Frankie Chavez: Family Tree Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 16:59

Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag

21.06.2010

Pausenloses Lustemissionsflimmern in totalitären Verhältnissen

„Manche Dinge muss man einfach säuberlich aufschreiben, um ihren Idiotiewert zu erkennen.“ Dies trifft nicht zu auf Jan Faktors 636 Seiten starken, erotischen Entwicklungsroman Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag. Auch wenn man als Leser ausdauernd sein und ab und an die letzten Energiedepots anzapfen muss: es lohnt sich. Von VERENA MEIS

 

Die ersten Sorgen um seinen Penis machte Georg sich schon im Kindergarten, damals nur aus rein hygienischen Gründen. Jetzt ist er fünfzig Jahre alt und blickt zurück auf eine amüsante, mitreißende, aber auch von Widerständen durchzogene Pubertät, aufgewachsen zwischen (Keller-)Tanten, Haupt- und Nebengroßmüttern und (Schrankghetto-)Onkel ONKEL, „einer der eindrucksvollsten männlichen Gestalten meiner Kindheit. Allerdings erst posthum beim Schreiben dieses Textes“. Das war es dann auch schon mit den männlichen Begleitern, geschweige denn mit gleichgeschlechtlichen Vorbildern. Georgs alkoholkranker Vater, der Mutter und Kind verließ, kann sich nur bei Schönheitswettbewerben um die schönsten Männerbeine positiv hervortun. Georgs Wochenendaufenthalte bei ihm schädigten ihn für Jahrzehnte: „Vaters Behausung war tatsächlich kein Ding, es war ein lebendiger Organismus, monströs in seiner von Anbeginn der Auflösung geweihten Mutationsfreude.“

 

Dass sich seine Zukunft „zwischen den Nippeln und Spalten der fraulichen Neozoikallandschaften“ abspielen würde, scheint Georg mehr als natürlich zu sein. Er ist umgeben von einer dominant-weiblichen Überfürsorge à la „Hast du heute schon gekackt, Georg?“

 

Das Nachdenken über seinen Gesichtssinn beschäftigt ihn den ganzen Roman hindurch. Dem französischen Anthropologen André Leroi-Gourhan zufolge war der aufrechte Gang des Menschen und damit verbunden die Möglichkeit, unsere Hand zu beobachten und nicht mehr zur Fortbewegung nutzen zu müssen, die Bedingung für das Entstehen der Schrift. Ein großer Schritt für die Menschheit. Georg trauert dem Gang auf allen Vieren nach: „Was der aufrechte Gang auch noch mit sich brachte, tut einem – nebenbei gesagt – heute noch weh: Bei diesem folgenschweren Vorgang KLAPPTEN DIE WEIBCHEN IHRE WARMEN ÖFFNUNGEN KALTMÖSIG ZWISCHEN DIE BEINE, und die Männchen kamen nicht umhin, ihr Aggregat gefährlich vorgelagert zu tragen.“ Da wären wir wieder bei Georgs Sorgen um sein männliches Gemächt.

 

Faktor, Foto © Susanne Schleyer Faktor, Foto © Susanne Schleyer

Schöne Obszönitäten wider den Ernst des Lebens

Jan Faktor hätte den Leipziger Buchpreis für seinen fulminant komischen Roman redlich verdient. Voll schöner Obszönitäten kommt der Ernst des Lebens auch nicht zu kurz. Georg, der sich seiner jüdischen Herkunft erst spät bewusst wird („Hat dir das bis jetzt niemand gesagt, Georg? WIR sind doch JUDEN, wir alle hier, du natürlich auch.“), erinnert sich des Einmarschs der sowjetischen Truppen 1968 in Prag: „Moralisch und kulturell zerfiel das Land im Zeitraffertempo.“ Aber zunächst heißt es träumerisch: „Die Jahre bis zum Einmarsch waren voller unschuldiger Naivität und Optimismus, man leckte sich an den neuen Freiheiten satt. Von den kommenden Abstürzen ahnte man noch nichts.“ Auch die KZ-Vergangenheit der weiblichen Mitbewohner in Georgs familiärer Prager Wohngemeinschaft sind gespickt mit ironischem Optimismus purster Sorte: Hauptgroßmutter Lizzy verkündet nach einem kurzen Blick aus der Fensterluke des Viehwaggons: „Hier wird es gut sein.“

 

Inmitten häuslicher Erotisierung des Alltags muss Georg schon früh negative Erfahrungen einstecken, zum Beispiel in seiner Beziehung zu Dana, einer „Altruistin der Sondergüte“ und Tiere liebenden Bildhauerin, die es nicht ganz so ernst mit der Körperhygiene hält. Georg lernt entgegen des Sexualunterrichts in der Schule, dass das weibliche Organ meist nicht nach Bananen riecht. Dana ist sowieso ein Kapitel für sich: Nach einer langwierigen „Ineinandernäherung“, kurz bevor Georgs sexueller Überdruck ihn in ein „psychotisches Meerschweinchen“ verwandelt hätte, durchbrach er Danas restliche Verschalungen, musste aber hinnehmen, dass ihre geliebten Tiere, „ihr unerotisches Bestiarium“ meist mit anwesend war(en).

 

Jan Faktor führt uns ein in die Welt seines Alter Ego Georg, dessen „Begehrmaschine“ erwacht. Er bemerkte, dass er nun dazu bestimmt war, „mit allen Ejakulatwassern gewaschen und allen Scheidensekreten geschmiert zu werden“. Ein schmutzig-komisches, aber auch melancholisches Lesevergnügen.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...