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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:45

Alexander Schimmelbusch: Blut im Wasser

30.11.2009

Hier kommt Alex

Dekadente Reiche suchen Sinn. Blut im Wasser von Alexander Schimmelbusch gewann auf der Frankfurter Buchmesse den Publikumspreis der Independent-Verlage („Hot List“). TOM THELEN fand das Debüt des Autors von 2005 noch besser.

 

Im Sinkflug hieß 2005 der Debütroman von Alexander Schimmelbusch. Erschienen beim Luftschacht Verlag in Wien und zu wenig beachtet. Rasant abwärts ging es darin für den Protagonisten, einen Finanzinvestor (übrigens arbeitete der 1975 geborene Autor lange als ein solcher in London), letztlich geht der ins Wasser – allerdings nicht aufgrund materieller Verarmung. Mit dem heutigen Wissen um den weltwirtschaftlichen Sinkflug, den diese Herren zu verantworten haben, lohnte sich definitiv eine erneute Lektüre.

Doch mit dem neuen Roman Blut im Wasser hat Schimmelbusch eine kürzere Variation des Themas vorgelegt. Diesmal mit einem weniger ökonomisch-ethischen Fokus. Seine Sprache ist entschlackter, klarer geworden. Die delirierenden wortgewaltigen Hasstiraden mit nur sehr gelegentlich entspannender Ironie sind gewichen, dafür bedient der Autor sich jetzt einer knappen und gewandten Präzision in der Beschreibung gut gemalter Bilder.

Blut im Wasser spielt im Upperclass-Milieu des Jahres 2010, und die Superreichen sind immer noch so gelangweilt, zynisch und unglücklich wie vergleichbare Protagonisten bei F. Scott Fitzgerald, Brad Easton Ellis oder Christian Kracht. Diesmal heißen sie Pia und Alex (sieh an, der heißt wie der Autor!), Jugendfreunde aus besseren Frankfurtvororten, offenbar durch Erbschaften jeglicher materieller Sorgen ledig. Alex vertreibt sich die Tage mit Weißweinsaufen (kistenweise), Blowjobs („Ihre Augen sind starr in mein mit Pflegespülung aromatisiertes Schamhaar gerichtet“) und dem Durchstreifen einer nicht unattraktiven Welt aus Restaurants, Luxuswohnhäusern, Flughäfen und Taxis. Ein arrogantes Superego mit Unsterblichkeitsfantasien: „Es setzte wieder Schneefall ein und die Stille wird allein durch den Klang der Glocke der Uhrentürme durchbrochen, die seit Jahrhunderten jede Stunde schlagen, irgendjemandem wohl, aber nicht mir, wie ich mir sage.“ Wem die Stunde aber alsbald schlagen wird, das ist Pia. Sie hat laut einer ärztlichen Diagnose nicht mehr lange zu leben und macht sich auf den Weg, ihren Jugendfreund zu besuchen.

 

Mit den Verhaltenslehren der Kälte gewaschen

 Die Spannungen sind klar: Wie wird der mit allen Verhaltenslehren der Kälte gewaschene Alex auf den Einbruch des Existentiellen in Form des Todes in seine hermetische Welt reagieren? Einstmals waren die zwei nämlich ein Herz und eine Seele und ein Paar, wie der Leser rückblickend nach und nach erfährt. Die Frage beantwortet Schimmelbuschs Text höchst elegant und mit Weltraumkälte. So reduziert, dass man unweigerlich das Ende erneut liest, um es auf Spuren, Motive, Indizien noch einmal abzuklopfen. Wie im Teilchenbeschleuniger werden die Charaktere gegeneinander geschossen . Was passiert dort beim Aufprall: kommt es zum Urknall oder zum Sturz in ein schwarzes Loch?

Blut im Wasser ist Schimmelbuschs weniger interessantes, sein braveres Buch (trotz der explizit beschriebenen Sexszenen). Etwas starr mutet darin der „Versuchsaufbau“ an, trotz psychologisch gut ausgearbeiteter Charaktere und der spürbaren Kennerschaft des detailliert gezeichneten Milieus. Und während Im Sinkflug tatsächlich als ein bitterböses Porträt eines gesellschaftlich relevanten Typus’ gelesen werden kann, ist sein Zweitwerk wohl kaum „das literarische Porträt einer heimatlosen Generation, die ihrem Überdruss an der Gegenwart nur noch Zerstreuung entgegenzusetzen hat“, wie es der Klappentext suggeriert. Höchstens eine neue blinkende Facette in der langen Literaturgeschichte über scheinbar sorgenfreie Sinnsucher.

 

 

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