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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:40

Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut

05.10.2009

Smells like teen spirit

„Was Deutschland und Österreich trennt, ist die gemeinsame Sprache“, konstatierte einst Karl Kraus. Diese Erfahrung bleibt auch dem reichlich gebeutelten Protagonisten in Martin von Arndts neuestem Roman nicht erspart. INGEBORG JAISER folgt einer spannenden Odyssee durch die Alpenrepublik.

 

Schlimm genug, dass es den Braunschweiger Musiker Julio C. Rampf ins ferne Innsbruck verschlagen hat. Eigentlich der Liebe wegen, denn seine Ehefrau Ines – eine Laborantin mit einer hinderlichen Mäusephobie – hat just in der Tiroler Landeshauptstadt eine Stelle ergattert. Doch das Umfeld ihrer neuen Mietwohnung entpuppt sich rasch als marode, verlotterte Häuserzeile. Und der ewig grantelnde Hausbesorger, „ein zwergenhafter Mittfünfziger vom Typus alpiner Bergführer“, lässt keine Gelegenheit aus, die beiden Piefkes nach allen Regeln der Kunst zu mobben. Zu allem Übel verliebt sich Ines in ihren Psychoanalytiker und nutzt die schwärmerische Begeisterung für den eloquenten Seelentröster, um nach längeren Streitereien den Ehemann Julio endgültig zu verlassen.

Achtzehn Kostbarkeiten

Vorbei ist vorbei. Julio versinkt in Weltschmerz, verpennt die Tage und bringt sich an den Rand des finanziellen Ruins. Schlechte Zeiten für einen Musiker, der klassische Jazzgitarre studiert hat. Da kommt ihm eine Annonce unter: „Paintner. Musikproduktionen. Studiogitarrist und Arrangeur gesucht. Livetauglichkeit unwichtig.“

Fortan verdient Julio sein Geld mit dem Aufbereiten internationaler Rocksongs für die Hintergrundbeschallung von China-Restaurants. „Eleonor Rigby“, süß-sauer. „Smells like teen spirit“, mit Geschmacksverstärker. „Halt das ganze Ding-Ding-Dong vom Chinamann, verstehscht?“, wie der vierschrötige Produzent Paintner seine Vision umschreibt. Seine CDs heißen „Achtzehn Kostbarkeiten“ oder „Glück für die ganze Familie“.

Fast hätte Julio wieder Boden unter den Füßen gewonnen, wäre nicht das nächste Mysterium in sein Leben getreten. Regelmäßig, jeden ersten Mittwoch im Monat, wird ihm per Einschreiben ein leeres Blatt Papier zugestellt. Überbracht von einem Postmann mit Tirolerhut. „Tragen sie hier eben Hut, die Einschreibeboten, keine Mütze, keine Kappe, sondern Tirolerhut. Hier ist eben alles ein wenig Folklore …“

Roman mit Playlist

Ein leeres Blatt Papier in einem absenderlosen Kuvert. Julio stutzt, zaudert, grübelt – und beginnt zu recherchieren. Er hakt seine möglichen Widersacher ab und reist durch die Postämter der österreichischen Landeshauptstädte, einmal quer durch die Alpenrepublik. Ein Krimi könnte so beginnen, gekreuzt mit einem Roadmovie, versehen mit einem Hauch philosophischem Esprit.

Steht das unbeschriebene Stück Papier als Symbol für die Leerstellen in Julios Leben? Als Sinnbild für das Unaussprechliche, Tabuisierte? Treten die dunklen Seiten aus Vergangenheit und Familiengeschichte wieder an die Oberfläche?

Auszüge seines Romans stellte der promovierte Religionswissenschaftler, Musiker und mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Martin von Arndt bereits beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2008 in Klagenfurt vor. „Musik ist eine Art, mit den Dingen umzugehen – Literatur eine andere“, erklärt er in seinem damaligen Videoporträt. Kein Wunder, dass er dem aktuellen Roman gleich noch eine Playlist an die Seite stellt. Doch auch ohne Ton ist dieses Buch ein herrlich skurriles, schräges, synkopisches Stück Prosa.

 

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