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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:58

Philip Roth: Die Demütigung

21.06.2010

Reif sein - zum Weg ins Freie

Philip Roths Roman über die künstlerische Impotenz eines Schauspielers: Die Demütigung Ist erneut ein gelungener Kurzroman des Amerikanischen Altmeisters. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Altern sei nichts für Feiglinge, soll eine Hollywooddarstellerin einmal gesagt haben. Sie hat  wohl – naheliegend in der „Traumfabrik“ –  vornehmlich an Frauen gedacht. Der im vergangenen März 77 Jahre alt gewordene amerikanische Schriftsteller Philip Roth ist seit geraumer Zeit dabei, den weltbekannten Aphorismus aus männlicher Perspektive zu beleuchten. Er verwendet dazu von Das sterbende Tier (2003) über Jedermann (2006) und Exit Ghost (2008) schnell hintereinander erscheinende Kurzromane, die zumindest kurz & bündig sind im Vergleich mit z.B. Sabbaths Theater (1995) oder Der menschliche Makel (2000).

 

In Philip Roths jüngstem Kurzroman erfährt „Die Demütigung“ des Alters schon mit 60 Jahren (!) der große amerikanische Bühnenschauspieler Simon Axler. Von heute auf morgen hat sich seine unvergleichliche Kunst, „das Vorgestellte zu etwas Wirklichem“ (für die Zuschauer) zu machen, „in Luft aufgelöst“, wie das erste Kapitel des Buches lautet, das mit der finalen Feststellung beginnt: „Er hatte seinen Zauber verloren“. Axler erscheint daraufhin seine Kunst so lächerlich – wie er als Künstler dem Publikum, das er nicht mehr in seinen großen (Shakespeare-) Rollen überzeugen kann.

 

Was man aus der Literatur (Uwe Johnson!) als „author´s block“ kennt, entspricht in der Rothschen Demütigung der essentiellen psychischen Blockierung, eine schauspielerische Existenz fortzusetzen. Kein Wunder, dass nach dieser inkurablen Demütigung den berühmten Schauspieler, der sich offenbar „überlebt“ hat, seine Frau verlässt und er sich, bevor ihm ein Selbstmord gelingt, für einen Monat in eine psychiatrische Klinik begibt. Dort lernt er eine junge Patientin kennen, die ihn auffordert, ihren Mann umzubringen, weil sie ihn dabei erwischt habe, wie er ihre zehnjährige Tochter sexuell missbrauchte. Nun, dazu ist der berufsimpotente Schauspieler nicht bereit.

 

Zurückgekehrt aus der Klinik in sein einsam gelegenes Landhaus in der Nähe jener Neuengland-Gegend, wo Philip Roth außer im Winter lebt, kündigt sich überraschend als Besucherin Pegeen Mike Stapleford an, die ihre Vornamen einem Theaterstück verdankt, in dem vor vierzig Jahren ihre Eltern mit Simon Axler aufgetreten waren. Simon hatte den ihm schon lange befreundeten Staplefords diesen Namen für die erwartete Tochter vorgeschlagen. Sie wurde nicht Schauspielerin, sondern Collegedozentin; und seit sie 23 Jahre alt war, erfuhr er von ihren schockierten Eltern, lebte sie offen lesbisch. Nun aber war sie – nach einer längeren Beziehung, die vor zwei Jahren daran zugrunde gegangen war, dass ihre Partnerin eine Geschlechtsumwandlung anstrebte – in ein Neuengland-College in Axlers Nähe gewechselt, nicht ohne dass sie dessen Dekanin Louise zur Geliebten wurde.

 

Pygmalion-Mythos & Lesbentum

Wie man sieht, ist der amerikanische Erzähler sogleich wieder auf seinem Lieblings-Terrain – und sein diesmaliger Held Simon Axler natürlich auch. Denn schnell finden der von der Kunst  und die von ihrer Lebenspartnerin Verlassenen & vom Zufall des Lebens Gedemütigten sexuell zueinander. Die Art, wie der alte Mann von der 25 Jahre jüngeren Frau, die er als Baby zuletzt gesehen hatte & die seine Tochter sein könnte, sich autosuggestiv bezaubert, ermutigt und verjüngt zeigt, ist ein Kabinettstück für die psychologische Subtilität des Autors. Wie überhaupt Philip Roths Vergnügen am Erzählen (& das der Leser an dessen Auskostung) darin besteht, souverän mit den Erzählzeiten umzuspringen, so dass er im Vor- & Rückgriff Spannung erzeugende Überraschungen und Rätsel über die Personen platzieren kann, an deren Erklärung und Lösung man natürlich als Leser, mit dem Roth anmutig spielt, aufs Höchste interessiert ist. Womit er behände die Banalitäten und Klischees des der Demütigung zugrunde liegenden literarischen Topos (Die tragischen Liebe eines alten Mannes zu einer jungen Frau) durcheinander wirbelt.

 

Wenn Die Demütigung den Pygmalion-Mythos mit dem Buffa-Stoff des von der jungen Geliebten verlassenen Alten kreuzt, so doch auf dem Feld sexueller Grenzüberschreitungen. Während Simon Axler glaubt, in dem glühenden Männertraum zu leben, „eine Lesbe umgedreht“ zu haben und sie sich von Kopf bis Fuß mit Simons unbeschränkten Mitteln zu einem modisch aufgestylten Objekt des Begehrens ausstaffieren lässt, mit dem der wesentlich ältere Liebhaber öffentlich prunkt, erklärt jedoch die kühlere Pegeen ihrer Mutter, dass sie mit Simon etwas Neues „ausprobiert“, das ihr zwar viel Freude macht, aber „ich kann nicht behaupten, dass es eine Verwandlung ist, die ich auf Dauer will“.

 

Simon, der diese Selbstaussage überhört, als Pegeen ihm detailliert von den Versuchen ihrer Eltern erzählt, der Tochter die Liebesbeziehung mit deren Jugendfreund auszureden, verleugnet seine Wut und Gekränktheit gegenüber der jüngeren Geliebten, die ihre Geständnisse mit einem Satz beschließt, der – wie sich zeigen wird – von einer geradezu tragischen Ironie ist: „Du bist wunderbar für mich: die Lösung aller meiner Probleme“.

 

Die Lösung seiner Probleme scheint sie auch zu sein. Der 65jährige Schauspielpensionär, der glaubt, eine „Lesbe“ verzaubert zu haben, plant hochgestimmt & insgeheim eine späte Vaterschaft; aber bevor er Pegeen seinem Wunsch mitteilen kann, sagt sie ihm beim Frühstück, ihre enge erotisch-sexuelle Symbiose sei „vorbei: Es ist nicht das, was ich will. Ich habe einen Fehler gemacht“ – und verlässt ihn.

 

Von diesem Zusammenbruch seiner Illusionen, wird er sich nicht mehr erholen. Erst sucht er die Schuld an der widernatürlichen Beziehung bei Pegeens lesbischer Fixierung, dann bei ihren Eltern, die gegen ihn „gehetzt“ hätten. Bis er zuletzt sich selbst als Schuldigen erkennt.

 

Jetzt ist er „reif“ für den Selbstmord. Er nimmt sich an der Frau ein Beispiel, die er in der Psychiatrie kennen gelernt und die nun - wie sie ihm in einem Brief mitteilte – ihren kinderschänderischen Mann erschossen hatte. „Wenn sie das geschafft hat, dann schaffe ich das auch“, betet sich der gewesene Schauspieler vor. Noch einmal gelingt ihm ein schauspielerisch perfektes Finale. Neben dem von eigener Hand auf dem Dachboden seines Hauses erschossenen Simon Axler fand man einen Zettel, auf dem die letzten Zeilen seiner theatralischen Parallelaktion mit Tschechows Möwe standen: „Die Sache ist die: Konstantin Gawrilowitsch hat sich erschossen“.

 

Die Sache mit der Demütigung ist die: Philip Roth hat es wieder einmal geschafft mit einem neuen seiner letzten Endspiele.

 

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