Ein sehr konzentriertes Buch, ein ,,fettloser" Text mit wenigen Redundanzen
Man muss bei diesem Buch zwischen einem äußeren und einem inneren Erzählgeschehen unterscheiden. Damit ist gemeint, dass der Autor Hans Joachim Schädlich einen narrativen Rahmen mit teilweise erfundenen Figuren und Handlungen konstruiert hat, der es ihm erlaubt, historische Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu rekapitulieren. Schädlich interessiert sich also vor allem für die Einzelschicksale, die exemplarischen Wert besitzen, die verrechenbar sind mit der Geschichte des Kollektivs. Das bedeutet aber auch, dass die privaten, die unpolitischen Elemente des menschlichen Lebenslaufs reduziert erscheinen. Kokoschkins Reise ist also weniger ein psychologischer, als vielmehr ein soziologischer Roman, bei dem es vor allem um die Darstellung vergangener Gesellschaftsmodelle geht. Dieses Vergangene reicht aber teilweise bis in das Jahr 2005, die Zeit der Schiffsreise, hinein.
Wer kein Interesse hat an der Geschichte des 20. Jahrhunderts, sollte diesen Text nicht zur Hand nehmen, aber trotzdem liegt der Reiz des Buches nicht in der gründlichen Rekapitulation und Aufarbeitung von geschichtlichem Quellenmaterial; Schädlich ist ein literarischer Autor, kein Historiker. Der literarische Impuls in Kokoschkins Reise zeigt sich in der Art und Weise, wie die unterschiedlichen Ereignisse zueinander in Beziehung gesetzt, wie ein Zusammenhang hergestellt wird. Man kann diese Vorgehensweise anhand eines Albums mit alten Fotos verdeutlichen, bei dem man versucht, die Zeit, die zwischen den einzelnen Aufnahmen liegt, erzählerisch zu füllen. Während aber die mündliche Erzählung häufig weitschweifig wird, zeigt sich der literarische Rang von Hans Joachim Schädlich in der Lakonie, mit der er in wenigen Sätzen geografisch und zeitlich weit entfernte Geschehnisse verknüpfen kann. Es handelt sich also hier um ein sehr konzentriertes Buch, um einen „fettlosen“ Text mit wenigen Redundanzen. Das unerwartete Nebeneinander und die präzise Kenntnis von historischen Vorgängen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind vielleicht die hervorstechendsten Merkmale von Kokoschkins Reise, die den Band lesenswert machen.