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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:55

Amélie Nothomb: Der japanische Verlobte

10.05.2010

Tokio, mon amour

Japan im Jahre 1989. Eine junge belgische Diplomatentochter trifft auf einen neureichen, einheimischen Französisch-Studenten. Der Beginn einer interkulturellen Liebesbeziehung? Von INGEBORG JAISER

 

„Meine Poesie hatte stets einen Hang zum Größenwahn.“ Dieser zentrale Satz aus Amélie Nothombs neuem Roman repräsentiert symptomatisch ihr literarisches Schaffen und ihr eigenes Leben. Häufig ist beides eng miteinander verwoben. Die 1967 in Kobe geborene Tochter eines belgischen Diplomaten verbringt ihre ersten Kindheitsjahre in Japan – und es sind ihre glücklichsten. Als sie nach langjährigen Aufenthalten in China, Burma, Laos und New York ein Studium in Brüssel beginnt, wird sie doch stets vom Heimweh nach Japan geplagt.

 

Mit 21 kehrt sie in das Land ihrer Sehnsüchte zurück, um Japanisch zu studieren und eine Stelle beim Tokioter Großunternehmen Yumimoto anzutreten. Um noch tiefer in die örtlichen Gebräuche und Gegebenheiten einzutauchen, entschließt sie sich zu einem Akt des Gebens und Nehmens. Auf ihre in einem Supermarkt gepostete Kleinanzeige „Französisch-Einzelunterricht, attraktiver Preis“ meldet sich ein einziger Interessent. Doch er ist der richtige.

 

Verliebt, verlobt, verlassen

Der 20-jährige Rinri, Spross einer reichen Tokioter Juweliers-Dynastie, spricht ein grottenschlechtes Französisch, erweist sich jedoch sofort als Bilderbuch-Japaner: sanft, höflich, zuvorkommend und mit einem besonders hübschen Nacken gesegnet. Man trifft sich in einem Café im angesagten Viertel Omotesando, beschnuppert sich vorsichtig und beschließt weitere Zusammenkünfte auf privatem Terrain. Rinri, der stets standesgemäß im weißen Mercedes vorfährt, absolviert das komplette Programm eines japanischen Freundes und Liebhabers. Er stellt Amélie seiner widerwärtigen, in einem „Betonschloss“ residierenden Familie vor, präsentiert sie seinen sonderbaren Freunden und arrangiert traditionelle Ausflüge nach Hiroshima, auf den Fuji und auf die Insel Sado. Dort passiert, was abzusehen war: Rinris Heiratsansinnen kann die zutiefst verstörte Amélie gerade noch in eine Verlobung umwandeln, höflichkeitshalber. Dabei findet sie den adretten Jungen einfach nur nett und interessant. Schließlich lässt sich sein Drängen nur noch durch eine überstürzte Abreise nach Europa beenden.

 

Mit Staunen und Zittern

Nothombs neuer Roman (wenn man diesen schmalen Band von gut 160 Seiten überhaupt so nennen kann) trägt unzweifelhaft autobiografische Züge. Letztendlich zeigt er die liebenswerte, leichte, private Seite ihrer Zeit in Japan – quasi den Gegenentwurf zur erniedrigenden Schufterei im Großkonzern Yumimoto, die Nothomb in Mit Staunen und Zittern kongenial beschrieben hat. Ihre exzentrischen Spleens treten dieses Mal glücklicherweise in den Hintergrund. So gerät ihr krankhafter Hang zur Anorexie, der überschwänglich in der Biographie des Hungers  (http://www.titel-magazin.de/artikel/5841.html) thematisiert wurde, nun eher zur Projektion. „Wenn ich meine Vergangenheit betrachte, stelle ich fest, dass hundert Prozent aller Wesen, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben, dünn waren.“

 

Natürlich zeichnet sich auch Rinri durch Dünnsein aus. Trotzdem kommt es zu aberwitzigen kulinarischen Szenen, die zu den amüsantesten dieses Buches gehören. Noch am Anfang ihrer Freundschaft spielt Amélie so fasziniert mit einem japanischen Fondue-Set („ein Rechaud mit intergalaktischem Brenner, ein Säckchen mit Schaumstoffkäse, eine Flasche mit Frostschutzweißwein“), dass ihr Rinri hinterher die gummiartige Substanz von den Fingern knabbern muss. Und auf der Insel Sado, wo lebende kleine Tintenfische serviert werden, umschlingt ein kämpferisches Exemplar mit den Saugnäpfen Amélies Zunge – ein verwirrendes Abbild für Rinris einzwängendes Liebeswerben.  

 

Der japanische Verlobte ist ein zuweilen poetisch angehauchtes, oft erstaunlich pointiertes Buch über den Akt der Selbstfindung in der Fremde. Doch die vordergründige Heiterkeit wird nicht selten von einem herben Unterton begleitet. „Denn eine Speise ist nur dann wirklich köstlich, wenn sie etwas Bitteres enthält.“

 

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