Schuld sind die Bücher
Mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit und Sturheit, doch auch mit ungeahnter pädagogischer Förderung ist ihr der Sprung aufs Aufbaugymnasium gelungen. Geistig ausgehungert lechzt sie nach Literatur, Bildung und Wissen. Doch neben den Klassenkameraden aus begüterten Familien bleibt sie stets ein unscheinbarer und blässlicher Fremdling – das Kind einer schlichten Hausfrau und eines ungelernten Arbeiters – eben „dat Kenk vun ne Prolete“. Und zu Hause, in einer ärmlichen, bigotten, erzkatholischen Umgebung lässt man sie täglich spüren, dass sie sich bloß nichts einzubilden braucht. „Nix wie Driss em Kopp“, rügt die bodenständige Mutter, „dat kütt alles von de Bööscher“.
Die Bücher sind auch Schuld an Hillas erster großer Liebe. Vor einer Grabbelkiste mit Remittenden lernt sie den Fabrikantensohn Godehard van Keuken kennen. Der umgarnt und entführt sie in feinere Kreise, nennt sie bald besitzergreifend „meine kleine Frau“. Hier driftet Ulla Hahns Entwicklungsroman leider ins schmonzettenhafte Klischee ab, das bestenfalls an Vicki Baums Milieuschilderungen, schlimmstenfalls an schnulzige Arztromane erinnert.
Doch bald ist auch dieses Kapitel abgeschlossen. Hilla entledigt sich des drängenden Verehrers genauso wie eines werbenden Klassenkameraden, dessen schnöseliger Vater – ausgerechnet der Schularzt – eine unliebsame Zahnspangen-Episode aus der Kindheit wachwerden lässt. Unabhängigkeit ist Hillas Credo. Aber „dä Kääls“ kann sie sich nicht vom Leibe halten. Nach einer Feier der katholischen Landjugend verpasst sie den letzten Bus und versucht nach Hause zu trampen. Der Abend endet in einer brutalen Vergewaltigung auf einer Waldlichtung. Diese traumatische Erfahrung teilt Hillas Jugend in ein Davor und Danach (und das Buch fast exakt in zwei gleich große Teile). Als „Hilla Selberschuld“ hadert sie mit dem Geschehenen, hüllt sich fortan in schlabberige, unattraktive Kleider, um nur kein männliches Begehren mehr herauszufordern.