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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:43

Adrian Zinn: Gehen

26.10.2009

Zurückgewiesene Altersliebe

Natur und Kultur, Liebe und Leid, Bewegung und Stagnation, Euphorie und Depression verschränken sich in dieser Erzählung, die der Autor leichthin als „Eine Episode“ untertitelt. Von INGEBORG JAISER

 

„Lange hatte er für die Mode des Nordic Walking nur Spott übrig gehabt. Man kann doch gehen, schnell marschieren oder joggen oder laufen; wozu also diese lächerlichen Stöcke hinterherziehen? … Doch dann hatte sein Arzt ihn überredet.“

Offen äußert der Protagonist der Romanerzählung Gehen seine anfängliche Skepsis. Dass ihn – den in die Jahre gekommenen Intellektuellen – eine präsenile Bettflucht vor die Tür treibt, weiß er noch mit Humor zu konstatieren. Doch das tägliche Ritual des Walkens betreibt er mit gehörigem Ernst. Frühmorgens nimmt er seine Route über die Trasse einer alten Römerstraße. Meist ist er zwischen Äckern, Feldern und Obstwiesen vollkommen allein, die Nebenerwerbslandwirte kommen erst nach der Arbeit oder am Wochenende heraus.

Selten ist in der modernen Literatur der kontemplative Aspekt der Bewegung so nachdrücklich, eindringlich und facettiert beschrieben worden, wie in dieser Erzählung. Während das Naturerlebnis den Geist beflügelt, verhelfen die Rhythmik der Bewegungen und der Fluss des Atems, die Gedanken zu ordnen. Fast ließe sich dieses Buch wie eine Anleitung zum Gehen lesen. Wenn die Hauptfigur nicht durch ein unerwartetes Ereignis aus dem Tritt kommen würde.

Späte Amour fou


Überraschend meldet sich am Telefon eine alte Jugendliebe, 38 Jahre nach der abrupten, lange unfassbaren Trennung. Auf das erste Erstaunen folgt rasch ein Wiederaufflackern des bekannten Begehrens. Trotz familiären Bindungen und beruflichen Erfolgen auf beiden Seiten, trotz Ehepartnern und Kindern finden die ehemaligen Geliebten wieder zusammen. Ein neuer Dialog des Verlangens entsteht, per Mail, SMS und Telefon. Man verbringt heimlich ein gemeinsames Wochenende des Kunstgenusses auf der Documenta, schickt literarische Zitate und philosophische Andeutungen hin und her. Doch nicht beide Seiten sind gleichermaßen für diese späte Amour fou bereit. Während sich der Mann in Leidenschaft verzehrt, verschanzt sich die Geliebte zunehmend hinter Ausflüchten. Bis sie schließlich zum zweiten Mal gesteht, dass sie nicht zu der eingeforderten Nähe fähig ist.

Der Geher verfällt in eine tiefe Niedergeschlagenheit. Formuliert nächtelang Mails, die er im Morgengrauen wieder verwirft. Wird wortkarg seiner Frau gegenüber. Sucht Trost beim Rotwein. Nur das morgendliche Walken sorgt noch für Struktur in seinem aufgewühlten Leben. Monate und Jahreszeiten ziehen vorüber. Doch der ehemals agile, selbstzufriedene Geher driftet langsam in eine düstere Trübseligkeit ab, der er nicht mehr entkommt. Eine latente Depression manifestiert sich – bis hin zur Todessehnsucht.

Droben stehet die Kapelle

Die Geheimniskrämerei um den Urheber des Buches (laut Nachtrag wurde das Manuskript durch einen Arzt dem Verlag zugespielt) ist kein unbekannter Kunstgriff. Immerhin werden aufmerksame Kenner der Kulturlandschaft zumindest den Ort des Geschehens entlarven. Die Fotos auf Umschlag und Vorsatzblatt dürften zum Stimmungsvollsten gehören, was in diesem Herbst publiziert wurde. Im roséfarbenen Zwielicht präsentiert sich die zwischen Rottenburg und Tübingen gelegene Wurmlinger Kapelle in der Ferne. Nicht nur Ludwig Uhland hat sich durch sie inspirieren lassen.

Wer in der Nähe weilt, kann dieses Buch beinahe als Führer rund um den Kapellenberg benutzen. Ansonsten ist der Text gespickt mit klugen, intellektuellen Bezügen: Hölderlin und Heine werden ebenso zitiert wie Dagmar Leupold oder Leonard Cohen, wie Peter Weibel oder Roland Barthes. Wer ließe sich nicht durch so viele Anreize zum Gehen animieren.

 

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