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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:45

Hanns-Josef Ortheil: Erfindung des Lebens

02.11.2009

Unordnung und frühes Leid

Ein stummer, von familiären Traumata geprägter Junge findet schrittweise aus seiner quälenden Isolation heraus. Hanns-Josef Ortheil hat mit diesem berührenden Entwicklungsroman den literarischen Höhepunkt seines weitreichenden Oeuvres gesetzt. Von INGEBORG JAISER

 

Köln in den frühen 50er-Jahren. Ein kleiner Junge verkriecht sich in dem langen, dunklen Flur einer Mietwohnung, beschäftigt sich mit den immer gleichen Ballspielen und beobachtet dabei stets aus den Augenwinkeln heraus die stille, meist mit Lektüre beschäftigte Mutter. Einmal pro Tag begleitet er sie hinaus ins Leben, zu kleinen Besorgungen in den umliegenden Läden und zu unliebsamen, eher alibihaften Besuchen des nahen Kinderspielplatzes. Dabei kleben Mutter und Kind in ungewöhnlicher Symbiose aneinander: Ihre Stummheit verbindet sie tiefgreifend und scheinbar unabänderlich.

Hüter der Mutter

Die Mutter ist am Tod ihrer vier Kinder emotional zugrunde gegangen und hat die Sprache verloren, nachdem der zweitgeborene Sohn durch einen verirrten Granatsplitter kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in ihren Armen gestorben ist. Johannes – ein Einzelkind mit vier toten Geschwistern – imitiert als kleiner Junge instinktiv das Verhalten der ihm nahe stehenden Person. Ein früher Beschützerinstinkt und eine schier unglaubliche Empathie verbinden ihn mit der schwer traumatisierten Mutter. Und da der Vater als Geodät den ganzen Tag außer Hause verbringt, schultert der kleine Johannes die schwere Last, Begleiter und Hüter seiner kranken Mutter zu sein.

Diese enge Verbindung wird erst durch die Einschulung des Jungen gekappt. Doch seine Stummheit und sein scheinbarer Autismus passen nicht in den normierten, geschlossenen Klassenverband. Der „Idiot“ hat gefälligst in der letzten Reihe zu sitzen. Erst als Johannes von der Schule fliegt, heckt der sonst sehr zurückhaltende Vater einen ungewöhnlichen Plan aus. Er lässt sich für einige Monate beurlauben und zieht mit seinem Sohn in die ländliche Region des Westerwalds. Dort besitzt die Familie väterlicherseits eine Gastwirtschaft mit Bauernhof. Fernab der verhassten Großstadt, geschult durch befreiende Naturerlebnisse, blüht Johannes sichtbar auf. Und siehe da: Ein durch den Vater entwickeltes, individuelles Lernverfahren bringt dem Jungen Schritt für Schritt das Reden nahe. Als die Mutter im Herbst zu Besuch kommt, hat sich nicht nur ihr Sohn gewaltig weiterentwickelt – auch sie selbst findet ihre Sprache wieder.

Drama des begabten Kindes

Da sich Johannes mittlerweile als begnadeter Klavierspieler erwiesen hat, wird ihm der Besuch eines Musikinternats im Süden Deutschlands empfohlen. Doch auch hier scheitert das begabte, aber immer noch gehemmte und emotional eingeschränkte Kind. Die erzwungene Nähe zu seinen Mitschülern stellt eine für ihn unüberwindbare Einschränkung dar. Schließlich beendet Johannes seine Schulzeit in Köln und verbringt danach einige Zeit in Rom. Die italienische Hauptstadt ist es auch, die den inzwischen über Fünfzigjährigen zu einem Rückblick und zum Festhalten seiner Lebensgeschichte veranlasst. Diese Rahmenhandlung stellt auch die umfassende Klammer des weit angelegten Romans dar.

Eindringliche Bilder

Zehn Jahre hat Ortheil an seinem Meisterwerk geschrieben. Und man kann vermuten, dass es ihm nicht immer leicht gefallen ist. Selten war eines seiner Bücher so schonungslos authentisch und autobiografisch angelegt wie dieses. In einem Interview gesteht Ortheil gar, dass ihm das Heraufbeschwören der düsteren Vergangenheit stellenweise so nahe ging, dass er sich übergeben musste. Doch der Leser wird von einer behutsamen, tastenden, aufrichtigen Sprache durch die Geschichte geleitet. Vollkommen unprätentiös und in klarer Offenheit entstehen Bilder und Szenen, deren Eindringlichkeit geradezu filmischen Charakter hat. So wirkt das Buch wie ein langer, überdeutlicher, letztendlich sehr versöhnlicher Traum – aus dem man nur ungern erwacht.

 

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