Eher dramatische Versuchsanordnung denn Roman
Besonders gut hat Froehling das „Vorgestellte“, von dem Pamuk spricht, da in eine kohärente Form gegossen, wo sich Vergangenheit und Gegenwart in Rückblenden durchdringen. Trotzdem gleicht sein Buch mehr einer dramatischen Versuchsanordnung als dem Roman, als der er sich ausgibt. Lange Nächte Tag ist ein existenzialistisches Kammerspiel für zwei, grenzt an eine Parabel. Nicht zufällig hat Froehling den schönen Satz Herein, ich habe mich aufgehängt aus Albert Camus‘ Die Pest seinem Buch als Widmung vorangestellt. Das szenische Schreiben beherrscht dieser Debütant, der eigentlich gar keiner mehr ist. Schon 2006 hat ihn die Zeitschrift Theater heute zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt.
Bei einigen Stellen könnte sanfteren Gemütern vielleicht wirklich „der Atem stocken“, wie es der Klappentext reißerisch behauptet. Doch Lange Nächte Tag ist nicht der erste schwule Roman, in dem es heiß hergeht. 1956 löste Gilgamesh, der Roman von Froehlings schwulem Landsmann Guido Bachmann, einen Literaturskandal in der Schweiz aus. Darin wirft der Tod seines Geliebten den künstlerisch begabten Gymnasiasten Roland aus der Bahn. Und Alan Hollinghursts 2005 erschienenes Meisterwerk, Die Schönheitslinie, ein Sittenpanorama des Londons der 80er Jahre, ist durchzogen von einer Spur aus Sex und Drogen.
Wie bei Hollinghurst, wo Schönheit und Verderbtheit spiegelbildlich nebeneinander stehen, macht der Kontrast von Zärtlichkeit und Brutalität die Anziehungskraft von Lange Nächte Tag aus. Und Froehlings suggestive Sprache treibt den spannenden Plot voran. Die Lust, mit der dabei diverseste Tabubrüche aufgerufen werden, sollten Sexualpädagogen nicht überbewerten. Wer ein Buch liest, in dem ungeschützter Verkehr vorkommt, sündigt ja noch nicht, sondern er liest. Und dessen literarische Beschwörung ließe sich auch als symbolische Grenzüberschreitung gegen die Domestizierung des Sex im Gefolge von Aids lesen, samt der moral correctness in ihrem Schlepptau.
Sieht man von dem manchmal etwas pathetischen Ton des Ich-Erzählers ab, übt sich Froehling in einem vergleichsweise unaufgeregten Umgang mit einer Jahrhundertkrankheit. Weder dämonisiert er sie als Strafe Gottes für die Sünder auf Erden, noch verfällt er in die martialische Sprache, gegen die Susan Sontag in ihren Essays Krankheit als Metapher und Aids und seine Metaphern polemisierte. Wenn sich Patrick Jiris Krankheit als „fiesen kleinen Leuchtballen“ vorstellt, klingt das eher ironisch als nach der Identifikation eines „viralen Feinds“. Doch so, wie Froehling Sontags „Krankheit ohne Bedeutung“ wieder in die Nähe eines magischen Rituals rückt, beschwert er sein gelungenes Debüt am Ende unnötig mit einem sexualpädagogischen Unterton.
In einer schizoiden Verschmelzungsfantasie lässt er auch Patrick sich in genau dem „Höllenhaus“ infizieren, in das Jiri geflüchtet war, als Patrick ihn nach der ersten gemeinsamen Nacht grußlos verließ: „Jetzt sind wir uns gleich“ durchzuckt es ihn nach dem orgiastischen Delirium. Ob das drastische Bild der Abschreckung dienen soll oder zur Nachahmung einlädt, bleibt zum Glück einigermaßen offen. Die Literatur lädt zwar zum imaginären Rollenspiel ein. Als Ratgeber, gar als Warnhinweis taugt sie aber nicht.