörende Weise, nämlich durch die Augen eines erlebnishungrigen Jungen erzählt.
Es könnte sein, dass Konrád nun davon angeregt wurde, jetzt seinerseits tiefer in seine Autobiografie hinabzusteigen, als er es je zuvor in seinen früheren Romanen getan hat: in die Kindheit und Jugend, als Sohn eines reichen und angesehen Eisenwarenhändlers in einem Dorf mit einem unaussprechlichen Namen im östlichen Ungarn, dann – nach der Deportation der Eltern in ein österreichische KZ – mit der Schwester und zwei Vettern bei Verwandten in Budapest (bis die Rote Armee einmarschierte) und schließlich als Vater von Kindern, der seine gewesene, verlorene, enteignete, verwaiste, heruntergekommene Heimat besucht, die keine mehr ist.
Was ist das Schöne an Konráds “Glück“? Dass es noch „verwilderter“ erzählt ist als seine früheren Bücher. Konrád ist eher ein Rhapsode und Essayist als ein Romancier, der „klug“ erzählerisch „kalkuliert“. Hier, im „Glück“, kann man ihm buchstäblich zusehen bei seiner „Niederauffahrt“ (Manganelli) von der Gegenwart zur Vergangenheit & rétour. Das macht das Buch so lebendig, in jedem Augenblick überraschend, auf der ganzen Strecke so spannend. Es ist, als hörte man einem Mann zu, der sich spontan und ohne Plan: erinnert. Und während er sich öffnet für das Einströmen von Bildern, Gerüchen, Situationen verdichtet sich langsam die erinnerte Zeit – jedoch nie so, dass der sich nun als siebzigjährige Beschwörer des Imperfekts seiner Jugendzeit sich heraushalten könnte aus dem Prozess der Vergegenwärtigung. Denn wohin in die Zeitferne er auch abschweifen mag – in die Frühgeschichte seiner Familie z.B. –, so weiß er doch immer, was
„danach“ kam & was
ist.
Dieses Selbst-Bewusstsein unterscheidet diesen ungarischen „Springenden Brunnen“ von dem gleichnamigen autobiographischen Roman Martin Walsers, der prätentiert, die Quellen der subjektiven Erinnerung sprudeln lassen zu können, als gäbe es ihn als Alten nicht, der nach ihnen gegraben und sie angestochen hat und der meint, alles sonstige Wissen von der Welt und den Zeitläuften aussparen zu können, als sei er an seinem Ursprung angelangt. György Konrad erinnert sich genauso wie Walser, aber er lässt uns an seinem Abstieg in den „Brunnen der Vergangenheit“ (Thomas Mann) und an seinem Wiederaufstieg teilhaben.
Das Glück, das der junge György einmal hatte, war das dörfliche Leben im großbürgerlichen Haus, das Herumstreunen und Baden in der Provinz unter der Obhut liebenswürdiger Eltern. Das Glück, das er und seine Schwester
danach gleich mehrfach hatten – danach heißt: ab dem 19.März 1944, als die Deutschen Ungarn besetzten – , ist so paradox und „unverschämt“, dass er selbst gelegentlich von „Vorsehung“ spricht . Sie habe den verschlungenen Weg über einen Konditor genommen, der zu den nazistischen Pfeilkreuzlern gehörte, dessen Geschäft die Konrad-Kinder nicht besuchten, weil das Eis und der Kuchen in einem anderen Laden einfach besser schmeckte. Dieser Konditor hatte Konrád Vater als „englischen Spion“ angezeigt, worauf er (und seine Frau, die bei ihm bleiben wollte) von der Gestapo in ein österreichisches Lager deportiert wurden. „Dadurch“, schreibt Konrád ironisch. „dass (der Konditor) in der Kunstgattung der Denunziation, in seinen Ausflügen ins Reich der Phantasie die entsprechende Form gefunden und meinen Eltern ins Internierungslager der Gestapo verholfen hatte, war es ihm gelungen, uns großes Glück zu bescheren, denn dadurch entgingen wir alle... dem gemeinsamen Schicksal der Újfaluer Juden: Auschwitz“.
Denn die vermeintlichen Spione überlebten unter der „Obhut“ der Gestapo, und die vier im verwaisten Elternhaus zurückgebliebenen Kinder fuhren – durch Bestechung eines Rechtsanwalts mit den nötigen Reisepapieren versehen – nach Budapest zu Verwandten. Einen Tag darauf wurden alle ihre Klassenkameraden samt ihren Müttern auf den Transport in die Vernichtungslager geschickt, wohingegen die Väter zumeist überlebten, weil sie zu Schanzarbeiten abgeholt worden waren. Als sie nach dem Kriegsende zurückkamen, hofften sie vergeblich auf die Rückkehr ihrer Frauen und Kinder.
Dieser und anderen „Verkettungen von gnädigen Zufällen habe ich mein Leben zu verdanken“ – und wer das Abenteuer eines Überlebens an der Seite der zarten, schlanken, schönen dreißigjährigen Tante Zsófi gelesen hat, die mit fünf Kindern durch die Kälte des Budapester Winters 1944 kam, in dem jeder Pfeilkreuzler oder deutsche Soldat die Untermenschen mit dem Gelben Stern „mit einer Leichtigkeit abmurksen konnte, wie du einen Hasen schießt oder Fliegen fängst“, der ist um eine ebenso pessimistische wie aber auch groteskkomische Lebenserfahrung reicher.
Der späte György Konrád, der auf sich und seinesgleichen im Chaos des Kriegsendes, der Rechtlosigkeit und der Absurdität blickt, ist härter, empörter als je und fängt doch seine Bitterkeit, die ihm in der Erinnerung zuwächst, durch eine satirische Schärfe in der Beschreibung dieser Zeit auf, die einen sowohl an Chaplin als auch an Lubitsch denken lässt. Groteske Komik und Entsetzen greifen ineinander, z.B. wenn der onkel, der seinen Rasierpinsel in einem Nachbarhaus versteckt hat, György auf die Straße schickt, um „die Drangsal des Unrasiertseins auszuschließen“ – und der „Judenjunge“ gleich von einem Soldaten geschnappt wird. Der Dialog zwischen dem Soldaten und György könnte aus „Sein oder Nichtsein“ stammen, weil er sich um die „jüdische“ Angewohnheit, auf eine Frage mit einer Gegenfrage zu antworten. Der Soldat „wusste sehr wohl, was Sache war, ich ebenso“. Er spürte nur „kein Verlangen, mich zu töten“.
Wie György hier dem Tod zufällig entkommt, so entgeht ihm auch seine Schwester Klara. Sie wollte das Ausgehverbot für Juden nicht akzeptieren, wurde aufgegriffen und mit einer Gruppe von anderen Juden, unter denen sie eine Tante erkannte, zum Donaufer geführt, um „in die Donau geschossen zu werden“. Die Tante wurde getroffen, stürzte in die eiskalte Donau, die unverletzte Klara aber wurde von einem „ziemlich freundlichen“ Pfeilkreuzler mit der Bemerkung weggeschickt: „Du hast Glück, dass mein Magazin leer ist. Mach schnell, dass du wegkommst, und sein schön brav daheim!“ Grinsendes Grauen gehört zum Alltag dieser jüdischen Jugend in Budapest, wobei „nicht einmal die reichliche Auswahl an willkürlichen Toden die Schönheit der Lichtflut an den verschneiten und vereisten Wintermonaten trüben konnte“ – für diese früh erwachsenen Kinder.
Der Übersetzer hat wohl bewusst und auf Konráds Wunsch mit der mehrfach wiederholten Wendung „Juden in die Donau schießen“ gegen die deutsche Grammatik verstoßen. Die Vergewaltigung der Sprache entspricht der Brutalität dieser kollektiven Morde, die auch Aleksandar Tisma in Novi Sad (Serbien) erlebt hat. Die Wendung prägt sich einem ein; aber auch, dass der Übersetzer an anderen Stellen ins Flapsige verfällt („Ihre Frauen waren in Auschwitz gelandet“) oder die Korrektur manchen Fehler übersehen hat. Solche Nachlässigkeiten trüben ein wenig das Glück, das man als tief einbezogener Leser mit György Konráds „Glück“ hat.
Wolfram Schütte
György Konrád: Glück.
Roman. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
Gebunden.156 Seiten, 19.90 ¤
ISBN: 3518414453