Die Verfilmung dieses aufwühlenden Romans von Jonas T. Bengtsson lief als Wettbewerbsbeitrag bei der Berlinale 2010 und kommt demnächst in unsere Kinos. Doch gibt es genug Gründe, Submarino unabhängig davon zu lesen. Wäre das Buch nicht aus Papier, müsste man es ein „Brenneisen“ nennen. Von MARTIN BEYER
Wer beim Stichwort „Dänemark“ in seinem kulturellen Gedächtnis kramt und Bilder von lauen, aber überteuerten Sommerurlauben mit Softeis und heißen Kirschen hervorzieht, der muss hier schleunigst umdenken. Der dänische Autor Jonas T. Bengtsson führt seine Leser in die Randbezirke Kopenhagens, eine Welt mit eigenen Gesetzen, eine Lücke im Ordnungssystem der Stadt. Der Appell „Liebe!“ findet sich hier bezeichnenderweise als Graffiti-Tag auf Mauern, und nach der Lektüre von Submarino würde man selbst gerne diese Botschaft auf Mauern sprühen, um sich Luft zu verschaffen.
Bengtsson erzählt von zwei Brüdern, die – Rückblenden verraten es – unter prekärsten Verhältnissen aufwachsen. Ein Vater ist nicht zu sehen, die Mutter bleibt über Tage aus dem Haus, immer besoffen, und auch die Kinder fangen früh, sehr früh an zu trinken. Ein drittes Brüderchen wird geboren, um das sich die beiden anstelle ihrer halt- und heillosen Mutter kümmern müssen. Wenn das Baby zu laut schreit, drehen sie die Musik auf, irgendwann ist das Brüderchen tot. Der Roman schildert in zwei Teilen, jeweils aus der Ich-Perspektive, wie die beiden Brüder nach dieser traumatisierenden Kindheit versuchen, eine Art Leben zu führen, und wie sich der Kreislauf von Suff und Unvernunft und Schuld generationenübergreifend zu übertragen scheint. Wie ein Fluch.
Die Vorhölle in Kopenhagen, Dänemark
Der jüngere Bruder, Nick, verbringt also seine Tage nach einem Knastaufenthalt im Kraftraum und in einem winzigen Zimmer, Bier trinkend und an die Decke starrend. Er gerät leicht außer Kontrolle, ist voller Zorn, aber es braucht immerhin einen Grund für sein Wüten, redet er sich ein. Körper und Seele gehen bei ihm eine merkwürdige Verbindung ein, denn beides ist scheinbar nur dazu da, um überwunden, dominiert zu werden. Beide Arten von Schmerz, körperlicher und seelischer Art, erreichen ihn kaum noch. So bemerkt er etwa nicht, dass ihm nach einer Verwundung langsam die entzündete Hand abfault.
Noch bedrückender sind allerdings die Passagen aus der Sicht des namenlosen älteren Bruders. Er ist heroinabhängig, kann aber nicht wie Nick nur für sich sein, denn er muss für seinen Sohn Martin sorgen. Er liebt seinen Sohn, er möchte ihm all das ersparen, was er durchgemacht hat, aber das funktioniert nur in den kurzen Phasen der Entspannung nach einem Schuss. Ansonsten regiert hier die Antipädagogik eines Junkies, die Tage werden bestimmt durch die Sucht und die Suche nach Stoff. Durch eine Erbschaft nach dem Tod der Mutter (!) kann er sich einen Berg Stoff kaufen und fängt an zu dealen. Wie das endet, ist zwar früh abzusehen, ändert aber nichts an der Intensität der Lektüre.
Realismus à la Jonas T. Bengtsson
Die große Frage ist, ob und wie es Jonas T. Bengtsson gelingt, für diesen beinahe mythischen Leidensdruck seiner Figuren eine adäquate, moderne Sprache zu finden. Es ist ihm gelungen, ohne Zweifel. Es ist eine unbarmherzige Sprache, buchstäblich „treffend“, das heißt aber auch, dass man sie aushalten, sich ihr stellen muss. Das wird nicht jeder wollen, aber die, die es tun, werden dankbar sein für eine neue Erfahrung, für einen neuen Blick auf die Wirklichkeit, die „so auch“ sein kann. Und wo ist also die Liebe? In dieser Welt steht sie vielleicht wirklich nur als Schriftzug auf Mauern. Damit umzugehen: Diese Aufgabe stellt uns Submarino von Jonas T. Bengtsson.
Der Autor, geboren 1976, hat bereits mit seinem hervorragenden Debüt Aminas Briefe auf sich aufmerksam gemacht. Er erhielt dafür den dänischen Debütantenpreis. Submarino wurde von Thomas Vinterberg (Das Fest) verfilmt und lief als Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale im Februar 2010.
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