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Joachim Lottmann: Der Geldkomplex

23.11.2009

Boheme goes Pop

Im Duktus des postmodernen Flaneurs erzählt Joachim Lottmanns Alter Ego Johannes Lohmer amüsant und geschwätzig erneut aus Szenen seines Lebens in Berlin-Mitte, der immer noch und wieder angesagten Hochburg aller (Möchtegern)Künstler. Von FRANK KAUFMANN

 

In der für den Autor üblichen Mischung aus hintergründiger Satire, schalkhafter Polemik und kluger Kommentierung so manch zeitgenössischer Zumutungen ist sich der Erzähler fast zu schade für das im Titel angekündigte Thema, denn: „Ohne darüber je nachzudenken, war für mich die erste und letzte aller Wahrheiten, daß feine Menschen über Geld weder redeten noch groß nachdachten.“ Der feine Mensch ist natürlich der etwas heruntergekommene Lohmer selbst. Zu gerne wäre er wie das schaurig schöne Auge eines Zyklons: majestätisch ruhend im alles beherrschenden Mittelpunkt eines zerstörerischen Geschehens, so, als habe es mit dem Ganzen nichts zu tun.

Tatsächlich nichts mehr zu tun hat Lohmer zu Beginn des Romans mit seiner Ehefrau, die es nicht mehr mit ihm aushielt und sich trennte. Stattdessen zieht er nun mit einer jungen Unterschichten-Schlampe um die Ecken, über die der Ich-Erzähler sagt: „Sie wurde auf der Straße sozialisiert, etwa ab dem zehnten Lebensjahr.“ Da ein normaler Sugar-Daddy aber immer Geld in der Tasche hat, entspricht unser Lohmer, der immerhin scharf auf die fünfzig zugeht, gar nicht den üblichen Rollenvorstellungen, was er von seiner „Lady-Bitch“ auch permanent zu hören bekommt. Ihre unverschämten Geldforderungen und die unzähligen Versuche unseres abgebrannten Helden, ihr klarzumachen, dass er momentan einfach kein Geld habe, zieht sich wie das Wummern eines Technobasses durch den ersten Teil des Romans und damit durch die Clubs und Partys von Berlin-Mitte. Dabei gilt doch von jeher in der Boheme: „Niemand von uns hat Geld.“ Eine Feststellung, die in etwa die Tiefe der Einsichten über die Bedeutung des Geldes auf den über dreihundert Seiten zusammenfasst.

Von der psychischen Selbstentblößung zur totalmedialisierten Selbstverblödung

Da es sich bei der ganzen Geldproblematik bohemehafter Lebensgestaltung (Stichwort: Warencharakter erotischer Beziehungen) um ein altes Thema handelt, lag es für den Autor offenbar nahe, sich den Romantitel bei der Schwabinger „Skandalgräfin“ Franziska zu Reventlow (1871–1918) auszuborgen, die in ihrem gleichnamigen und bekanntesten Roman (1916 erschienen; Untertitel: „Meinen Gläubigern zugeeignet“) dem Spannungsfeld von Geld und Geist literarische Gestalt verlieh. Die dort beschriebene Flucht vor der Armut in ein Sanatorium, eine Inszenierung der Welt aus der psychoanalytisch betreuten Nussschale, verlegt Lottmann dagegen zeitgemäß ins Außen. Wohl wissend und auf der Höhe der Zeit, dass vieles, was früher als irre gegolten hat, mittlerweile normal erscheint. Womit das Phänomen der psychischen Selbstentblößung (man denke auch an die „Seelenzergliederung“ von Thomas Mann im Zauberberg) sich zum nicht minder interessanten Phänomen der totalmedialisierten Selbstverblödung ausweitet. Dies ist praktisch, weil somit Medientrash und Pornografisierung im Internet eine zeitgemäße Anbindung im Roman finden. Etwa im Kontext um die diversen Liebhaber der „Lady-Bitch-Schlampe“, die vom Internet geradezu absorbiert ist.

Der verarmte Erfolgsschriftsteller sucht das Weite, nachdem es ihm auch unter größter Anstrengung nicht mehr gelingt, die nötige Minimalcontenance zu wahren, und nachdem er quasi im Hungerdelirium einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin schreibt, sprich: Er fährt an seinen Sehnsuchtsort nach Italien. Nachdem er im heiteren Süden die jugendliche Tochter eines Literaturprofessors verführt und ausgiebig vom einfachen Leben geträumt hat, gibt ihm ein Bankomat, oh Wunder, endlich wieder das lang ersehnte Bare: Der Vorschuss seines Verlegers ist eingetroffen – und das während der Rest der Welt in die Finanzkrise stürzt. Lohmer kann wieder nach Mitte zurück und den Erfolgsschriftsteller weiterspielen.

Leichtfüßiges Changieren zwischen Wirklichkeit und Fiktion

Nun ja, mag man denken, diese Lohmer-Welt ist doch reichlich verrückt und übertrieben angelegt. Der Plot ist nicht gerade innovativ, die Figuren (außer dem Ich-Erzähler selbst) ziemlich flach und außerdem: SO irre geht es in der Welt, die als Wirklichkeit ausgegeben wird, nun wirklich nicht zu, oder? Aber eben dieses zweifelnde „oder“ macht den Reiz der Lottmannschen Romane (und Der Geldkomplex ist immerhin sein fünfter) aus: das leichtfüßige, zur Satire neigende Changieren zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Tatsächlichem und Aberwitz. Nie weiß man, ob dies die Beschreibung der Gegenwart oder eine Vorwegnahme der Zukunft ist. Damit diese Vorgehensweise erzählerisch funktioniert, bedarf es der konsequenten Unernsthaftigkeit des Ich-Erzählers, ohne aber ernstlich unglaubwürdig zu werden. Dies genau abzumessen und zu erspüren beherrscht Lottmann zur Freude des Lesers absolut souverän. Dabei macht die dezidiert nicht genialische Selbstinszenierung des Ich-Erzählers – ein Motiv, das er mit dem gleichnamigen Roman der Reventlow teilt – das Lottmannsche Spiel mit der Wirklichkeit erst möglich. „Tagsüber ging ich wieder einer regelmäßigen Arbeit nach. Pünktlich um zehn Uhr saß ich am Computer und spielte Thomas Mann, drei Stunden lang.“

 

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