`Roman` ist gut gesagt!
Inkohärenter dürfte bisher kaum eine längere Prosaarbeit dahergekommen sein, die Anspruch auf das moderne Genre einer episch-kohärenten Erzählung erhoben hat. Ein paar wiederkehrende Themen oder Motive – zu denen auch die von Einzinger erwähnten Kamele gehören, ein Zirkus & ein Auto des Arbeitersamariterbunds oder das von zwei jungen Frauen verfolgte Fotoprojekt, Teppiche in Klos aufzustöbern & zu fotografieren – stiften einen ebenso losen wie überraschenden, zugleich geheimnisvollen wie (erzählerisch) irrelevanten Zusammenhang unter den vielen mitgeteilten seltsamen Erzählungen, absonderlichen Kuriositäten & verstrubbelten Abenteuern.
Von Peter Handke, den Einzinger nur anonym, nämlich als „einen Mann, der in fünf ausgedehnten Wanderungen ganz Spanien zu Fuß durchquert und darüber poetische Reiseberichte verfasst hat“, einmal zu Wort kommen lässt, borgt er sich die narrative Poetik seiner literarischen Exkursionen in die weite & nächste Welt. Der Erzähler als „Vagabund (...) ist zwar ein Mensch guten Willens, aber seine Zeit ist begrenzt und seine Mittel desgleichen. Folglich sind seine Vagabundereien (...) immer ein wenig bruchstückhaft und unvollständig, ein wenig zusammenhanglos und nicht abgerundet. Mehr gibt das Leben nicht her“, schreibt Handke.
Einem Humoristen wie Erwin Einzinger, der an einer anderen Stelle dem geistesverwandten, heute fast ganz vergessenen Richard Brautigan, dem Hippie-Avantgardisten von Forellenfischen in Amerika, einen kleinen Erinnerungsaltar errichtet, „gibt das Leben“ jedoch eine Fülle von Erzählstoffen und Charakteren preis, die er – wie ein märchenhafter Weihnachtsmann seinen Sack voller Geschenke – vor uns staunenden Lesern immer aufs Neue verschwenderisch ausbreitet, so dass wir zum Beispiel zwei fliegenden Mönchen begegnen, einem Japaner auf der Suche nach Strindberg oder Ceausescus Doppelgängern.
Der besondere Reiz von Erwin Einzingers romanesker Vagabondage Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach besteht aber darin, dass er die Erzählungen, Anekdoten & Faits divers „gehörig verknäult und so sehr verwickelt hat, dass sich auch mancherlei Abstruses hineinschwindeln ließ“, worüber wir Leser so ins Grübeln geraten können, wie die Zeitgenossen des Marco Polo über seine Reiseberichte ins Staunen.
Das literarische Kaleidoskop, das der österreichische Erzähler sich dadurch erdreht & erschüttelt hat, steckt also voller Zeichen & Wunder, die uns sein einbildungsstarker Autor ganz nahe vor die Augen stellt – als wären es Erinnerungen, die er unserem Gedächtnis abgerufen hat. Das ist wahrlich: ein starkes Stück!