Angesteckt von Melancholie
Denn der Februar, der nicht gehen will, um Frühling & Sommer Platz zu machen, schließt die kleine verschneite Menschen-Welt unter fast geschlossener Wolkendecke von Licht und Sonne aus & bedeutet „das Ende von allem, was fliegen kann“. Die Priester „laufen äxteschwingend durch die Straßen“, verbrennen alle Buchseiten, die von Vögeln & Drachen, Ballons & fliegenden Hexen handeln und verlangen: „Kein Bewohner dürfe jemals wieder vom Fliegen sprechen“.
Wer meint, der Autor wolle uns damit eine Allegorie auf ein autoritäres Utopie-Verbot präsentieren, sieht sich zuerst bestätigt, wenn fünf ehemalige Ballonfahrer Thaddeus für einen Krieg gewinnen wollen, den sie gegen „den Februar und alles, wofür er steht“, führen möchten. Aber sogleich ist man irritiert, weil diese fünf „Krieger“-gegen-den-Februar „lange braune Mäntel und schwarze Zylinder tragen und ihre Gesichter hinter verschiedenfarbigen Masken aus Plastikfolie verbergen“, die jeweils einen anderen Vogel darstellen.
Plötzlich sieht man sich da in die surrealistische Welt des Max Ernst versetzt, der seine „Collageromane“ (wie „La femme 100 tetes“) mit solchen Motiven aus trivialen Holzstichen des 19.Jahrhunderts montierte. Überhaupt scheint dann im Fortschreiten des phantastischen Romans von Shane Jones dessen motivische Vieldimensionalität & albtraumhafte Phantastik mehr mit der Bilderwelt , z.B. des niederländischen Malers M. C. Escher, zu verbinden, als mit den literarischen Fiktionen von Italo Calvino oder Jorge Luis Borges. Shane Jones zitiert sie wie u.a. auch die Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling, Walt Disney oder den Schöpfer von My Space, weil sie allesamt Künstler gewesen seien, die „Phantasiewelten schufen, um Anfällen von Traurigkeit zu begegnen“.
So dürfen wir annehmen, dass auch Shane Jones, von der febrilen Melancholie eines neuenglischen Winters angesteckt, jene im Originaltitel erwähnten und in seinem Buch verwendeten „Lichtboxen“ sich literarisch zurechtgezimmert hat, um dem Sog der farblosen Traurigkeit, mit der bei ihm auch der personifizierte Februar geschlagen ist, möglichst buntscheckig zu entkommen. Wie man weiß, hilft die „Lichttherapie“ gegen jahreszeitlich bedingte Depressionen.
Thaddeus aber braucht mehr als die Lichtbox, die er sich über den Kopf stülpt, als er mit seinem Ballon jenseits der Wolken auf den Februar trifft, der ihm Frau & Tochter geraubt und getötet hatte. Denn der Held, der das Böse besiegt, unter dem alle leiden, muss auch in diesem typografisch exaltiert gestalteten Patchwork-Märchen zustechen können wie der Heilige Georg im Kampf mit dem Drachen. Buchstäblich hingemetzelt wird der Februar von dem unvermuteten Messerhelden Thaddeus vor den Augen der Stadtbewohner. Sie löschen den Namen des Februar aus ihrem Gedächtnis, fortan gibt es nur noch zwei Monate: Juni & Juli. Und alle vom Februar umgebrachten erstehen im Fleisch wieder auf. Ende gut, alles gut. Shane Jones: den Namen wird man sich merken müssen.

