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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:55

Hans Joachim Schädlich: Kokoschkins Reise

17.05.2010

Mit den Mitteln der Lakonie

Ein alter Mann, 1910 geboren und seit langen Jahren in den USA lebend, blickt zu Beginn des 21. Jahrhunderts zurück auf sein Leben und seine bewegte europäische Vergangenheit. Fjodor Kokoschkin, Hauptfigur des Buches, reist an die Orte seiner früheren Existenz und berichtet aus der Erinnerung. Von THOMAS COMBRINK

 

Kokoschkins Reise von Hans Joachim Schädlich ist ein Buch, in dem es um den Lebenslauf des Protagonisten Fjodor Kokoschkin geht, der im Jahre 2005, im hohen Alter von 95 Jahren, mit dem Schiff „Queen Mary 2“ von Southampton nach New York reist. Kokoschkin ist ein amerikanischer Biologe und befindet sich auf dem Weg zurück nach Boston, wo er lebt. Vor der Schiffsreise hat er sich noch einmal an die für seinen Lebensweg wichtigen europäischen Orte begeben. So besucht er mit seinem Bekannten und Stichwortgeber Hlavá?ek, den er 1968 in Prag kennengelernt hat, St. Petersburg, den Ort seiner Kindheit, wo sein Vater 1918 von Bolschewiken ermordet wurde. Er reist nach Berlin; hier ging er zur Schule und arbeitete Anfang der dreißiger Jahre im Botanischen Garten. Nachdem die Nazis in Deutschland immer mehr an Einfluss gewinnen, flieht Kokoschkin aber nach Prag. Von dort aus geht er schließlich in die USA.

 

Der Titel des Buches ist mehrdeutig. Es geht sowohl um die konkrete Schiffsreise im Jahre 2005 als auch um die im Erzählvorgang sich realisierende Zeitreise. Was Kokoschkin während der Überfahrt gesellschaftlich erlebt, wie er also auf dem Luxusliner unterhalten wird, welche Speisen er aufgetischt bekommt, ist eigentlich nicht der Rede wert. Auch ist der Leser etwas erstaunt über die gedankliche und sprachliche Flexibilität, die dieser Herr im hohen Alter von 95 Jahren noch besitzt. Die Art, wie er sich um die fünfzig Jahre jüngere Architektin Olga Noborra auf dem Schiff bemüht, würde man sich noch eher bei einem Mann um die Siebzig vorstellen können.

 

Ein sehr konzentriertes Buch, ein ,,fettloser" Text mit wenigen Redundanzen

Man muss bei diesem Buch zwischen einem äußeren und einem inneren Erzählgeschehen unterscheiden. Damit ist gemeint, dass der Autor Hans Joachim Schädlich einen narrativen Rahmen mit teilweise erfundenen Figuren und Handlungen konstruiert hat, der es ihm erlaubt, historische Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu rekapitulieren. Schädlich interessiert sich also vor allem für die Einzelschicksale, die exemplarischen Wert besitzen, die verrechenbar sind mit der Geschichte des Kollektivs. Das bedeutet aber auch, dass die privaten, die unpolitischen Elemente des menschlichen Lebenslaufs reduziert erscheinen. Kokoschkins Reise ist also weniger ein psychologischer, als vielmehr ein soziologischer Roman, bei dem es vor allem um die Darstellung vergangener Gesellschaftsmodelle geht. Dieses Vergangene reicht aber teilweise bis in das Jahr 2005, die Zeit der Schiffsreise, hinein.

 

Wer kein Interesse hat an der Geschichte des 20. Jahrhunderts, sollte diesen Text nicht zur Hand nehmen, aber trotzdem liegt der Reiz des Buches nicht in der gründlichen Rekapitulation und Aufarbeitung von geschichtlichem Quellenmaterial; Schädlich ist ein literarischer Autor, kein Historiker. Der literarische Impuls in Kokoschkins Reise zeigt sich in der Art und Weise, wie die unterschiedlichen Ereignisse zueinander in Beziehung gesetzt, wie ein Zusammenhang hergestellt wird. Man kann diese Vorgehensweise anhand eines Albums mit alten Fotos verdeutlichen, bei dem man versucht, die Zeit, die zwischen den einzelnen Aufnahmen liegt, erzählerisch zu füllen. Während aber die mündliche Erzählung häufig weitschweifig wird, zeigt sich der literarische Rang von Hans Joachim Schädlich in der Lakonie, mit der er in wenigen Sätzen geografisch und zeitlich weit entfernte Geschehnisse verknüpfen kann. Es handelt sich also hier um ein sehr konzentriertes Buch, um einen „fettlosen“ Text mit wenigen Redundanzen. Das unerwartete Nebeneinander und die präzise Kenntnis von historischen Vorgängen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind vielleicht die hervorstechendsten Merkmale von Kokoschkins Reise, die den Band lesenswert machen.

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