Montage mit blitzgescheiten, emotionalen Exkursen
In seinem letzten Text, der auch als sein Vermächtnis gilt, stehen die stalinistischen Säuberungen und die Zwangskollektivierung im Mittelpunkt. Die Erzählung ist nicht aus einem Guss, wirkt manchmal unvollendet und ist eigentlich eine Montage mit blitzgescheiten, emotionalen Exkursen, u. a. über Lenin und Stalin und ihre feinen Unterschiede. Auch wenn Grossman das Wesen der Menschen auf die Strukturen zurückführt, von denen sie geprägt werden, so hält er doch existenzialistisch daran fest, dass Menschen immer eine Entscheidung treffen können. Die Tauwetterzeit wird von Grossman als zweite verpasste Chance dargestellt, mit den stalinistischen Strukturen aufzuräumen. Er selbst überschätzte die Möglichkeit, seine Kritik am System so zu formulieren, wie er es in Leben und Schicksal tat. Grossman selbst hatte zur Hochzeit des Stalinismus einen kollektiven Brief jüdischer Intellektueller mitunterschrieben, der die Deportation der sowjetischen Juden nach Sibirien legitimieren sollte. Auf seiner fiktionalen Spurensuche, getragen von der Frage wie es zu Konformismus, Unterwürfigkeit und individueller Schuld kommt, übernimmt Grossman die Verantwortung für diesen Schritt. Selten sind seine Figuren bösartig, fast immer aber lasch. Iwan Grigorjewitsch verschwindet aus dem Leben dieser laschen Menschen, ohne dass sie sich weiter um ihn kümmern, ihm schreiben, vielleicht versuchen ihn zu besuchen. So sein Vetter Nikolai Andrejewitsch („Sein ganzes Leben bestand einzig aus Gehorsam, und es gab keinen Ungehorsam darin.“), seine Geliebte Anja Samkowskaja, die ihm keine Briefe mehr schrieb und einen anderen heiratete, sein Studienkollege Pinegin, der ihn ohne Grund denunzierte, dessen Leben eine einzige Gemeinheit darstellt.
Grossman untersucht in einem Kapitel methodisch die Struktur der Denunziation und analysiert die verschiedenen menschlichen Charaktere, die ihr anheimfallen können. Die Schilderung der Zwangskollektivierung, über die Iwans neue Geliebte Anna Sergejewna Michaljowa ihm berichtet und die des Lagerlebens, sind in ihrer Stärke und Deutlichkeit kaum zu ertragen. Standen in Leben und Schicksal noch die politischen Diskussionen der Gefangenen untereinander oder mit der Lagerleitung im Mittelpunkt, so geht es bei Alles fließt nur noch ums nackte Überleben und den Verlust des Menschlichen: „Ja, alles fließt, alles ändert sich, man steigt nicht zweimal in denselben Transport.“ Die Reflexionen Iwan Grigorjewitschs über sein eigenes verlorenes Leben verbinden sich mit den Überlegungen über das Scheitern des Sozialismus.
In jedem seiner Texte wird die feinsinnige Dialektik der Darstellung der Revolutionäre von 1917 geschliffener, die Grossmans Sympathie genießen, deren Unerbittlichkeit der von Robespierre glich und die es ermöglichte, den stalinistischen Staat zu bauen, der sie selbst vernichtete und sie selten eines natürlichen Todes sterben ließ. Sein Fazit in Alles fließt lautet, dass das unfreiwillige Abtreten dieser Generation die emanzipatorische Dimension des Sozialismus mit in den Abgrund gerissen hat, weil sie sie selbst nicht genug gehütet hatten. Er zweifelt daran, ob dies angesichts der russischen Geschichte überhaupt möglich war. Sicher ist, dass die nächste Generation nicht mehr die Kinder der Revolution waren, sondern des von ihr geschaffenen Staates. Dieser Staat war nicht das Mittel, um ein kommunistisches Ideal zu verwirklichen, sondern entpuppte sich als Zweck. Grossman hält daran fest, dass die Russische Revolution von den Ideen der Freiheit und Menschenwürde getragen war, aber dass Lenins Sieg zu seiner größten Niederlage, aus der Partei der Revolution eine Partei des Nationalstaats wurde, deren Polizeiapparat mit der Revolution und den Revolutionären abrechnete. Alles fließt erzählt aus der Perspektive des „Lagermenschen“ Iwan Grigorjewitsch, was den Menschen widerfährt, die dieser Logik ausgeliefert sind.