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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:42

Siegfried Lenz: Landesbühne

12.10.2009

Warten auf den gestrigen Tag

In Landesbühne schickt Siegfried Lenz mehr als vierzig Jahre nach der Deutschstunde noch einmal eine Romanfigur ins Gefängnis und veranstaltet ein literarisches Spiel, in dem die Welt zur Bühne wird. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

 

Was passiert, wenn eine Erzählerfigur des großen Erzählers Siegfried Lenz eingesperrt in einer Zelle sitzt? Sie erzählt. Etwas mehr als vierzig Jahre sind vergangen, seit in der Deutschstunde aus Siggi Jepsens Strafarbeit über die Freuden der Pflicht gewissermaßen als Buch im Buch einer der bekanntesten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur wurde. Nun hat Lenz erneut ein Buch geschrieben, dessen Erzähler in einem Gefängnis einsitzt. Schon wer die im letzten Jahr erschienene Novelle Schweigeminute aufmerksam las, konnte bemerken, wie für Lenz dieses Buch auch zur Echokammer des eigenen Werkes geworden ist. Auch hier ist das Echo schon im ersten Satz wieder da: „Schau dir das an, Professor“, sagte mein Zellengenosse, „komm her und schau dir das an.“ Der so Angeredete ist natürlich zunächst derjenige, der hier erzählt, aber Lenz mag auch die Zunft adressiert haben, der seine Figur angehört. Lenz veranstaltet in diesem schmalen Buch, das ohne ausdrückliche Gattungsbezeichnung auskommt, nämlich ein literarisches Spiel – und anzuschauen gibt es eine Menge, selbst wenn zuletzt vielleicht alles nur erfunden ist.

Geheimnisvolles, jedenfalls unterhaltsames Spiel

Die Ausgangssituation, die mit dem Blick aus dem Zellenfenster beginnt, ist folgende: Das Ensemble der Landesbühne kommt zu einem Gastspiel in die Strafvollzugsanstalt Isenbüttel. Zwei „stilisierte Masken versprachen geheimnisvolles, jedenfalls unterhaltsames Spiel“, befindet der Erzähler. Zur Aufführung gebracht wird ein Stück mit einer „Geschichte, in der das Phantastische im Wirklichen aufgeht“. Damit ist die Idee des Gastspiels programmatisch für die Erzählung insgesamt, für deren heitere Entrücktheit, die zuletzt in die Realität mündet. Die Gefängnisinsassen, zumindest die Schar um den Professor Clemens, sind keine schweren Jungs, eher sind sie von der Gesellschaft gewogen und für zu leicht befunden worden.

Clemens ist Verfasser eines Buches mit dem Titel Sturm und Drang. Von der Universität wurde er entfernt, weil er hoffnungslosen Kandidatinnen zu hervorragenden Abschlussprüfungen verholfen hat, nachdem diese zuvor bei ihm genächtigt hatten. Sein Zellenkamerad Hannes hat als falscher Polizist Bußgelder von Verkehrssündern kassiert und Ferdi Bolzahn ist mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet gewesen. Ihre Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, die schon in der Deutschstunde verhandelt wird, erfüllen sie abermals, wenn sie am Abend der Aufführung mit dem Bus der Landesbühne vom Hof fahren. Verkleidet als Schauspieler, das ist der Witz.

Eine solche Geschichte funktioniert nur außerhalb der Zeit, deshalb ist Grünau, wo die Truppe unversehens landet, der richtige Schauplatz. Diesem unwirklichen Provinzort, in dem gerade ein Nelkenfest gefeiert wird, können die vermeintlichen Theaterleute ihren Talenten entsprechend neues Leben beibringen. Der Professor ist als Vortragsredner gefragt, Hannes erhält den Auftrag, die Einrichtung eines – Achtung: Echo! – Heimatmuseums vorzubereiten.

Spielende und Endspiel

Hat sich Lenz hier tatsächlich einen großen Spaß gemacht? Es ist in jedem Fall ein doppelbödiger, ein abgründiger Spaß. Die Entgrenzung, die er sich erlaubt, ist wie die Ausschweifungen des Karnevals zeitlich begrenzt. Im letzten Viertel des Buches sitzen die Figuren wieder im Gefängnis und der Ton ist ein anderer geworden. Nachdem die Ausreißer in Grünau bei einem Festakt für ihre Verdienste geehrt worden sind, nimmt der Gefängnisdirektor Tauber sie wieder in Gewahrsam. Er beendet das Spiel, hält es für seine „Pflicht dafür zu sorgen, daß der Kreis sich schließt“. Es bleibt nur ein Nachhall des Spaßes, und eine Weile hört man als Leser noch Töne, die gar nicht mehr gespielt werden. Kaum glauben kann man es deshalb, wenn der Professor erzählt, Ferdi Bolzahn habe sich aufgehängt, so erschreckend wirkt die kurze Schilderung des Unglücks in der Nachbarzelle.

Die Landesbühne kommt noch einmal zu Besuch, diesmal steht Warten auf Godot auf dem Programm. Das Warten ist für Clemens und Hannes zu einer Lebensform geworden, in Becketts Existenzparabel spiegelt sich das Dasein der Gefangenen. Doch entscheidend ist, wie Lenz seine Figuren mit diesem Zustand umgehen lässt und wie er auf seine äußerst sorgfältige und behutsame Weise davon erzählt. Aus beidem zusammen ergibt sich die Schönheit dieses Buches: Bolzahn schafft, was Becketts Landstreicher nicht fertig bringen.

Hannes aber klaut den berühmten Requisitenbaum und stellt ihn in der Zelle auf. Einen neuen Fluchtplan gibt er freiwillig auf und wie im Mythos von Sisyphos identifiziert er sich mit seiner Lage. Er will nun mit seinem Zellengenossen zusammen ausharren. Resignation verwandelt sich so in Melancholie, das Absitzen von Zeit wird zum Warten auf den gestrigen Tag – und erhält damit einen Sinn.

 

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