Ein kleines Erzählwunder
Der Zeitraum der Ereignisse: ein paar Wochen, zwei Monate. rhythmisiert durch sechs Kapitel. Das siebte ist das nichtgeschriebene, die Zeit der Pause und der Besinnung, nach der großen Besinnungslosigkeit. Fast biblisch, eine seelische Erschaffungsgeschichte.
In all dem Suff und Kiff versieht aber erst der Koitus die immergleich scheinenden Tage mit dem Stempel des Erfolgs und einer vagen Sinnhaftigkeit. Moment: Immergleich? Geht es denn nicht um Kreative, Intellektuelle, auf dem Höhepunkt ihrer Vitalität und Schaffenskraft? Vordergründig ja, und an diesem Vordergrund arbeitet sich Michael Sailer auch ab. Er stellt ihn dar, schonungslos, lässt uns dabei sogar zum voyeuristischen Teilhaber werden. Aber man kann´s verraten: Das Immerneue verkommt mehr und mehr zum Immergleichen, das nur vorgeblich das Besondere und Einmalige ist.
So sehr sie tagtäglich weggefickt und wegesoffen werden soll, die Sinnfrage kommt mit Gewalt. Und so könnte man dem Roman natürlich vorwerfen, er nehme nur mächtigen Anlauf zu einer recht übersichtlichen Moral, so verfehlt ist dieser Vorwurf doch, weil Michael Sailer ein feines Gefühl dafür hat, wie weit er den Bogen spannen muss, damit der Pfeil wirklich trifft. Und zwar wohin? Sie ahnen es – tatsächlich ins Herz!
Und das ist dann tatsächlich ein kleines Erzählwunder: Denn die Zynik des Beginns beheimatet am Ende tatsächlich den Keim der inneren Wende, die jedoch überhaupt nicht moralisch konstruiert daherkommt und zeigefingerlang, sondern schockhaft echt!
Und so erkennt man schließlich als Leser, dass doch schon sehr früh vom Sterben die Rede gewesen ist. Und man erkennt zudem, dass all die so prall mit Leben gefüllte Zeit nichts anderes war als Stillstand. "Wir sollten die Zeiger festkleben", sagt Mojo, der Ich-Erzähler, der sich selbst als wandelnden Rausch bezeichnet. "Oder einfach sterben, das ist dasselbe", antwortet sein Freund David darauf.
