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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:43

J. M. G. Le Clézio: Lied vom Hunger

09.11.2009

Geschichte aus zweiter Hand

Der neue Roman des Nobelpreisträgers vom vergangenen Jahr ist von der Thematik zu ernsthaft und sprachlich zu sauber gearbeitet, um für einen Verriss herzuhalten. Gleichzeitig sind die Figuren so schablonenhaft, dass sich ein Loblied darauf ebenfalls nicht anstimmen lässt. SIMONE SCHRÖDER über ein durch und durch mittelmäßiges Buch.

 

Zuletzt erzählte der Autor J. M. G. Le Clézi in Der Afrikaner die Geschichte seines Vaters, der als britischer Tropenarzt in Afrika Entwicklungshelfer war, nun wendet sich der Nobelpreisträger von 2008 dem Schicksal seiner Mutter zu. Die wuchs wie Ethel Brun, die jugendliche Protagonistin seines jüngsten Romans Lied vom Hunger, Anfang der 1930er-Jahre in Paris auf. Das Zeitgeschehen, die Erfindungen und Filme dieser Jahre werden vor dem Auge des Lesers in Form von sonntäglichen Salongesprächen im Haus der Bruns ausgebreitet. Das hört sich dann zum Beispiel so an:

„Deutschland [ist] sauber und angenehm geworden, seit der Kanzler da ist, überall sind Blumen“
– „Sie wollen uns wohl einreden, dass es ein Paradies ist!“
– „Immerhin, er hat möglich gemacht, dass eine Million Arbeiter an die Strände der Ostsee konnten, das ist besser als das, was die Sozialisten gemacht haben, oder?“
– „Die Ostsee, wie grässlich!“


Mauritius – Paris – Nizza

Ethels Familie kommt aus Mauritius, ihr Vater, Alexandre, ist ein Bohemien, dessen „Art, mit Geld um sich zu werfen, leeren Träumen nachzujagen“ und sein „Hang, sich mit Börsenspekulanten, Industriellen und Betrügern einzulassen“ dafür sorgen, dass in kürzester Zeit auch der letzte Rest der Familienbesitztümer verzockt ist. Mit schwindendem Wohlstand verflüchtigen sich auch die Gäste der Salongespräche, der Krieg bricht aus, und Ethel flieht mit ihren Eltern an die Côte d’Azur. In Nizza erleben sie das Ende des Krieges, das sich – es könnte geradezu einer Guido-Knopp-Dokumentation entnommen sein – mit Scharen von netten amerikanischen Soldaten vollzieht, die an ausgehungerte Franzosenkinder Kaugummis und Schokoladentafeln verteilen. Um ihren britischen Verlobten Laurent zu treffen, kehrt Ethel zurück nach Paris. Sie beschließen nach der Hochzeit gemeinsam nach Kanada auszuwandern, doch zuvor sieht sie ihre Mutter noch ein letztes Mal auf der Beerdigung ihres Vaters. Und so schließt der Roman, dessen Perspektive mittlerweile zu einem Ich-Erzähler gewechselt ist, der dem Autor gleicht, mit den Worten: „Ich habe diese Geschichte im Gedenken an eine junge Frau geschrieben, die ungewollt mit zwanzig Jahren eine Heldin war.“

Literarisches Glatteis

Wer aus zweiter Hand vom Krieg erzählt, von der Angst, dem Hunger, von Flucht, Folter und Verlust und dies tut, ohne die Erzählhaltung metafiktional zu brechen („Ich habe dies nie erlebt“) der begibt sich schnell auf Glatteis. Was Autoren wie Thomas Pynchon und Marcel Beyer gelungen ist, schlägt bei J. M. G. Le Clézio – wenn auch nicht ganz so schlimm wie in Julia Francks Die Mittagsfrau – leider fehl. Sein Lied vom Hunger ist ein durch und durch mittelmäßiges Buch. Die Figur der jungen Ethel bleibt den gesamten Roman über merkwürdig distanziert, so dass die Beschreibungen von erster Liebe, der Freundschaft zu einer armen Russin namens Xénia, aber gerade auch von Hunger und Flucht wie fahle Abziehbilder neben der Bedeutung stehen, die diese Erlebnisse für die Menschen vor 70 Jahren tatsächlich gehabt haben müssen. Die Welt, in der Ethel lebt, bleibt kühl, fast steril. Erfährt der Leser dann aber doch einmal etwas über ihre Empfindungen, so nähert sich das schnell dem Kitsch.

Ein Buch, das von der Thematik zu ernsthaft und sprachlich zu sauber gearbeitet ist, um für einen Verriss herzuhalten, dessen Figuren gleichzeitig aber so schablonenhaft sind, dass sich ein Loblied darauf ebenfalls kaum anstimmen lässt.

Simone Schröder


J. M. G. Le Clézio: Lied vom Hunger (Ritornelle de la faim, 2008). Roman. Deutsch von Uli Wittmann. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009. 224 Seiten. 18,95 Euro.

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