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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:55

Klassiker-Check: Tania Blixen: Jenseits von Afrika

26.04.2010

Wirklichkeit und Vorstellung verschmelzen zur Kunst

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuß des Ngong-Gebirges.“ Mit diesem Satz eröffnet Karen Blixen (1885–1962), in Deutschland unter dem Pseudonym Tania Blixen bekannt, ihren Weltklassiker. Und bereits mit dem ersten Satz wird der Leser von der Kraft der Erzählung erfasst und in eine fremdartige und unbekannte Welt hineingezogen. TANJA SIEG hat die Neuausgabe des Romans zum 125. Geburtstag der fantastischen Geschichtenerzählerin noch einmal gelesen.

 

Die Kaffeefarm in Afrika

Blixens Heldin ist, wie die Autorin selbst, eine junge Dänin aus altem Landadel, die zusammen mit ihrem Ehemann Baron Bror Blixen-Fineke nach Nairobi reist, um dort eine Kaffeeplantage zu betreiben. Diese Plantage und die Farm, die zum Gelände gehört, werden ihr trotz der damit verbundenen Probleme, so sehr ans Herz wachsen, dass sie Jahre später nur schwerlich Abschied nehmen kann. Aus ihrer Erinnerung heraus schreibt sie alle Erlebnisse der damaligen Zeit auf. 

 

Fein und bitter

„Oft war es in der Kaffeeplantage wunderbar. Es sah prachtvoll aus, wenn zu Beginn der langen Regenzeit die Pflanzen blühten. [¼] Kaffeeblüten duften fein und bitter wie Schlehenblüten.“ Dieses Gefühl der Zerrissenheit, von süß und bitter, wird ein durchgängiges Thema in dem Leben der Protagonistin. Denn fortan taucht sie in eine Welt ein, die ihr so vollkommen fremdartig vorkommt und sie dennoch fasziniert. Immer mehr findet sie den Zugang zu Land und Leuten. Gleichzeitig trifft sie auf die Ungereimtheiten ihrer eigenen Kultur, vertreten durch die damalige britische Kolonialmacht in Ostafrika. Dabei wird ihr bewusst, dass sie weder in der einen Welt noch in der anderen Welt wirklich zu Hause ist.

 

Ihr Ehemann betrügt sie, die romantische Beziehung zu dem Großwildjäger Dennis Finch-Hatton zerbricht ebenfalls, und der Liebhaber stirbt nur wenig später bei einem Flugzeugabsturz. Finanziell ruiniert und gesundheitlich schwer krank, kehrt die Heldin desillusioniert zurück nach Dänemark.

 

Beließe man es bei dieser kurzen Zusammenfassung, würde man dem Werk nicht gerecht werden. Auch wenn der Roman viele Parallelen zu Blixens eigenem Leben aufweist, ist es weitaus aufschlussreicher, Karen Blixen als private Person und als Autorin getrennt voneinander zu betrachten. Daraus ergibt sich ein faszinierendes Gesamtbild, das vielschichtiger, fesselnder und mystischer kaum sein kann.

 

Die unkonventionelle Frau

Karen Blixen wird 1885 auf Rungstedlund im Norden der dänischen Insel Seeland geboren und wächst in aristokratischen Verhältnissen auf. Der Selbstmord ihres Vaters, Vilhelm Dinesen, hinterlässt nicht nur eine schmerzhafte Wunde, sondern ermutigt sie, sich gegen die bürgerliche Ordnung zu stellen. Sie beginnt zu zeichnen und fängt mit dem Schreiben an, obwohl erst 20 Jahre nach ihrer Geburt Frauen Zugang zu Bildungseinrichtungen bekommen.

 

In die Rolle der Ehefrau, die man ihrem Stand entsprechend von ihr erwartet, lässt sie sich nicht drängen. Blixen ist in vielem, verglichen mit ihren Zeitgenossen, unkonventionell.

 

Erst 1913 heiratet sie ihren schwedischen Vetter Baron Bror Blixen-Fineke und zieht mit ihm nach Afrika – nicht so sehr aus Liebe, sondern vielmehr, um den Zwängen ihrer Heimat zu entfliehen. Ihrer Heldin aus Jenseits von Afrika gleich, betreibt sie dort eine Kaffeeplantage, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist, da sie viel zu hoch in den Bergen liegt. Einer Anekdote zufolge ist die Farm eigentlich eine Milchfarm und Blixens Mann verwechselte beim Kauf die Begriffe Milch und Kaffee.

 

1922 wird die Ehe geschieden. Blixen beschließt, in Afrika zu bleiben und es beginnen für sie Jahre von entscheidender Bedeutung. Nicht nur, dass sie von nun an auf eigenen Beinen steht und als Frau die Leitung der Kaffeeplantage übernimmt. Sie lernt auch die afrikanische Kultur und Denkweise kennen, die den meisten Europäern zu dieser Zeit fremd ist. „Wollte uns ein weißer Mann etwas Schönes sagen, würde er schreiben: ‚Ich kann Sie niemals vergessen.‘ Doch der Afrikaner sagt: ‚Wir glauben nicht von Dir, dass Du uns jemals vergessen kannst.‘“

 

Dennoch kann sie die Pleite der Farm nicht verhindern. Völlig ruiniert und von einer schweren Krankheit gezeichnet, kehrt Blixen 1932 nach 18 intensiven Jahren nach Dänemark zurück. Dort lebt sie wieder im Kreis ihrer Familie in Rungstedlund bis zu ihrem Tod 1962. Das Anwesen beherbergt heute ein Karen-Blixen Museum und die Begräbnisstätte der Autorin.

 

Die normabweichende Autorin

Zurück in Rungstedlund beginnt Blixen ihre Erlebnisse aufzuschreiben und viele der Eindrücke aus der Zeit in Ostafrika finden sich in Jenseits von Afrika wieder. Doch so schwer es Karen Blixen selber fiel, sich den Normen und Regeln ihrer Zeit anzupassen, so schwer ist es auch, ihre Werke einer bestimmten Literaturepoche beziehungsweise Gattung zuzuordnen.

 

Denn formal betrachtet, fällt Blixens Autorenschaft in die Zeit der Zwischenkriegs- und Nachkriegsliteratur. Tatsächlich nimmt sie aber einen eigenen, zum Teil atypischen Stellenwert für die damalige Zeit ein, indem sie 1935 mit mystischen Erzählungen wie Sieben fantastische Geschichten debütiert.

 

Auch die Literaturgeschichte hat sich entsprechend lange mit der Gattungsfrage beschäftigt. Bis heute ist man sich nicht einig, ob es sich um einen autobiografischen Roman, persönliche Erinnerungen oder nur um kleine, gebündelte Episoden handelt.

 

Auch bei der Sprache, in der Blixen ihre Werke verfasst und veröffentlicht, legt sie sich nicht fest. Denn Blixen schreibt sowohl in Englisch als auch in Dänisch. Aber während die Amerikaner ihre Werke lieben, verschmähen die Dänen noch lange ihre Novellen, Erzählungen und Romane wegen deren Andersartigkeit. 

 

Zudem veröffentlicht Blixen unter zahlreichen Pseudonymen wie Pierre Andrézel, Isak Dinesen, Peter Lawless oder Osceola. 1937, vor der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe von Out of Afrika, wie der englische Originaltitel heißt, ändert Blixen das Pseudonym Isak Dinesen (nach ihrem Vater Vilhelm Dinesen) aus politischen Gründen in Tania Blixen.

 

Die Klassiker Neuauflage

Anlässlich des 125. Geburtstages der dänischen Autorin hat der Manesse Verlag nun ihren Klassiker neu auflegt, er wurde von Gisela Perlet, die sich nicht nur als hervorragende Übersetzerin der H.C. Andersen Biografie einen Namen gemacht hat, aus dem Dänischen übertragen. Sie stützt sich dabei auf die Textgrundlage der textkritischen Ausgabe von 2007, die mit einem Kommentar des Literaturwissenschaftlers Lasse Horne Kjældgaard abschließt. Diese Übersetzung ist deswegen interessant, da Blixen die erste Fassung des Romans auf Englisch schrieb und eine dänische Übersetzung aus fremder Hand in Auftrag gab, mit der sie aber nicht einverstanden war. So fertigte die Autorin die endgültige Version selbst an, die sich etwa durch das Hinzufügen weiterer, für das Verständnis von Karen Blixens Sichtweise ungemein wichtiger Kapitel von der englischen Fassung unterscheidet.

 

Ein wenig getrübt wird die Freude über die Neuauflage dieses Weltklassikers allerdings durch die Vielzahl der oft unnötig eingefügten Fußnoten. Der Leser kann sich durch nicht weniger als 237 Anmerkungen lesen, die allerdings erst am Ende des Buches zusammengefasst aufgelistet sind. Bereits der erste Satz ist mit Fußnote 2 versehen, mit der die unterschiedliche Schreibweise des Ngong-Gebirges erläutert wird! Die dänische Textgrundlage umfasst lediglich 90 Fußnoten.

 

Die kritisierte Autorin

In Jenseits von Afrika geht es Blixen vor allem um das afrikanische Erleben. Die Liebe zu dem Land und seiner Bevölkerung, den Masai, den Kikuyu und den Somali, kommt dabei immer wieder zum Ausdruck. „Es war nicht leicht, die Eingeborenen kennenzulernen. Sie waren sehr hellhörig und scheu. [¼] Bevor man einen Eingeborenen nicht genauer kannte, war er kaum zu einer direkten Antwort zu bewegen.“

 

Damit gerät die Autorin selbst in den Blickfang der Kritik. Ist Blixen schon zu ihrer Zeit eine Außenseiterin, so wird sie dem Zeitgeist der späteren Generationen entsprechend als weiße Kolonialistin, als Postkolonialistin, und sogar als Rassistin beschimpft.

 

Sicherlich liefert die Autorin einen weißen Blick auf ein schwarzes Land. In Karen Blixens Haus isst man von dänischem Porzellan und die Schwarzwald-Kuckucksuhr schlägt im Hintergrund. Sie schießt zusammen mit Freunden aus Europa Löwen und Elefanten und hängt sich die Trophäen an die Wand. Auch als Eigentümerin der Farm folgt sie den kolonialen Strukturen, indem sie unter anderem als Richterin über ihren Bezirk bestimmt. Dementsprechend ist ihr Roman durchsetzt von der Macht der Weißen über die Schwarzen.

 

Dennoch ist Blixen keine „Klischeekolonialistin“. Sie ist keine Britin und steht als Frau ziemlich alleine da in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Und obwohl sie von dem Kolonialsystem profitiert, kritisiert sie es immer wieder. „Wir Europäer besitzen in Afrika nicht die Macht […], die Existenz des Afrikaners zu beenden. Es ist sein Land […].“ 

 

Die Geschichtenerzählerin

Blixen ist trotz aller Kritik eine herausragende Künstlerin und faszinierende Geschichtenerzählerin. In all ihren Texten wird der Leser sofort in die meist unheimliche und bizarre Welt ihrer Gestalten hineingezogen. Blixens Erzählweise ist hybrid, wie die Autorin und Übersetzerin Ulrike Draesner in dem Nachwort zum Buch anmerkt. Die Vorstellungen gehen über die Realität hinaus. Blixen schreibt über etwas Erlebtes, das sie mit der Kraft ihrer Fantasie verändert, verzaubert und so Grenzen aufsprengt. „Sie fingiert – überhöht, strafft, erinnert ‚falsch‘, trauert.“

 

So schließt denn auch Blixens Klassiker mit der Sehnsucht nach dem Verlorenen. Wirklichkeit und Vorstellung verschmelzen zur Kunst. „Von hier sah ich im Südwesten Ngong Hills [¼] Sie sahen von hier aus nicht mehr aus wie von der Farm, sondern wie ein anderes Gebirge. Aus der Entfernung wurde sein Umriss langsam geglättet und eingeebnet.“

 

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