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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 15:07

Jedediah Berry: Handbuch für Detektive

06.09.2010

Gestohlene Stunden

Pfeife anstecken und Lupe suchen. Das Romandebüt des Jedediah Berry. Von MATHIAS BROSE

 

Wenngleich ich hier Jedediah Berry's Roman, „das Handbuch für Detektive“ vorstelle, möchte ich zuerst einen Aufruf starten: an alle, die den siebenten August erlebt haben. Er wurde mir gestohlen! Geraubt, stibitzt, entführt. Ich bin verzweifelt und ratlos. Wer könnte mir helfen?

 

Vielleicht ja Detektiv Unwin, Angestellter einer nebulösen und höchst kafkaschen Detektivagentur. Zeichnete er doch schon zu seinen Zeiten als Schreiber des berühmten Detektivs T. Sivart solche Fälle wie „das älteste Mordopfer der Welt“ und vor allem „der Diebstahl des zwölften November“ auf. Charles Unwin lebt in einer düsteren Metropole, in der es anscheinend nie aufhört zu Regnen und in dessen Bild der graue Bau seines Arbeitgebers alles andere überschattet. Mit dem Motto „Wir schlafen nie“ und dem Auge als Zeichen überwacht die Agentur jeden Menschen in der Stadt und verfolgt sie bis in den Schlaf hinein.

 

Nach 20 langen, aber höchst zufriedenstellenden Arbeitsjahren, wird der überaus beamtische und gewissenhafte Schreiber Charles Unwin schließlich befördert. Als taufrischer Ermittler, der er nicht sein will, soll er das Verschwinden des Star-Detektivs Travis Sivart aufdecken. Dabei hilft ihm nicht nur eine Konstruktion, sein Fahrrad mit einem aufgespannten Schirm zu fahren, oder das pedantisch geordnete Leben, in dem es jeden Tag eine andere Sandwichsorte gibt, sondern auch seine Assistentin Emily Doppel und „das Handbuch für Detektive“ - Standartausgabe. Leider ist in diesem das letzte und wichtigste Kapitel, „Kapitel 18 – Über Traumüberwachung“, nicht enthalten.

 

Alles, worüber du nachdenkst

So lernt Detektiv Unwin auch die bröckelnde Welt des „Wanderzirkus-der-nicht-mehr-wandert“ kennen. Mit ihm die charmante Zauberin Cleopatra Greenwood oder die grobschlächtigen siamesischen „Rook“-Zwillinge. Chaos, Unordnung, Kriminalität – eine Beschreibung die den Zirkus zum idealen Gegenspieler der regelbewussten und durchorganisierten Detektivagentur macht.

 

Jedediah Berry's Romandebüt fasziniert durch seine Magie. Er mischt Fantasy mit wundervoll britischen Kriminalroman, Parodie mit Märchen. Als hätte er Lewis Caroll und Franz Kafka zur gemeinsamen Teestunde in ein englisches Landhaus mitten in Massachusetts eingeladen. Hier arbeitete Jedediah Berry bisher als Lektor bei der Small Beer Press.

 

Nun muss ich meinem Hilfegesuch erneuern. Ich entschuldige mich, falls jemand sich die Mühe gemacht hat und sich auf die Suche nach der Lösung meines Falles begab. Zu meiner Schande habe ich immer gewusst, wer mir meinen siebenten August gestohlen hat, konnte mich nur nicht mehr daran erinnern. Bis jetzt. Es war Jedediah Berry.

 

24 Stunden, 1.440 Minuten, 86.400 Sekunden. Soviel hat er mir genommen. Sein Roman vereinnahmte mich ihn zu lesen. Aber ich fordere die Zeit nicht zurück. Ganz im Gegenteil. Ich bin glücklich darüber das mir Herr Berry einen Tag genommen hat. Ohne sein Handbuch für Detektive könnte ich nie im Regen Fahrrad fahren oder hätte nie mein Gedächtnis erforschen können:

 

„Stellen Sie sich einen Schreibtisch voller Papiere vor. Das ist alles, worüber Sie nachdenken. Nun stellen Sie sich dahinter eine Reihe von Aktenschubladen vor. Das ist alles, was Sie wissen. Der Trick besteht darin, den Schreibtisch und die Aktenfächer so nahe wie möglich beieinanderzuhaben und die Papiere in Ordnung zu halten.“


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