Mädchen, hört auf eure Mütter! Was passiert, wenn ihr es nicht tut, könnt ihr in diesem Buch nachlesen. Denn was sagen Mütter stets? Richtig: „Kind, geh nicht mit Fremden mit.“ Die Kommunikation zwischen Magaly und ihrer Mama scheint erheblich gestört zu sein, denn die 17-jährige Goth-Hackerin aus dem fränkischen Forchheim scheint es kaum abwarten zu können, unbekannten Männern an unbekannte Orte zu folgen. Aus den unguten Situationen, in die sie sich dadurch bringt, haut sich die Jugendliche zum Glück selbst wieder heraus, indem sie ihre Widersacher unter Strom setzt, ihnen die Halsschlagader abdrückt, einen Schraubenschlüssel überzieht oder mit Hilfe magischer Beschwörungen entkommt. Die Jugend von heute ist eben vielseitig und flexibel.
Ach so: Worum es in diesem Buch überhaupt geht? Trotz aufmerksamen Lesens: Keine Ahnung. Es gibt da eine Website, die nur einem exklusiven Club zugänglich ist und die was-auch-immer mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagt. Magaly und ihre Freundin Evelynn wollen die Website knacken – wobei Evelynn meist nur herumsteht, schluchzt, an Andreaskreuze gefesselt wird und sonstige Unbilden erdulden muss. Bleibt also alles an Magaly hängen. Die wird von der Neo-Delphi-Website ins Paris der Französischen Revolution geschleudert, wo sie auf Graf Caligostro trifft, der aussieht wie Johnny Depp und noch dazu von Aleister Crowley besessen ist. Sie stoßen auf einen Agenten Neo-Delphis aus der Zukunft, womit klar wäre, warum das Orakel so präzise Voraussagen macht. Allerdings ist der Anfang des Buches eigentlich sein Ende, denn erst danach folgt der richtige Anfang – und es ist reichlich mühsam, die ineinander verschachtelten Zeitebenen in die richtige Reihenfolge zu bringen.
Kruder Plot ohne ironische Brechung
Nachdem sie mit knapper Not einer Horde Satanisten entkommen sind, die Evelynn und Magaly ihr Wissen über Neo-Delphi entlocken wollten, reisen die beiden Teenager mal eben so nach Rumänien, wohin ihr Hackerkumpel Peter verschwunden ist. In Bukarest folgen sie wieder mal einem netto lächelnden Kerl und landen in einer Versuchsanstalt. Dort zapfen ein paar verrückte Wissenschaftler „Matrix“-mäßig etlichen Leuten die Lebensenergie ab, um damit die Neo-Delphianer unsterblich zu machen – natürlich für viel, viel Geld. Magaly und Evelynn sollen die Versuchskaninchen sein, die künstlich altern und dann wieder verjüngt werden. Aber ihnen gelingt die Flucht, und am Ende gibt es sogar noch ordentlich Schmerzensgeld für die Unannehmlichkeiten.
Gegen einen kruden Plot ist ja nichts zu sagen, das kann auch witzig sein. Zwei Forchheimer Teenager, die derart schräges Zeug erleben – das hat Potenzial! Doch leider fehlt dem Buch die ironische Brechung, was das Lesevergnügen erheblich mindert. Die sprachlichen Ausrutscher („… breitete sich gleichzeitig ein Gefühl körperlicher Ermattung in ihrem Körper aus“) und Längen kann man wohl teils dem Lektorat anlasten, störend bzw. ermüdend sind sie trotzdem.
Neo-Delphi.com ist wahrscheinlich ein Schmankerl für internetaffine Gothics, auch trashige Horrorfilme liebende Jugendliche könnte er ansprechen (freut euch auf Teil 2), aber für die meisten Leser dürfte dieses Werk wohl eher ein schwer verdaulicher Brocken sein.