Mit Staunen und Zittern
Nothombs neuer Roman (wenn man diesen schmalen Band von gut 160 Seiten überhaupt so nennen kann) trägt unzweifelhaft autobiografische Züge. Letztendlich zeigt er die liebenswerte, leichte, private Seite ihrer Zeit in Japan – quasi den Gegenentwurf zur erniedrigenden Schufterei im Großkonzern Yumimoto, die Nothomb in Mit Staunen und Zittern kongenial beschrieben hat. Ihre exzentrischen Spleens treten dieses Mal glücklicherweise in den Hintergrund. So gerät ihr krankhafter Hang zur Anorexie, der überschwänglich in der Biographie des Hungers (http://www.titel-magazin.de/artikel/5841.html) thematisiert wurde, nun eher zur Projektion. „Wenn ich meine Vergangenheit betrachte, stelle ich fest, dass hundert Prozent aller Wesen, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben, dünn waren.“
Natürlich zeichnet sich auch Rinri durch Dünnsein aus. Trotzdem kommt es zu aberwitzigen kulinarischen Szenen, die zu den amüsantesten dieses Buches gehören. Noch am Anfang ihrer Freundschaft spielt Amélie so fasziniert mit einem japanischen Fondue-Set („ein Rechaud mit intergalaktischem Brenner, ein Säckchen mit Schaumstoffkäse, eine Flasche mit Frostschutzweißwein“), dass ihr Rinri hinterher die gummiartige Substanz von den Fingern knabbern muss. Und auf der Insel Sado, wo lebende kleine Tintenfische serviert werden, umschlingt ein kämpferisches Exemplar mit den Saugnäpfen Amélies Zunge – ein verwirrendes Abbild für Rinris einzwängendes Liebeswerben.
Der japanische Verlobte ist ein zuweilen poetisch angehauchtes, oft erstaunlich pointiertes Buch über den Akt der Selbstfindung in der Fremde. Doch die vordergründige Heiterkeit wird nicht selten von einem herben Unterton begleitet. „Denn eine Speise ist nur dann wirklich köstlich, wenn sie etwas Bitteres enthält.“