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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:46

Rainer Moritz: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

21.12.2009

Coq au vin vorzüglich und der Rest auch

Das persönliche Chaos als Voraussetzung für die Liebesanbahnung. Das wäre doch was, dann hätten wir bald keine Singles mehr, die es geben soll wie Sand am Meer. Ein bisschen Chaos kriegt doch jeder hin. Das Romandebüt von Rainer Moritz, Direktor des Hamburger Literaturhauses, macht das jetzt mal auf charmante Weise vor. Von SENTA WAGNER

 

Sie schwärmt für Dalida, er hat ein Faible für Stilllebenpostkarten. Sie ist die reizende Singlefrau Nathalie Cottard, er der anständige Singlemann Robert Bernthaler, beide um die vierzig. Die geografischen und kulturellen Herkunftsachsen verlaufen von Paris aus gesehen rechts rüber ins Schwäbische, wo er herstammt, und runter nach Grenoble, ihrem Geburtsort. Jetzt leben beide seit einiger Zeit in der Seine-Metropole und bewohnen dasselbe Appartementhaus am Montmartre. Sie sind Nachbarn, die sich nicht kennen, das Großstadtdrama. Nathalie Cottard ist Buchhändlerin, Robert Bernthaler Korkenhändler und von der deutschen Firmenzentrale nach Paris entsandt. Zwei, die sich eingerichtet haben in einem Leben auf einem „65-Prozent-Zufriedenheitsniveau“, beider Gemütsverfassung ist nach außen hin stabil ruhig, die letzten Beziehungen liegen eine Weile zurück, Bernthaler ist geschieden. Er ist außerdem ein Typ mit ausgeprägter Neigung zu einem festen, ritualisierten Tagesablauf. Und auch sie pflegt ihr „sorgsam geschütztes Leben“. Von Männern respektive Frauen haben beide erst einmal genug. Paris aber wäre nicht Paris, wenn man dort nicht von der Liebe träumen dürfte. Das tun die beiden.

 

Land unter

Jetzt wird aber dringend das Chaos gebraucht. Sonst wissen die Lesenden möglicherweise nicht mehr so genau, wozu den Roman noch weiterlesen. Es ist ein Wasserschaden in Nathalie Cottards Wohnung, der diese unbewohnbar macht, alles ist nass. Das Ereignis bringt sie vollkommen aus dem Gleichgewicht, und Bernthaler animiert es zu einer für seine Verhältnisse sozialen Höchstleistung: Er stellt ihr sein Gästesofa als Bleibe für die Nacht zur Verfügung. Sie nimmt ohne Umstände die Einladung an. Bei der Gelegenheit wird getastet, vorgefühlt, langsam, sachte, erfragt, erzählt, sie und er lernen sich kennen.

 

Happy open end

Bei der Coq-au-vin-Dinereinladung von ihm wird aufs Du angestoßen, dann kommt es zum appetitlichen Rest, es folgen Spaziergänge, weitere Einladungen, Postkarten, Blumen, kurz: die Ahnung von Liebe. Nun hat diese aber von Beginn des Buches an zwischen den Zeilen durchgeblitzt, und es scheint, dass uns Moritz einfach nicht überraschen will. Seine Pariser Romanze vollzieht sich auf jeden Fall charmant, aber artig mit einem kaum spürbaren Hauch von Ironie.

In den achtunddreißig schlanken Kapiteln wird zunächst alternierend aus der Perspektive von Nathalie Cottard und Robert Bernthaler berichtet, der Ton vertraulich. Nach der Zäsur, dem Wasserschaden siehe oben, werden die Perspektiven zunehmend miteinander verschränkt, ein gemeinsames Denken, Fühlen und Handeln machen sich breit. Die direkte Rede wird ohne Anführungszeichen in den Erzähltext eingebettet, was als ein hübsches Stilmittel anerkannt wird. Es spiegelt wider emotionale Ängste, die Unsicherheit um die Gefühle des anderen, das Tasten und Hadern. Wir wären beim sogenannten Gefühlschaos. Die Geschichte steuert schließlich auf ihr Happy open end zu. Die Möglichkeiten der Liebe – kulturelle und geografische Grenzen überwindend – für alle Alleinstehenden freuen uns.

 

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