Roy Jacobsen: Das Dorf der Wunder
08.03.2010
Von einem, der auszog, zuhause zu bleiben
Die Männer verachten ihn, die Frauen wollen nichts mit ihm zu tun haben. Timo gilt in seinem Heimatort als „Idiot“. Dann kommt der Krieg, und mit dem Krieg die Evakuierung. Doch Timo weigert sich, sein Dorf zu verlassen. Was kümmert einen Idioten die Territorialkämpfe seines Vaterlandes? Über Das Dorf der Wunder schreibt BRIGITTE HELBLING.
Die Zeit ist der Winterkrieg von 1939/40, das Dorf heißt Suomussalmi und liegt in Nordfinnland. Die Armee hat die Bevölkerung aufgefordert, ihre Häuser zu evakuieren; sie sollen niedergebrannt werden, um den anrückenden russischen Kolonnen das Weiterkommen zu erschweren. Nur einer weigert sich, fortzugehen: Timo, der Dorftrottel. Waffen hat er keine, und auch kein Haus. Der Hof, den die Eltern ihm hinterlassen haben, liegt außerhalb des Städtchens. Bleiben will er dennoch: „Ich habe keine Angst... vor gar nichts.“
David gegen Goliath in Nordfinnland
In Finnland kennt jedes Kind den Ort Suomussalmi, wo eine der entscheidenden Schlachten zwischen den Finnen und den Sowjets, die als Besetzer einmarschiert waren, ausgetragen wurde. Die finnischen Streitkräfte setzten auf biathletische Fähigkeiten und agierten weiß getarnt als gleitender Tod aus den Wäldern. Die zahlenmäßig weit überlegenen russischen Invasoren behinderte nicht nur ihr Angewiesensein auf Straßen und die ungenügende Ausrüstung, sondern auch ein Handicap, das ein Offizier später so darstellen sollte: „Die Truppe hat Angst vor dem Wald und benutzt keine Skier“.
Einen Monat lang war Suomussalmi Schauplatz eines Schlachtgeschehens, bei dem 900 Finnen fielen und ein Vielfaches ihrer Gegner (Schätzungen gehen bis 27.000) bei Temperaturen um Minus 40 Grad entweder erfroren, im offenen Kampf starben oder von lautlosen Skipatrouillen erwischt wurden. Die Neuauflage des Siegs von David über Goliath schrieb sich in die Militärgeschichte ein.
An Idioten vergreift sich keiner
Es ist ein revisionistisches Unterfangen, wenn der norwegische Erfolgsautor Roy Jacobsen, geboren 1954, dieses zeitgeschichtliche Moment aus der Perspektive eines renitenten „Idioten“ schildert. Timo Vatanen kümmert das Kriegsgeschehen wenig, es erscheint in seiner Ich-Erzählung nur am Rande. Stattdessen: Die Explosionen der brennenden Häuser und danach die Stille im leeren Städtchen. Die Tatsache, dass manche Bewohner das Haus gründlich putzten, bevor sie es der eigenen Armee als „Geschenk an Finnland“ überließen. Später die Verzweiflung, Erschöpfung und Hilflosigkeit der Fremden, die fernab ihrer Heimat nun Krieg führen sollen. Und schließlich die Frage: Wie weiter überleben?
Die Antwort sucht Timo, weil es anders nicht geht, im Verbund mit dem Holzfällertrupp, dem er von den ankommenden Russen zugeteilt worden ist. Seine anfängliche Rechung ist aufgegangen: Niemand vergreift sich an einem Idioten. Und was der Leser inzwischen auch weiß, ist, dass Timo alles andere ist als ein Idiot. Ein Sturkopf, das ja. Eine verschrobene Existenz, wie nicht? Sein Leben lang hat ihn keiner Ernst genommen. (Man wüsste gerne, wie das kam - darüber schweigt sich der Autor jedoch aus.) Nun sind all seine Fähigkeiten gefragt. Die Russen, mit denen er arbeitet, sind ein schwächlicher Haufen, kaum in der Lage, das Holz zu liefern, das von ihnen verlangt wird. Timo macht sich zu ihrem Anführer, als sei er ein Leben lang ein Alphatier gewesen, und tatsächlich gelingt es ihm, sie und sich selbst über die Zeit der Belagerung hinweg zu retten.
Krieg aus der Schneehasenperspektive
So wird Timo Vatanen, der Randständige, für kurze Zeit zum Helden - ein Held für diejenigen, die nach gängigen Maßstäben seine Feinde sein müssten. Mit dem Frieden nimmt Timo seine Identität als Idiot wieder an. Leicht fällt ihm das nicht. Die ehemaligen Kameraden sind in alle Richtungen zerstreut. Der gewöhnliche Alltag wirkt banal nach der existentiellen Herausforderung jenes Winters. Und keiner da, der nachvollziehen kann oder will, was er erlebt hat. Man kennt die Geschichte, nicht nur von Idioten.
Habe ich gesagt, Das Dorf der Wunder sei ein revisionistisches Unterfangen? Ich nehme es zurück. Jacobsen schreibt die Gegebenheiten des Winterkriegs nicht neu, er gräbt sich lediglich schneehasenartig so tief in sie ein, dass sie unmittelbar erfahrbar werden - als Kampf des Menschen gegen eine Natur, die weit gleichgültiger tötet, als ein Soldat das je könnte. David gegen Goliath ist nur die halbe Wahrheit. David mit dem Winter im Rücken errang den Sieg in Nordfinnland. Noch vor Anbruch des Frühlings hatten die Finnen mit der Sowjetunion einen Friedensvertrag geschlossen, der ihre Unabhängigkeit (mit Territorialverlusten, die das Land als schmachvoll empfand) sichern sollte.
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