Dorrit ist fünfzig geworden und hat ihr Leben damit verbracht, Bücher zu schreiben und ihr Leben zu leben. Das reicht nicht, denn wer benötigt wird muss entweder von jemandem geliebt werden oder Kinder geboren haben. Wer nicht einmal Eltern pflegt oder wenigstens als Krankenschwester arbeitet gehört zu denen, die keiner mehr braucht: die Entbehrlichen. Und so wird Dorrit abgeholt, lässt ihr Haus und ihren Hund zurück und kommt in die Anstalt, in der alle Entbehrlichen untergebracht sind. Ihre Aufgabe: Organe für die Benötigten spenden und an medizinischen Tests teilnehmen. Ihre Zukunft: die Endspende.
Doch was man sich eingesperrt bei Wasser und Brot vorstellt ist ein Wellnesscenter. Die Entbehrlichen bekommen alles, was sie sich wünschen und bestes Essen und Trinken, denn ihre Organe sollen gesund bleiben. Um mit der Situation besser zurechtzukommen, erhalten sie therapeutische Unterstützung und das „Beste“: sie sind nicht mehr ständig von „Prachtmuttis“ umgeben, denen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung in Form von Nachwuchs vor sich hertragen. Die meisten Entbehrlichen sind Künstler oder Schriftsteller, sie interessieren sich für Literatur und Theater.
Es gibt überall Videokameras und Mikrofone. Kein Schritt ist unbemerkt, kein Fehltritt unbelehrt. Es gibt keine Fenster, keinen Kontakt zur Außenwelt. Monatlich verschwinden liebgewonnene Menschen zur Endspende und kommen nie wieder. Wer sein Herz spendet hat keine Zukunft mehr.
Ein aufrüttelndes Szenario
Die Entbehrlichen ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Buch. Ninni Holmqvist gelingt ohne jede Dramatik die Beschreibung einer Gesellschaft, von der wir nicht weit weg sind, wenn es Politiker gibt die sagen, dass „die Falschen“ die Kinder bekämen. Kein reißerisches Sachbuch könnte politisch mehr aufrütteln als dieser Roman. Die schleichende Indoktrination der Humankapitaltheorie, die so vernünftig erscheint offenbart sich in winzigen Gesprächsfetzen, in Details, die perfekt erdacht sind. Wie frei sind die Benötigten, wenn sie sich ihr Überleben über Fortpflanzung und Marktteilhabe ermöglichen? Wie frei sind die Entbehrlichen, wenn sie sich ihre Freiheit mit dem Eingesperrtsein ab 50 erkaufen? Wie demokratisch ist eine Gesellschaft, die per logischer Ableitung einteilt in Benötigte und Entbehrliche? Wie weit sind wir davon entfernt, wenn heute ganz klar zwischen Hartz-IV-Empfänger und Erwerbstätigen, zwischen deutschen Kindern und denen mit so genanntem Migrationshintergrund unterschieden wird? Ab der ersten Seite bindet das Buch nicht durch banale Spannungsmomente oder kitschige Gefühle sondern durch eine einfache realitätsnahe Beschreibung.
Gleichzeitig berührt die persönliche Geschichte eines Lebens, das sich der Durchökonomisierung versperrt. Wenn Liebe überleben bedeutet, wenn Kinder eine Lebensversicherung im wahrsten Wortsinne sind, wie echt können Gefühle dann sein? Wie echt sind Beziehungen? Oder ist Liebe gar das Einzige das uns bleibt? Das Buch stellt diese Fragen einerseits sehr eindrücklich und hütet sich andererseits vor vorschnellen Antworten. Sehr empfehlenswert!