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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:51

Ulla Hahn: Aufbruch

08.03.2010

Proletenkind

Schon mit ihrem Vorgängerroman hat die ursprünglich als Lyrikerin bekannte Autorin eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die als Teufelsbraten verfilmt wurde. Nun folgt ein weiterer Abschnitt der Chronik einer hart erkämpften Bildung. Von INGEBORG JAISER

 

Das verborgene Wort ist fortgeschrieben worden: Aus Hildegard Palm, dem begabten, aber widerspenstigen Mädchen aus dem bildungsfernen Milieu einer muffigen Kleinstadt im Rheinland ist der aufbegehrende Teenager Hilla geworden. Noch immer hat sie kein eigenes Zimmer, teilt die Schlafkammer im Elternhaus in der Dondorfer Altstraße 2 mit ihrem jüngeren Bruder Bertram; noch immer weiß sie keinen anderen Ausweg, als sich zurückzuziehen zum Lesen, Lernen, Träumen und Alleinsein in einen schäbigen, unbeheizbaren Holzstall.

 

Schuld sind die Bücher

Mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit und Sturheit, doch auch mit ungeahnter pädagogischer Förderung ist ihr der Sprung aufs Aufbaugymnasium gelungen. Geistig ausgehungert lechzt sie nach Literatur, Bildung und Wissen. Doch neben den Klassenkameraden aus begüterten Familien bleibt sie stets ein unscheinbarer und blässlicher Fremdling – das Kind einer schlichten Hausfrau und eines ungelernten Arbeiters – eben „dat Kenk vun ne Prolete“. Und zu Hause, in einer ärmlichen, bigotten, erzkatholischen Umgebung lässt man sie täglich spüren, dass sie sich bloß nichts einzubilden braucht. „Nix wie Driss em Kopp“, rügt die bodenständige Mutter, „dat kütt alles von de Bööscher“.

 

Die Bücher sind auch Schuld an Hillas erster großer Liebe. Vor einer Grabbelkiste mit Remittenden lernt sie den Fabrikantensohn Godehard van Keuken kennen. Der umgarnt und entführt sie in feinere Kreise, nennt sie bald besitzergreifend „meine kleine Frau“. Hier driftet Ulla Hahns Entwicklungsroman leider ins schmonzettenhafte Klischee ab, das bestenfalls an Vicki Baums Milieuschilderungen, schlimmstenfalls an schnulzige Arztromane erinnert.

 

Doch bald ist auch dieses Kapitel abgeschlossen. Hilla entledigt sich des drängenden Verehrers genauso wie eines werbenden Klassenkameraden, dessen schnöseliger Vater – ausgerechnet der Schularzt – eine unliebsame Zahnspangen-Episode aus der Kindheit wachwerden lässt. Unabhängigkeit ist Hillas Credo. Aber „dä Kääls“ kann sie sich nicht vom Leibe halten. Nach einer Feier der katholischen Landjugend verpasst sie den letzten Bus und versucht nach Hause zu trampen. Der Abend endet in einer brutalen Vergewaltigung auf einer Waldlichtung. Diese traumatische Erfahrung teilt Hillas Jugend in ein Davor und Danach (und das Buch fast exakt in zwei gleich große Teile). Als „Hilla Selberschuld“ hadert sie mit dem Geschehenen, hüllt sich fortan in schlabberige, unattraktive Kleider, um nur kein männliches Begehren mehr herauszufordern.

 

Et hätt noch immer jutjejange

Blindlings stürzt sie sich ins Lernen und ergattert nach bestandenem Abitur erst einen Studien-, dann einen Wohnheimplatz in Köln. Der lange, steinige Weg eines aufstrebenden Arbeiterkinds scheint zum Ziel geführt zu haben. Doch zwischen den Zeilen ist schon eine Fortsetzung des Romanzyklus’ zu erahnen. Hilla Palm als Berufstätige, Ehefrau, Mutter? Nicht wenige Leser warten bereits darauf.

 

Ulla Hahn ist mit Aufbruch gleichermaßen eine Emanzipationsgeschichte wie ein Familienroman und Zeitepos gelungen. Detailgenau zeichnet sie ein Sittengemälde der 60er-Jahre, schmückt es mit zahlreichen Insignien des Wirtschaftswunderdeutschlands: vom Quelle-Katalog bis zu Klosterfrau Melissengeist, vom Fernsehkoch Clemens Wilmenrod bis zu Familie Hesselbach, von den ersten Gastarbeitern bis zu wachsenden Neubausiedlungen. Und nicht zuletzt ist dieser Roman auch eine unvergleichbare Liebeserklärung an die rheinische Tiefebene und den dort gesprochenen Dialekt.

 

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Ich habe beide Romane von Ulla Hahn mit großem Interesse gelesen und kann sie nur all jenen wärmstens empfehlen, die an guter Literatur interessiert sind. Ulla Hahn ist eine wortgewaltige Meisterin der Sprache. Ins rheinische Plattdütsch liest man sich schnell ein. Dieser spezielle Dialekt als territoriale Dublette gibt beiden Romanen einen ganz gesonderen Anstrich und unterstreicht die meisterliche Charakterisierung der literarischen Helden der Romane. Wunderbare Vergleiche und Metaphern und ein unübertroffener Erzählstil machen diese Romane von Ulla Hahn zu einem wahren Lesevergnügen und Kunstgenuß.
| von Martin Runow, 09.03.2010

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