Casiokids: Topp stemning på lokal bar Die Taube auf dem Dach - ab nächster Woche im Kino! Wolf Wagner: Tatort Universität Music for Films Bradbury / Hamilton: Fahrenheit 451 Interview mit Jane Goodall - und Gewinnspiel!
Donnerstag, 02. September 2010 | 19:53

Atiq Rahimi: Stein der Geduld

09.11.2009

Die Wahrheit wird dich töten

BRIGITTE HELBLING über Atiq Rahimi: In Stein der Geduld verleiht ein Afghane einer Afghanin die Stimme und traut sich dann doch nicht, sie schreien zu lassen.

 

Die Aufgabe ist knifflig. Da nimmt ein afghanischer Exil-Autor (Atiq Rahimi lebt seit 1984 in Frankreich) in einer langen Erzählung die Stimme einer Frau ein, die für ihn fremder sein muss als vieles, was er in der Fremde erlebt hat: Eine verschleierte Landsmännin, eine gläubige Muslimin, jung verheiratet mit einem afghanischen Krieger, die nun in einer belagerten Stadt „irgendwo in Afghanistan“ am Lager ihres komatösen Mannes sitzt, den alle verlassen haben, bis auf sie. Es gibt zwei kleine Töchter, sie warten im Nebenraum auf die Mutter. Ein Geistlicher schaut hin und wieder vorbei. Sonst kümmert sich keiner um die Familie, selbst Mutter und Brüder des verletzten Kriegers sind aus der Stadt geflohen.

In dieser Ausnahmesituation fängt die Frau an zu reden. Erschöpfung treibt sie, Wut auf den Mann, der sich und sie durch einen läppischen Streitfall in diese Lage gebracht hat, dazu die Enttäuschungen und Sehnsüchte eines Lebens in Missachtung und Lieblosigkeit. Ihre Töchter bringt sie irgendwann in Sicherheit und kommt dann doch zurück, um den Mann weiter zu versorgen, wird misshandelt von marodierenden Kriegern – und redet weiter. Der Bericht umspannt die ganze Erzählung bis zu ihrem gewalttätigen Ende.

Ist es Kalkül, ist es Unvermögen? Hier wird im Namen der Schwächeren die Stimme erhoben – und zu hören ist dann nicht mehr als das generische Bild einer Frau im islamischen Fundamentalismus, eine Pappfigur, wie man sie in jedem Magazinartikel findet. Da ist die Kindheit mit dem lieblosen, patriarchalischen Vater, da ist die unfreundliche Schwiegermutter, in deren Haus die junge Braut später lebt. Die Ehe mit dem Krieger ist arrangiert, ihn selbst vertritt bei der Eheschließung eine Fotografie. Als der Angetraute endlich aus dem Krieg nach Hause kommt, interessiert er sich nicht sonderlich für seine junge Frau. Kinder wollen sich lange nicht einstellen: Anlass zu weiteren Vorwürfen. So weit, so wenig überraschend.

Im Bett taugt der Krieger nicht viel

Überraschend ist allenfalls die Ausführlichkeit, mit der sich der Bericht dem Thema des ehelichen Beischlafs widmet. Vielleicht steckt dahinter auch eine spezifische Männerangst: Wenn ich mal im Koma liege, wird mir meine Frau endlich sagen, was sie von meinen sexuellen Fähigkeiten hält. In diesem Fall begehrt die Frau den Mann, obschon er sie noch nie befriedigt hat: Der große Krieger ist ein mäßiger Liebhaber. Selbst bewusstlos wird er das wohl ungern hören. Noch weniger gerne hört er, dass seine Töchter nicht von ihm sind (ein „Heiler“ hat sie gegen Geld gezeugt), ein Geständnis, das die Gattin ihm gegen Ende hin macht, im konstruierten Höhepunkt der Erzählung, einer Art Wahrheitstaumel, für den sie Eigen- und Kindesliebe hirnlos über Bord wirft.

Und der Dank? Ihr Mann erwacht, erhebt sich und erschlägt sie. Ende der Erzählung, für die Atiq Rahimi 2008 den Prix Goncourt erhielt.

Gewidmet ist Stein der Geduld dem Andenken „der afghanischen Dichterin N. A.“. Hinter den verschämten Initialen verbirgt sich die Lyrikerin Nadya Andjoman, die Anfang des Jahrtausends als literarische Hoffnung Afghanistans galt und mit 25 an den Folgen der Verletzungen starb, die ihr Mann, ein Literaturdozent an der Universität in Herat, ihr zugefügt hatte.

Ich habe keine Lust den Mund zu öffnen, worüber soll ich reden? Ich bin doch eine Ausgestoßene, ob ich will oder nicht ... Ich bin nicht die zarte Weide, die in Lüften zittert, bin afghanische Tochter, mit dem Recht zu schreien.

Solche Verse sind kein Gegenentwurf zu Rahimis Erzählung. Das Gedicht Andjomans, das die taz in einem Beitrag über ihre Ermordung abdruckte, ist die Stimme, die Rahimi sucht, aber nicht ganz findet, der Schrei, den sein Unterfangen sich versagt. Der Mann oder Männer kommen darin nicht vor.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

"Lasst unseren Kollegen frei!"

Die beiden wichtigsten Schriftstellerverbände Deutschlands fordern die sofortige Freilassung von Doghan Akhanli. Es geschah bei seiner Einreise in die Türkei am 10. August. Zwei Wochen ...

Etwas, das Zündstoff birgt ...

... hat der renommierte Sciene-Fiction-Autor Ray Bradbury im Jahre 1953 mit Fahrenheit 451 geschaffen. Der ...

Synth(ie)haft gut

MATHIAS BROSE hat sich das Debüt der Norweger angehört und lädt ein auf eine Kneipentour mit Strickpullover und Tanzbein.

Geschichten im Zerfall

CHRISTOF ZURSCHMITTEN, der sonst für das höchst attraktive Webzine Nahaufnahme schreibt, macht sich in der vorliegenden ...

Aus einer anderen Zeit

Reicht ein vor fast 40 Jahren ausgesprochenes Aufführungsverbot, um einen Film im Jahr 2010 in die Kinos zu bringen? Wenn es nach der DEFA-Stiftung geht, ja. Von BASTIAN BUCHTALECK