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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:54

Björn Kern: Das erotische Talent meines Vaters

29.03.2010

Familienaufstellung

Wiedersehensdramolett oder Trennungsdrama? Generationenkonflikt oder Patchworkfamilienglück? Lebenslust oder Selbstbetrug? Dieses melancholisch angehauchte Kammerspiel wirft einen ironischen Blick auf eine zeitgenössische Vater-Sohn-Beziehung. Von INGEBORG JAISER

 

Der bereits erwachsene Sohn reist zum Familienbesuch nach Hause – ein Motiv, das literarisch schon dutzendfach variiert wurde. Doch diese Heimkehr steht unter umgekehrten (und unguten) Vorzeichen. Sohn Philip, der nach seinen Erfahrungen als Zivildienstleistender und Rettungsassistent doch nicht Arzt geworden ist, pflegt stattdessen psychisch Kranke im fernen Berlin. Pflichtbewusst ist er, sauberkeitsliebend und irgendwie grundsolide. Genau dreieinhalb Tage – ein verlängertes Wochenende – verbringt er jährlich in der Familienvilla am Bodensee. Wobei der Begriff Villa eher lächerlich erscheint für diesen Patina ansetzenden, langsam zur Seeseite abdriftenden 70er-Jahre-Betonquader, der eindeutig bessere Zeiten gesehen hat.

 

Kleine Schweinereien

Dort residiert Vater Jakob, ein überraschend viriler, jugendlicher, blendend aussehender Mittsechziger. Jakob führt ein laxes, leicht anrüchiges Leben im Unruhestand, nachdem er Jahrzehnte auf den Vorstandsetagen in Wolfsburg und Untertürkheim und auf den Podien von Radio und Fernsehen zugebracht hat. Schwarz gelockt und gut gebaut, wie er immer noch ist, scheinen ihn die Frauen nur so zu umschwirren. Als Philip sacht gegen die dauernden Trinkgelage und amourösen Abenteuer aufbegehrt, wird er vom Vater harsch zurechtgewiesen: „Lass Du Dich erst mal entjungfern!“

 

Dabei scheint auch Jakobs Zeit als Alt-68er-Kommunarde verdammt lang her zu sein. Während seine Noch-immer-Ehefrau Iris vermutlich mal wieder durch Osteuropa tingelt, ist die  Bodenseevilla mit den Produkten ihrer vergangenen Kreativphasen zugemüllt: verstaubte Tiffany-Lampen, obskure Metall-Installationen und selbst geschneiderte Flickenjacken. Das stört die Dauerfreunde, mit denen Jakob in einer Art Ménage à trois verbunden ist, nicht im Geringsten. Dottore, der südländisch angehauchte Architekt, brutzelt mit Vorliebe als „kleine Schweinereien“ titulierte Lammhoden, die dunkelhäutige Alma stiefelt lasziv in Lederjacke und Bustier durchs Haus und Trinkkumpanin Karen liefert zuverlässig alkoholischen Nachschub.

 

Kauziges Kammerspiel

Björn Kern, erfolgreicher Absolvent der Leipziger Autorenschmiede und Preisträger zahlreicher literarischer Auszeichnungen, hat vor der düsteren Kulisse des verhangenen Bodensees ein kauziges Kammerspiel inszeniert. Welche Werte gelten noch, wenn der Vater ein selbstverliebter Dandy und die Mutter eine mit Ethnokitsch behangene Weltenbummlerin ist? Wenn der Familienverband in ein lockeres Arrangement von Freizügigkeit und Zurückweisung abdriftet? Wenn der Vater für sein kreislaufanregendes Mentholparfüm monatlich ein Drittel so viel Geld ausgibt wie der Sohn für seine Berliner Hinterhofwohnung?

 

Witz und Wehmut, Komik und Kummer durchziehen leise die ironische Umkehrung der scheinbar traditionellen Rollen. Ein anregendes, augenzwinkerndes Gedankenspiel, eine höchst amüsante Lektüre für ein verlängertes Wochenende.

 

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