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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:00

Paul Auster: Unsichtbar

02.08.2010

Das Genre beugt sich Auster, nicht umgekehrt

Oder: Die Zeit, in der diese Rezension nicht geschrieben wurde


In Unsichtbar tut Paul Auster, was Auster immer tut. Er tut es gut. Von JAN FISCHER

 

Man liest das ja relativ schnell weg, so einen Auster. Der Mann kann ja nicht nur klug, sondern auch spannend. Hatte ich vor drei Wochen schon gelesen, da war er noch frisch, eine lange, lange Zugfahrt Richtung Norden, wo das Land immer platter wurde - fertig! Ja, und dann? Sagen wir, ich verbrachte aus Gründen, die eine massive Verschwurbelung von privat und beruflich waren, zwei Wochen in einem entkernten Haus, in einer Art Journalisten-Kommune. Das ich das hier erwähne ist kein Zufall (es ist nie Zufall, wenn es um Paul Auster geht, es verkleidet sich immer nur als Zufall), und eigentlich wäre es falsch, würde ich die Überlappung jetzt erklären, aber hm, dies ist Journalismus und keine Literatur, also: Was soll´s!

 

Der Meta-Move

Es geht ums Verschwinden. Es geht bei Auster immer ums Verschwinden. Bei mir ging es in der Zeit, in der ich diese Rezension nicht schrieb, auch ums Verschwinden: Austers Protagonist verschwindet in sich selbst, zerlegt sich langsam in immer weiter von sich selbst entferntere Erzählperspektiven. Ich verschwand in einer Welt, die sich um sich selbst drehte, in einem entkernten Haus, das immer nur um seine Bewohner rotierte, die in sich selbst verschwanden, zu einer einzigen Redaktion in einem Abbruchhaus wurden, ihre Erzählperspektive von Ich zu Wir änderten und sich dann sang- und klanglos wieder ein Einzelteile auflösten.

 

Wie verzahnen wir das jetzt richtig? Auster macht sich das leicht: Man möchte es fast schon ein Stilmittel nennen, den Auster'schen Meta-Move: Über die Jahre ist er da ein bisschen ruhiger geworden. In Stadt aus Glas hatte er sich selbst noch als Figur eingebaut, die dann – der Auster'sche Twist – die Geschichte doch nicht erzählte. In Unsichtbar sind zwei Texte in einem: Einmal ein Manuskript, dass eine Liebesgeschichte erzählt, diese Geschichte wird erzählt von einem an Leukämie sterbenden verhinderten Schriftsteller, der ständig seine Erzählperspektive wechselt, von Ich über Du zu Er, das ganze wird verknüpft durch die zweite Geschichte, die Geschichte des Lektors, der das Manuskript irgendwie verwerten muss. Nur ein angedeuteter Auster'scher Meta-Move.

 

Dem Zeitgeist angesamplet

Aber, das ist jetzt die Verzahnung: Es ist völlig egal, wo ich in der Zeit, in der ich diese Rezension nicht geschrieben habe, war. Denn das ist Auster, das macht er seit Jahren: Diese virtuose Verknüpfung von Zufällen mit der grandiosen Entfremdungslehre der klassischen Großstadtliteratur: Mann kommt da immer irgendwie in so ein Empathieding rein, ob man jetzt in einem Journalistenkolletiv in einem entkernten Haus rumlungert, während man über das Buch nachdenkt, oder alleine in einem stillen Kämmerlein: Es macht keinen Unterschied: Das Unsichtbar-Feeling ist das Auster-Feeling, und das ist sehr universell, da ist es eigentlich sogar egal, ob er jetzt eine Liebesgeschichte – wie Unsichtbar - schreibt oder einen Kriminalroman wie Stadt aus Glas: Das Genre beugt sich Auster, nicht umgekehrt.

 

Unsichtbar ist in der Hinsicht tatsächlich ein wenig enttäuschend: Es ist ein Paul-Auster-Roman. Es ist Stadt aus Glas, Mond über Manhattan, Brooklyn Revue: Im Prinzip hat Auster schon mit Stadt aus Glas seinen Stil und sein Thema gefunden, und sich nur feingeschliffen – wollte man böse sein, könnte man sagen: Seine eigenen Bücher ein bisschen dem Zeitgeist angesamplet. Auster hat sich praktisch nie – wenn man einmal von seiner frühen Lyrik absieht - neu erfunden, auch mit Unsichtbar nicht.

 

Das Problem:

Man kann das nicht kritisieren, weil es ein guter Roman ist, ein Auster'sches Spiel mit Realitätsebenen eben, spannend, wunderbar zusammenkomponiert, usw. usf. Alles wie gehabt.

 

Und nun? Nichts, kein klares Ergebnis, eine Leseempfehlung, klar, aber auch eine Warnung, dass man es genauso gut bleiben lassen kann. Das entkernte Haus hat in dieser Hinsicht auch kein tiefere Erkenntnis gebracht, auch nicht die Zeit, in der diese Rezension nicht geschrieben wurde: Auf der Fensterbank starrt die Katze in den Sommerregen, und sucht dort draußen nach Vögeln. Vielleicht ist das ein Bild, mit dem ich etwas anfangen kann.


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