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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:58

Michael Chabon: Schurken der Landstraße

14.06.2010

Der zweite Befreiungsschlag

In Schurken der Landstraße befreit Michael Chabon sich endgültig von den Fesseln der immergleichen Gegenwartsliteratur. Von JAN FISCHER

 

Folgendes passiert: Ein Schriftsteller, nennen wir in Michael Chabon, schreibt ein Buch, das alle lieben. Kritiker behaupten sogar, es sei so etwas wie ein neuer Fänger im Roggen. Aus Angst, nur ein One-Hit-Wonder zu sein, schafft er es daraufhin nicht, sein nächstes Buch zu beenden, das zu einem 800-seitigen Mammutmanuskript heranmetastasiert. Das Chabon dann wegwirft, um ein Buch darüber zu schreiben, dass er kein Buch schreiben kann. Der Roman wird daraufhin mit Michael Douglas und Tobey Maguire in den Hauptrollen verfilmt. Chabons nächstes Buch handelt von Comics, nebenbei schreibt er noch ein bisschen am Skript von Spiderman 2 herum. Und so weiter noch ein paar Romane und eine Menge Kurzgeschichten lang: „Nirgends tauchen Waffen auf, die antiquierter wären als eine 9mm-Glock. Keine Story spielt vor 1972“, sagt Chabon selbst, „und an einem entfernteren Ort als einem Hörfunkstudio in Paris.“ In Schurken der Landstraße schwenkt er nun komplett um.

 

Folgendes passiert: Im Kaukasus des 10. Jahrhunderts stolpern der jüdische Chirurg  Zelikman und der nubische Krieger Amram, beides Straßenräuber, über einen Jungen namens Filaq, den sie gegen eine große Belohnung eigentlich nur ein Königreich weiter abliefern sollen. Die drei geraten in ein undurchsichtiges Netz aus Intrigen und Elefanten, außerdem mitten in einen Krieg zwischen Wikingern und Muslimen. Und am Ende haben die zwei Straßenräuber für Filaq gleich ein ganzes Königreich ergaunert.

 

Wenn sich das jetzt ein bisschen nach Noah Gordons Medicus anhört, ist das ein Vergleich, der durchaus seine Berechtigung hat, dann aber auch wieder nicht: Schurken der Landstraße ist kein Historienschinken, der sich mal eben am Strand weglesen ließe. Chabon taucht zwar in die Welt der Historienschinken und Abenteuerromane ein, so tief sogar, dass vorne im Buch eine Landkarte ist. Allerdings ist Chabon, auch wenn er in Nachworten, Vorworten und Interviews konsequent das Gegenteil behauptet, einer der besten zeitgenössischen Schriftsteller. Schurken der Landstraße ist das Gegenteil der historischen Einmalrasiererliteratur à la Noah Gordon oder Ken Follett. Chabon schreibt komplizierte, wortgewaltige Schachtelsätze, die sich an ihrer eigenen Anmutung historischer Sprache weiden.

 

Ein Comichaft, mit der Anmutung von Historizität

Anmutung ist vielleicht sowieso ein Wort, mit dem man bei Schurken der Landstraße arbeiten muss. Denn natürlich hat Chabon eine 180-Grad-Wende vollzogen und arbeitet sich jetzt durch ein völlig neues Genre. Im Gegenteil: Er ist nach wie vor der popinfizierte Jetztzeitschriftsteller, der er immer war, aber er hat sich soweit von seinen Themen Scheidung, Enttäuschung, Liebe und Hass zwischen Vätern und Söhnen usw. usf., dieser ganzen Palette des zeitgenössischen Gegenwartsdramas fort- und in die Popkultur hineingearbeitet, dass er eben auch mal einen Historienroman schreiben kann. Der natürlich kein sauber recherchiertes Sachbuch ist, sondern eher ein Comic, der nur mit der Anmutung von Historizität arbeitet, genauso, wie er nur mit der Anmutung der Form und des Themas eines historischen Romans arbeitet.

 

Im Grunde ist Schurken der Landstraße der zweite Teil von Chabons Befreiungsschlag gegen das ewig gleiche Personal und die ewig gleichen Themen der vermeintlich ernsthaften Gegenwartsliteratur: Der erste Teil, Das letzte Rätsel, war die Geschichte des letzten Falles des pensionierten  Sherlock Holmes, eine verspielte, zitatreiche Angelegenheit, die inhaltlich nichts mehr mit Chabons Erstling zu tun hatte, der Adoleszensgeschichte Die Geheimnisse von Pittsburgh oder mit Wonderboys, diesem eleganten  Tanz um das Problem des zweiten Romans.

 

In Schurken der Landstraße schüttelt Chabon die Grenzen des Gegenwartsdramas endgültig ab und schaut sich um in einer Welt, die viel, viel mehr zu bieten hat als problematisierte, durchpsychologisierte Konstellationen der Traurigkeit. Chabon ist einen weiten Weg gegangen, seitdem er zum neuen Salinger erklärt wurde, aber immer in die richtige Richtung.

 

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