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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:51

Burroughs/Kerouac: Und die Nilpferde kochen in ihren Becken

08.03.2010

Eine Geschichte, kein Skalpell

Und die Nilpferde kochten in ihren Becken ist ein Schlüsseltext der Beat Generation. Es ist aber besser, das beim Lesen zu vergessen. Von JAN FISCHER

 

Man könnte sich literaturhistorisch freuen: Endlich, nachdem er 60 Jahre durch alle möglichen Schubladen wanderte, ist ein Schlüsseltext für eine der einflussreichsten literarischen Bewegungen der Nachkriegszeit für alle zugänglich, und nicht nur für ein paar Privilegierte, die damit in ihren interpretativen Texten protzen können.

 

Und ein Urtext ist es wirklich: Der Mord, der die Geburtsstunde des Dreigestirns Kerouac, Burroughs und Ginsberg war. Der Mord, der Burrougs letztendlich in Richtung der Morphine trieb, mit denen er dann wiederum Kerouac und Ginsberg bekannt machte. Der Mord, der die drei und eines ihrer wichtigsten Produktionsmittel zusammenbrachte, und dieser Mord dann noch literarisch verarbeitet, beschrieben, von Burroughs und Kerouac selbst: Die Väter einer Generation kommentieren und fiktionalisieren ihre eigene Geburt.

 

So könnte man das sehen. Und das Buch in der Hand halten wie irgendeinen teuren Schatz, und es lesen wie irgendeinen teuren Schatz, jedes Wort und jedes Komma unendlich mit Bedeutung aufladen.

 

Man kann das Buch aber auch einfach so lesen.

 

Dann ist es die Geschichte einer homoerotischen Beziehung zwischen einem älteren und einem jüngeren Mann, die gnadenlos schief geht, abwechselnd erzählt aus der Perspektive zweier Freunde des Pärchens. Und die sehr genaue Beschreibung einer Stimmung, einer Zeit, einer New Yorker Bohème Mitte der 1940er, das ganze wiederum verpackt in ein literarisches Format, das sich ganz wunderbar zur Beschreibung dieser regnerischen, dreckigen Viertel, der Hinterhöfe der Halbexistenzen, der verrauchten Bars eignet: Ein Roman noir.

 

Kein Feuerwerk, eher eine brennende Zündschnur

Letztendlich spielt es keine Rolle, ob die Geschichte wahr ist, halbwahr, oder ausgedacht: Ihr ist sowieso schon zu viel wiederfahren. Mal wurde sie in der Wissenschaft für bare Münze genommen, obwohl Kerouac und Burroughs sich dagegen genauso verwahrten wie gegen die Behauptung, alles sei erfunden. Mal gab es einen Rechtsstreit wegen der Veröffentlichung einiger Passagen. Dann wieder war nicht ganz klar, wie mit den Rechten zu verfahren sei, ob die Geschichte zum Nachlass Kerouacs gezählt werden sollte, oder zu dem von Burroughs. Und Lucien Carr, das Vorbild für die Figur des Mörders in Und die Nilpferde kochten in ihren Becken, bat – sobald er aus dem Gefängnis kam – sein Leben lang darum, dass die Geschichte erst nach seinem Tod veröffentlicht würde.

 

Aber all das kam später: Als Kerouac und Burroughs die Geschichte schrieben, waren sie noch keine Schriftsteller. Sie waren erst noch auf dem Weg dorthin. Und die Nilpferde kochten in ihren Becken wurde seinerzeit – bevor Carr gegen die Veröffentlichung vorgehen konnte – von Agenturen und Verlagen abgelehnt, nicht unbedingt, weil sie schlecht war, oder ist. Eher, weil sie nicht so gut ist, dass sie zwingend war: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken wurde schlicht für kommerziell nicht verwertbar gehalten. Das entgeht einem schnell, wenn man das Buch als ein Skalpell benutzen möchte, um die Beat Generation zu sezieren: dass es – im Gegensatz zu späteren Werken der beiden – doch noch etwas holpert im dramaturgischen Getriebe, dass Teile nicht so gut ineinandergreifen, wie sie könnten, dass die Eleganz der späteren Jahre noch nicht voll da ist.

 

Aber so ist es auch nur im Vergleich: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken ist kein schlechtes Buch, es ist nur kein grandioses Feuerwerk, eher so etwas wie eine brennende Zündschnur. Es lohnt sich also, alles zu vergessen, was man über Kerouac und Burroughs weiß, alles zu vergessen, was man über die Beat Generation weiß, um sie in Und die Nilpferde kochten in ihren Becken noch einmal zu entdecken, ganz von vorn.

 

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