Roberto Bolaño: 2666
11.01.2010
Literatur & Verbrechen, Wirklichkeit & Wahnwitz
Zu den rätselhaftesten Roman-Projekten der gegenwärtigen Weltliteratur zählt das monumentale Fragment 2666 des Lateinamerikaners Roberto Bolaño, der über seiner Fertigstellung mit nur 50 Jahren 2003 gestorben ist. In dieser Zeit der dicken Bücher ist das von Christian Hansen vorzüglich übersetzte 2666 mit seinen knapp 1100 Seiten eine der größten literarischen Herausforderungen. Ein Lektürebericht in drei Teilen von WOLFRAM SCHÜTTE (2). Zum 1. Teil
Im dritten Roman von 2666, im „Teil von Fate“, erreicht Roberto Bolano seine literarische Meisterschaft, die sich zuvor nur phasenweise angedeutet hatte. Raffinierter und souveräner als schon zuvor entfaltet Bolano in diesem dritten Roman ein episches Kontinuum des Erzählens, das der labyrinthischen Gleichzeitigkeit von Angst- & Traumzuständen, wie sie David Lynchs Filme kinematografisch entwickelt haben, literarisch entspricht.
Im Reich der Heiligen Teresa
Der Reporter Oscar Fate, der seinem Ressortchef „ein Bild der Industriegesellschaft in der Dritten Welt, ein aide-mémoire der gegenwärtigen Situation Mexikos, ein Panorama der Grenze, eine Kriminalgeschichte allerersten Ranges“ vergeblich anbietet, ist darüber hinaus für Bolano – als Afro-American – allegorischer Kristallisationspunkt für Aufstieg und Niedergang der Black Panther und der Geschichte der Sklaverei in Amerika, womit sich beiläufig der Horizont des Buches in seine geschichtliche Tiefe Amerikas öffnet.
Auch fällt in einem Gespräch Fates mit einem Mexikaner der Satz, der vermutlich Bolanos innerste Intention, Santa Teresa und den lateinamerikanischen Grenzstaat Mexiko zum Symbol seiner literarischen Weltzustandsimagination zu machen, offen ausspricht: „Alles in diesem Land ist eine Anspielung auf alle Dinge dieser Welt, einschließlich der Dinge, die es noch gar nicht gibt.“
Santa Teresa ist der fiktive Name für das reale Ciudad Juárez am Rio Grande, gegenüber dem texanischen El Paso, in dem schon Orson Welles’ düsterer Thriller Touch of Evil spielte & dessen Kenntnis man bei Bolano voraussetzen darf. Die ins Steppen- & Wüsten-Umland gewucherte Millionenstadt mit einer eigenen Universität, ist so etwas wie die offene Wunde Lateinamerikas, eitrig-blutig durch die ständige Reibung an der „Ersten Welt“ der USA. Die seit den sechziger Jahren vom mexikanischen Staat geförderte Ansiedlung multinationaler Firmen hat Ciudad Juárez zu einem Umschlagsplatz der zumeist illusorischen Hoffnungen von vor allem Arbeitsemigrantinnen aus ganz Lateinamerika gemacht, die in den Maquiladoras genannten Fabriken und Betrieben zu Billigstlöhnen ohne arbeitsrechtlichen Schutz ausgebeutet werden, wenn sie sich nicht auch noch als Kellnerinnen oder Prostituierte verdingen. Zugleich wird die Stadt von brutalen Drogenbossen, -dealern und Menschenschleppern beherrscht (denn die illegale Einwanderung in die USA ist das Ziel vieler Verzweifelter), Politik und Polizei sind korrupt, mutiger Journalismus lebensgefährlich, Ciudad Juárez hat noch heute die höchste Mordrate der Welt.
Mit dem vierten & längsten „Teil von den Verbrechen“ hat Bolanos 2666 das Epizentrum seines Roman-Quintetts erreicht: das „Inferno“ von 108 verschwundenen, gefolterten, vergewaltigten und erwürgten, erstochenen oder erschossenen Frauen zwischen elf und vierzig Jahren, deren Leichen in unterschiedlichen Verfassungen, Bekleidungen oder nackt, wie weggeworfener Müll, zwischen 1993 und 2003, in oder am Rande oder der Wüste nahe Santa Teresa gefunden wurden. Es waren fast immer Arbeiterinnen aus den Maquiladoras; wie sie in die Verfügungsgewalt ihrer sadistischen Peiniger & Mörder gekommen waren, bleibt unbekannt. Bolano, der seine Affinität zum Beruf des Polizeireporters mehrfach bekundet hat (und eine seiner Figuren behaupten lässt: „Manchmal war man als Kulturjournalist in Mexiko nichts anderes als ein Kriminalreporter“), verhält sich im „Teil von den Verbrechen“ wie ein Rechercheur, der dem massenmörderischen Verbrechen nachgeht und seinen zuerst verschwundenen und als zugerichtete Leichen aufgefundenen Opfern eine bis ins Detail gehende kriminologische Expertise widmet.
Mehr noch: Die „namenlosen“ Mädchen & Frauen, sofern sie identifiziert werden konnten, haben einen Namen und (soweit eruierbar) auch eine Lebensgeschichte. Damit protestiert Bolano gegen die Barbarei und Gleichgültigkeit der Welt und die in ihr herrschende Furie des Verschwindens, indem er dem ge- & missbrauchten Menschenmüll Individualität und Anwesenheit zurückgibt. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Autor hier sogar dokumentarisch arbeitet oder wohl eher sozialen Dokumentarismus literarisch fingiert. Sein Polizeibericht von den Serienverbrechen wächst sich zum Gräberfeld aus, auf dem fortlaufend Epitaphe der Erinnerung an Individuen errichtet werden.
Epitaphe auf dem Friedhof der namenlosen Frauen
Es ist ein Gräberfeld des Grauens, über dem wie im Nebel schwebende Albträume, Fetzen von Erzählungen auftauchen und wieder verschwinden: das sexuell-intensive Verhältnis eines Kommissars mit der wesentlich älteren Leiterin eines Irrenhauses; eine Serie von unaufgeklärten Kirchenschändungen, der auch einmal ein Priester zum Opfer fällt; die Biografie eines Bauernjungen, der von einem Drogenboss zum Leibwächter angeheuert & ausgebildet wird, dann aber problemlos zur Polizei überwechselt; das Auftauchen & Verschwinden eines brutalen amerikanischen Privatdetektivs; die Hilflosigkeit eines weltberühmten FBI-Agenten, der von den Mexikanern angeheuert wurde, um die Morde aufzuklären, aber außer akademischen Vorlesungen nichts zustande bringt; ein Boxkampf, in dessen Verlauf zwei Männer vor einer Kneipe eine Frau totschlagen; die Allegorie eines mexikanischen Frauenlebens auf dem Lande über mehrere Generationen hinweg, das nur aus einer Abfolge von Vergewaltigungen, Geburten und Demütigungen besteht; oder (zuletzt) die sich im Nichts auflösende Lebensgeschichte einer Galeristin aus der Großbourgeoisie der Hauptstadt, die insgeheim Orgien mit Models und Prostituierten auf den Landsitzen der Drogenbarone in Santa Teresa organisierte und nun, nach ihrem spurlosen Verschwinden, von ihrer bekannten Jugendfreundin, einer einflussreichen Politikerin, gesucht wird. Ob der als angeblicher Täter verhaftete Klaus Haas – ein riesiger, schwergewichtiger, 1950 in Bielefeld geborener Deutscher, der 1980 in die USA emigrierte und als deren Staatsbürger seit 1990 in Santa Teresa Computergeschäfte betrieb – schuldig oder bloß in die sadistische Mordserie verwickelt war, bleibt unklar, weil es zu keiner Anklageerhebung kommt und er angeblich Schuldige denunziert, die sich aus dem Staub gemacht haben.
Inmitten dieses halluzinatorisch beschworenen, pulsierenden Erzählwebens, das bis nach Argentinien ausgreift und die Produktionsgeschichte eines dort von Hollywood-Produzenten in den siebziger Jahren täuschend echt hergestellten Snuff-Movies erzählt, hat Bolano eine lange, kursiv gesetzte Passage eingefädelt. Sie gehört zu den drei ausgewiesenen Zitaten des Buches – die beiden anderen stammen aus einer Marcel-Duchamp-Biografie und aus Wolfram von Eschenbachs Parzival – und ist eine Kurzfassung von Giacomo Leopardis Nachtgesang eines Wanderhirten Asiens. Die im Fernsehen – mit der rätselhaften Behauptung „In den Morden liegt das Geheimnis der Welt verborgen“ – auftretende Hellseherin Florita Almanda, die sich autodidaktisch durch alles gelesen hat, was ihr an Büchern vor Augen gekommen ist, hält den an den Mond gerichteten tieftraurigen Hirten-Monolog des italienischen Romantikers Leopardi für die Jugenderinnerungen des mexikanischen Staatsgründers Benito Juárez: „Du, vielleicht, verstehst das Leben hier auf Erden, verstehst das Leid, das Seufzen, was es sei; was dieses Sterben sei, dieses allerletzte Erbleichen des Gesichts, das Schwinden von der Erde, fremd zu werden den lieben Freunden, die uns lang begleitet. (...) Ich sehne mich nach nichts, es gibt nichts mehr, wonach ich weinen kann“.
Leopardis bewegende Klage über das menschliche Bewusstsein im Angesicht der Qual des individuellen Leidens und der Sterblichkeit, in denen er keinen metaphysischen Sinn (& damit auch keinen Trost) sehen kann, ist der dunkle Horizont, vor dem der Lateinamerikaner seine labyrinthische „Reise ans Ende der Nacht“ (Céline) angetreten hat – ohne dass aber die mörderische Nacht des Horrors von Santa Teresa sich je lichtete. Dafür wurde „das Weihnachtsfest in Santa Teresa auf die übliche Weise gefeiert. Man veranstaltete Posadas und zerschlug Pinatas, trank Tequilas und Bier. Selbst in den ärmlichsten Straßen hörte man die Leute lachen. Einige von diesen Straßen waren stockfinster, schwarzen Löchern vergleichbar, und das Gelächter, das von irgendwo her klang, war das einzige Signal, der einzige Anhaltspunkt, an dem Nachbarn und Fremde sich orientieren konnten, um sich nicht zu verlaufen“.
Den dritten Teil von Wolfram Schüttes Auseinandersetzung mit 2666 finden Sie hier.
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