Schöne Obszönitäten wider den Ernst des Lebens
Jan Faktor hätte den Leipziger Buchpreis für seinen fulminant komischen Roman redlich verdient. Voll schöner Obszönitäten kommt der Ernst des Lebens auch nicht zu kurz. Georg, der sich seiner jüdischen Herkunft erst spät bewusst wird („Hat dir das bis jetzt niemand gesagt, Georg? WIR sind doch JUDEN, wir alle hier, du natürlich auch.“), erinnert sich des Einmarschs der sowjetischen Truppen 1968 in Prag: „Moralisch und kulturell zerfiel das Land im Zeitraffertempo.“ Aber zunächst heißt es träumerisch: „Die Jahre bis zum Einmarsch waren voller unschuldiger Naivität und Optimismus, man leckte sich an den neuen Freiheiten satt. Von den kommenden Abstürzen ahnte man noch nichts.“ Auch die KZ-Vergangenheit der weiblichen Mitbewohner in Georgs familiärer Prager Wohngemeinschaft sind gespickt mit ironischem Optimismus purster Sorte: Hauptgroßmutter Lizzy verkündet nach einem kurzen Blick aus der Fensterluke des Viehwaggons: „Hier wird es gut sein.“
Inmitten häuslicher Erotisierung des Alltags muss Georg schon früh negative Erfahrungen einstecken, zum Beispiel in seiner Beziehung zu Dana, einer „Altruistin der Sondergüte“ und Tiere liebenden Bildhauerin, die es nicht ganz so ernst mit der Körperhygiene hält. Georg lernt entgegen des Sexualunterrichts in der Schule, dass das weibliche Organ meist nicht nach Bananen riecht. Dana ist sowieso ein Kapitel für sich: Nach einer langwierigen „Ineinandernäherung“, kurz bevor Georgs sexueller Überdruck ihn in ein „psychotisches Meerschweinchen“ verwandelt hätte, durchbrach er Danas restliche Verschalungen, musste aber hinnehmen, dass ihre geliebten Tiere, „ihr unerotisches Bestiarium“ meist mit anwesend war(en).
Jan Faktor führt uns ein in die Welt seines Alter Ego Georg, dessen „Begehrmaschine“ erwacht. Er bemerkte, dass er nun dazu bestimmt war, „mit allen Ejakulatwassern gewaschen und allen Scheidensekreten geschmiert zu werden“. Ein schmutzig-komisches, aber auch melancholisches Lesevergnügen.