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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 16:10

Michael Sailer: Die Verrückten stehen in der Sonne

19.07.2010

,,Das hier sind die Achtziger, Baby!"

Der Titel macht schon mächtig auf, wirkt groß, bedeutsam und - geheimnisvoll. Um ihn fassbarer zu machen, kehrt man ihn am besten um und käme somit etwa zu: Die Normalos stehen im Schatten, oder so ähnlich ... Von CHRISTOPH POLLMANN

 

Das zentrale Wort ist „Sonne“. Nur, was bedeutet sie hier? Wofür steht sie, wenn sie wie hier vermutlich metaphorisch gebraucht wird? Glück, Leben, vielleicht sogar Heil?

Michael Sailer erzählt in seinem knapp 200seitigen Roman von einer Münchner Film- und Musikertruppe. Und so steht die Sonne natürlicherweise auch für das Scheinwerferlicht und den beruflichen Erfolg. Der wird sprachlich schnell genug als Erfolg (und Befriedigung!) des Ego entlarvt. Denn um permanent berauschtes Egotum geht es hier. Keine Seite auf der nicht gesoffen, gekifft oder gesnifft wird – keine!

Was manchem vielleicht schnell auf die Nerven geht, entpuppt sich aber bald als sehr bewusst gespielter Zug in der Sailerschen Erzählstrategie. Man wundert sich über die Drogenquanten, man moralisiert, man bemitleidet, man mag heimlich sogar mittun wollen – aber immer bleibt eine Frage übrig: Wohin? Und dieses Wohin bezieht sich sowohl auf die Figuren als auch auf den Roman, der vielleicht auch noch als Erzählung durchgehen könnte oder sogar eine sehr lang geratene Kurzgeschichte. Was ihn jedoch zweifelsohne als Roman auszeichnet, ist der unbedingte Wille, ein Panorama zu zeichnen, eines von Münchner Endzwanzigern auf radikalem Bohèmetrip.

 

Ein kleines Erzählwunder

Der Zeitraum der Ereignisse: ein paar Wochen, zwei Monate. rhythmisiert durch sechs Kapitel. Das siebte ist das nichtgeschriebene, die Zeit der Pause und der Besinnung, nach der großen Besinnungslosigkeit. Fast biblisch, eine seelische Erschaffungsgeschichte.

 

In all dem Suff und Kiff versieht aber erst der Koitus die immergleich scheinenden Tage mit dem  Stempel des Erfolgs und einer vagen Sinnhaftigkeit. Moment: Immergleich? Geht es denn nicht um Kreative, Intellektuelle, auf dem Höhepunkt ihrer Vitalität und Schaffenskraft? Vordergründig ja, und an diesem Vordergrund arbeitet sich Michael Sailer auch ab. Er stellt ihn dar, schonungslos, lässt uns dabei sogar zum voyeuristischen Teilhaber werden. Aber man kann´s verraten: Das Immerneue verkommt mehr und mehr zum Immergleichen, das nur vorgeblich das Besondere und Einmalige ist.

 

So sehr sie tagtäglich weggefickt und wegesoffen werden soll, die Sinnfrage kommt mit Gewalt. Und so könnte man dem Roman natürlich vorwerfen, er nehme nur mächtigen Anlauf zu einer recht übersichtlichen Moral, so verfehlt ist dieser Vorwurf doch, weil Michael Sailer ein feines Gefühl dafür hat, wie weit er den Bogen spannen muss, damit der Pfeil wirklich trifft. Und zwar wohin? Sie ahnen es – tatsächlich ins Herz!

 

Und das ist dann tatsächlich ein kleines Erzählwunder: Denn die Zynik des Beginns beheimatet am Ende tatsächlich den Keim der inneren Wende, die jedoch überhaupt nicht moralisch konstruiert daherkommt und zeigefingerlang, sondern schockhaft echt!

 

Und so erkennt man schließlich als Leser, dass doch schon sehr früh vom Sterben die Rede gewesen ist. Und man erkennt zudem, dass all die so prall mit Leben gefüllte Zeit nichts anderes war als Stillstand. "Wir sollten die Zeiger festkleben", sagt Mojo, der Ich-Erzähler, der sich selbst als wandelnden Rausch bezeichnet. "Oder einfach sterben, das ist dasselbe", antwortet sein Freund David darauf.


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