Synthetische Sexwelt
Diese erzählerische Methode hat zum einen den großen Vorteil, dass sie dem unzufriedenen Leser wie Kritiker vorauseilend den Wind der Kritik aus den Segeln nimmt; zum anderen demonstriert Javier Tomeo, dass er selbst am besten weiß, dass seine zerebral-sexuellen Ausschweifungen, die er Ramon M. zuschreibt, “reiner Blöd-“ , bzw. “prächtiger Schwachsinn” sind, wie Ramons Lektor am Ende diesem und uns mitteilt.
Man kann das auch ein wenig anders & ein bisschen vorteilhafter für Javier Tomeo sehen. Denn das von Ramon M. erfundene, ein wenig in die Jahre gekommene Ehepaar Basilio & Lupercia, das ein Kurzwarengeschäft für Reizwäsche besitzt, zuhause aber in weit von einander getrennten Schlafzimmern nächtigt, kompensiert das beidseitige erotische Desinteresse aneinander, indem es sich mit zwei Gummipuppen - Marilyn und Big John - jeweils ersatzbefriedigt. Als aber Basilio & Lupercia eines nachts Marilyn & Big John im Fernsehzimmer beim Liebesakt überraschen, ist ihre synthetische Sexwelt nicht mehr in Ordnung. Wurden sie von ihren mechanisch-sterilen Silikon-Geliebten etwa: betrogen? Wenn auch wohl kaum ein Ehebruch vorliegt, so doch ein Vertrauensbruch innerhalb der Geschäftsbeziehungen.
Als aber die Ertappten, die plötzlich auch sprechen können, sich nicht nur - wie Romeo & Julia - ihre Liebe gestehen, sondern auch ihre bisherigen Besitzer wegen ihrer sexuellen Minderwertigkeit demütigen, ersticht die beleidigte Lupercia ihren Big John und Basilio kauft sich in einem Sexshop eine “saugende Japanerin”, von der ihm versprochen wird, sie sei ihm treu. Marilyn aber kann sich aus dem Schrank, in den sie Basilio gesperrt hatte, befreien und den zur Fläche geschrumpften Big John mit einem Gummipflaster wie einen undichten Fahrradschlauch abdichten und wieder erektil aufpumpen. Als die Menschen aus Fleisch & Blut zurückkehren, bleibt den verzweifelten Silikonliebhabern nur der gemeinsame Sprung über den Balkon in den Tod.. Aber anstatt zu fallen, heißt es, segeln sie wie zwei verliebte Luftballons, eng umschlungen, eskortiert von einem halben Dutzend schneeweißer Tauben zum Himmel empor - bis sie nicht mehr zu sehen sind.