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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:45

Anne Wiazemsky: Jeune fille

02.11.2009

Das Mädchen und der Esel

Wie und wann wir unsere Kindheit hinter uns lassen und erwachsen werden, ist bei jedem anders. Anne Wiazemsky hat den aufregenden Lebensabschnitt in einem autobiografischen Roman festgehalten, der 2007 in Frankreich mehrfach preisgekrönt wurde. Von SENTA WAGNER

 

Die Geschichte vom Mädchen und vom Esel ist böse. Marie und Balthazar sind in ihren Schicksalen über die Jahre aneinander gebunden, einer spiegelt im anderen widerfahrenes Leid, Gewalt und Demütigungen. Am Ende stirbt der Esel. Der französisch-schwedische Filmklassiker Au hasard Balthazar (Zum Beispiel Balthasar) aus dem Jahr 1966 hat seinem Regisseur und Drehbuchautor Robert Bresson in dieser Zeit viel Lob von der Kritik eingebracht.

Nun nimmt sich, mehr als 40 Jahre später, das überaus persönliche Erinnerungsbuch der 1947 in Berlin geborenen französischen Schauspielerin Anne Wiazemsky der Zeit der Entstehung des Films an. Im Fokus stehen der 64-jährige Bresson und die damals 18 Jahre junge Anne. Auf ihrer engen und außergewöhnlichen, nur den Zauber eines Sommers dauernden Beziehung beruhen sowohl das Erwachsenwerden eines jungen Menschen als auch die Realisierung eines Films.

Geheimnisvolles Band zwischen Muse und Meister

Auf Drängen einer Freundin macht Anne die Bekanntschaft des Regisseurs und spricht bei ihm vor. Schnell erkennt Bresson ihre Gaben: eines Mädchens, das sich selbst sieht als „ein nicht hübsches Mädchen, das sich in seiner Haut nicht wohlfühlt und sich vom Leben nichts zu erhoffen wagt“. So eine ist die kleine Anne, die Bresson nach weiteren Probeaufnahmen und privaten Treffen zur Hauptdarstellerin Marie seines Films Au hasard Balthazar kürt. Großvater François Mauriac, einstiger Literaturnobelpreisträger, gibt sein d’accord, das Drehbuch befindet er als „verblüffend einzigartig und kühn“. Anne ist überglücklich, die ersten Schuppen der Adoleszenz fallen ab. Es ist das Leben, das uns dann eine Chance gibt, wenn wir es nicht erwarten, will uns Wiazemsky heute in ihrem zurückgenommenen, anmutig-leichten Ton sagen.

Nach dem familiären „Ja“ zum Film und dem Beginn der Dreharbeiten wird Anne nicht mehr von Bressons Seite weichen, tatsächlich unterliegt sie einer Rund-um-die-Uhr-Überwachung durch ihn. Dies hat zwar eine sanfte Widerborstigkeit ihrerseits zur Folge, niemals aber zerreißt das „geheimnisvolle Band“ zwischen Anne und Bresson. Ungesagt wird so vieles gesagt in diesem Buch. Ihre gewünschte Dauerpräsenz am Drehort hat einen großen Einfluss auf das Gelingen des Films. „Während der Dreharbeiten möchte ich Sie jeden Tag bei mir haben, selbst wenn Sie nicht spielen … Sie versprechen es mir?“

Ein autoritärer und perfektionistischer Mann erliegt dem „rührenden und außergewöhnlichen“ Wesen eines jungen Mädchens und weckt gleichzeitig deren Begehrlichkeiten. Anne verliert ihre Unschuld an einen jungen Mann aus dem Filmteam, doch Bresson schläft nicht. Seine Leidenschaft für Anne, die vielen zärtlichen Worte, aber auch seine Macht über sie füllen ihr Leben randvoll mit Glück, Verwirrung und Freude an. Bresson gefallen und den Film machen, war schließlich alles, was sie wollte. „Es war so beruhigend, mit jemandem zu tun zu haben, der zu wissen schien, wer ich war.“

Film- und Lebensmitschnitt

Wiazemsky baut ihr Buch so einfach und schön wie souverän auf, sie kapriziert sich nicht auf die Gewichtigkeit von Memoiren. Anne schreibt während der Dreharbeiten Tagebuch, Wiazemsky wirft jedoch, laut eigener Aussage, während der Niederschrift von Jeune fille keinen Blick hinein. Die Dialoge mögen also erfunden sein, egal, alles andere mag so gewesen sein.

Künstlerisch rundum gelungen ist die lebhafte Parallelführung von dem aufgeregten Werden einer jungen Frau und dem ernsthaften Werden eines Films: eine Klappe folgt auf die nächste, der Esel Balthazar zickt, das Wetter spinnt, das Filmteam stöhnt, Anne kichert, Bresson tyrannisiert. Wiazemsky hält sie erfreulicherweise bis zum Schluss ihres Buches durch. Wir Lesenden (und vielleicht auch Filmschauenden) haben so an der schöpferischen Kraft zweier Kunstschaffender teil.
Robert Bresson verstarb 1999 im Alter von 98 Jahren in Paris, Anne Wiazemsky arbeitete weiter als Schauspielerin (u. a. für Pasolini und Godard), heiratete 1966 Jean-Luc Godard und lebt heute von der Schriftstellerei. Für ihre Leser ein Gewinn.

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