Pauline de Bok: Blankow oder Das Verlangen nach Heimat
21.12.2009
Ländliche Robinsonade mit Schatzinsel
Das literarische Ereignis dieses ebenso merkwürdigen wie unvergesslich eindringlichen Buches besteht in der empfindungsreichen Schönheit, welche sich der gelungenen Balance von existenzieller Selbsterfahrung, Landschafts- & Ortbeschwörung und aufs Kollektive zielender Erinnerungsarbeit verdankt. Von WOLFRAM SCHÜTTE
Es kommt nicht gerade häufig vor, dass eine Holländerin – allein mit ihrem Hund – sich für eine geraume (Aus)Zeit in einem ebenso alleinstehenden wie verlassenen Gehöft in Deutschland niederlässt. In Deutschland nicht nur, sondern in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Bevölkerungsdichte – sagen wir im Vergleich zu den Niederlanden, aber auch zu Westdeutschland – gewissermaßen gegen null tendiert: wo nämlich, auf dem Land, nur noch die leben, die zu alt und zu mutlos sind, um die Einöde aus Seen, Laub- & Kiefernwäldern, Acker- & Weideflächen und den baumbestandenen Alleen, durch die kaum ein Auto fährt, endgültig & fluchtartig zu verlassen: um Arbeit zu suchen und um „zu leben“, nämlich ihren Teil zu erlangen an den blühenden Versprechen der kapitalistischen Moderne, die nach dem lautlosen Ende der DDR mit vielversprechenden Liebesblicken lockten.
Es kommt nicht häufig vor, wie gesagt, aber einmal ist es geschehen, dass die 1956 geborene, in Amsterdam lebende Journalistin, Übersetzerin und Autorin Pauline de Bok für rund ein Jahr sich nach Blankow zurückzog, ein Anwesen deutscher Freunde, die es nach der Wende erworben, aber nur teilweise und bescheiden zur Sommerfrische restauriert haben; weite Teile des Gehöfts stehen leer oder sind dem Verfall anheimgegeben, solange nicht die Besucherin sie für ihren Bedarf zurichtet.
Es handelt sich um eine freiwillige Robinsonade zu Lande: „Ich bin gekommen“, erklärt die Autorin, die sich in die Einsamkeit mit Hund & Computer begeben hat, „um allein zu sein, fort von der Stadt, von der Arbeit, von den Menschen, der Flut der Informationen, die täglich in mein Leben geschwemmt werden. (...) Ich bin gekommen, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Ich will wissen, was passiert, wenn ich monatelang allein lebe, auf dem Land, von Tag zu Tag. Ich will herausfinden, wie sich das auf meine Angst und mein Verlangen nach Sinn auswirkt.“
Selbsterfahrung also, Abkehr von den Zwängen des bisherigen metropolitanen Lebens und dessen täglichen Präferenzen: „So wichtig kann das alles nicht sein, dass ich ständig auf der Höhe sein muss, oder besser: So wichtig kann ich nicht sein.“ Sich – im Tohuwabohu des bisher gelebten beruflichen Alltags – nicht mehr „so wichtig zu nehmen“ heißt erst recht: NUR sich selbst, ausgesetzt, nackt, allein, „wichtig“ zu nehmen, um zu erfahren, wer man ist: weil einem nun die „primitiven“ Sorgen und Bedürfnisse, sich am Leben zu erhalten, unvermittelt, unvermindert, dazu bringen, ungeschützt mit der Zeit umzugehen, die einem nun gegeben ist.
Aber Pauline de Bok hat nicht vor – wie Heinrich von Kleist, als er am Thuner See ein Bauer zu werden versuchte –, ihren Beruf zu wechseln, ganz und gar eine andere zu werden. Obwohl sie in der unwirtlichen Bleibe, die sie sich aus- und die sie fluchtartig in der Fremde aufgesucht hat, für sich & ihr Aus- & Unterkommen in dem Gehöft und seinen Gebäuden sorgen muss – also Reparieren, Ausbessern, Einkaufen etc. –: sie bleibt Journalistin, die sich selbst und ihren hündischen Gefährten beobachtet, den Ort und seine Umgebung laufend erkundet.
Deutsche Geschichte ent- & aufgedeckt
Aber sie hat wohl auch vor Augen, was ihr „Verlangen nach Sinn“ stillt: den Ort, die Menschen, die Geschichte. Als ihre Freunde das Haus erwarben, fielen ihnen auch zwei Schachteln mit alten Schriftstücken zu. Für die Journalistin sind sie der Schatz auf ihrer einsamen Insel; vielmehr: die Keimzelle, aus der sie die reiche Ernte ihres hinreißend in Lebens- & Sozialgeschichten Deutschlands vom Mittelalter bis in die Gegenwart aufblühenden Buches journalistisch erwirtschaftet & literarisch einfährt.
Denn Pauline de Bok knüpft nach und nach Verbindungen zu den dort (Über)Lebenden, mit denen sie, aufgrund der von ihr gefundenen Dokumente (Liebesbriefe, Akten, Fotos) oder sogar durch Recherchen im Schweriner Landesarchiv, alle die Toten wie auch den öden Ort, seine an ihm Untergekommenen, Zu- & Weiterflüchtigen und seine baulichen Veränderungen in den vergangenen Zeiten wieder lebendig werden lässt: als eine unendlich traurige Geschichte, deren Akteure und Opfer „deutsche Menschen“ sind, die hier unter ärmlichen, abhängigen Verhältnissen ihr Leben fristeten, ihren Tod fanden oder ihn sogar suchten.
Es ist die deutsche Geschichte vor allem des letzten Jahrhunderts in dieser tiefsten, verlassenen Provinz, die aber wilhelminischen Feudalismus, die Nazizeit, die Eroberung durch die Rote Armee, Flüchtlingselend, Zwangskollektivierung in der DDR und das Abseits im „Neuen Deutschland“ nach 1989 erlebte, welche diese niederländische Fremde im Nukleus „Blankow“ (das realiter anders heißt) Schicht für Schicht ent- & aufdeckt, zum Sprechen bringt und uns vor Augen stellt.
Das literarische Ereignis dieses ebenso merkwürdigen wie unvergesslich eindringlichen, durch die Melancholie einer tiefen Verlassenheit und persönlichen Erfahrung grundierten Buches besteht in der empfindungsreichen, sagen wir etwas emphatisch und sympathetisch: Rembrandt-fahlen Schönheit, welche sich der gelungenen Balance von existenzieller Selbsterfahrung, Landschafts- & Ortbeschwörung und aufs Kollektive zielender Erinnerungsarbeit verdankt.
Während ihres Aufenthalts an dem verwunschenen, trostlosen Ort, dessen Name so fiktiv ist wie die vielseitigen Recherchen der Autorin real sind, hat Pauline de Bock (oder besser: die Figur, zu der sie sich hier gemacht hat) in Tolstois monumentalem Roman Krieg und Frieden gelesen. In dessen Schutz & Schatten ist ihr Blankow in Krieg & Frieden entstanden. Das Verlangen nach Heimat, das dem fiktiven Namen des Ortes „Blankow“ im Titel dieses Buches folgt, gibt die Richtung an, die alle, derer hier gedacht wird, zum Ziel hatten – und die doch keiner & keine (auch die Heimatflüchtige Pauline de Bok) gefunden hat. Zu finden aber wäre für Leser, die eine Heimat für ihr Verlangen nach literarisch vermittelter Erfahrung mit Deutschland suchen, ein aufwühlendes und zugleich befried(ig)endes Leseerlebnis.
Der große niederländische Schriftsteller Geert Mak, dem wir u. a. Bücher wie Das Jahrhundert meines Vaters verdanken, hat seiner Kollegin attestiert, ihr Blankow stecke „voller weitergewisperter Geschichte, voller erschütternder Lebensläufe“ und sei „ein glänzendes Beispiel des Slow Journalism“. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer der Hoffnung, Pauline de Boks wunderbare ländliche Robinsonade in Mecklenburg werde als einzigartige Schatzinsel voller Erzählungen von vielen Lesern: entdeckt!
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