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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:03

Wilfried Steiner: Bacons Finsternis

13.09.2010

Blut, Schweiß und Tränen

Endlich: ein intelligent gestrickter Sommerroman für Kunstliebhaber, Bibliophile und Cineasten, gewürzt mit einer Überdosis Spannung, versetzt mit psychologischer Finesse. Von INGEBORG JAISER

 

„Ein Mensch war da, dreimal nebeneinander. Auf der ersten Tafel zusammengesackt auf einer Toilette. Flankiert von zwei Türstöcken, schmutziges Rotbraun. Der Rücken des Menschen schimmerte in Weiß und Blau, Leichenfarbe, unverkennbar. An seinem Schädel klebte ein blutiges Ohr. Und dahinter eine Schwärze, umfassend und endgültig, eine flüssige Schwärze, die nach vorne auf einen grünen Fußboden quoll.“

 

Francis Bacons Gemälde sind nichts für sensible Gemüter. Gewalt, Zerstörung und Verfall dominieren das Werk des irischen Künstlers - ohne Hoffnung, ohne Trost, ohne Ausweg. Doch gerade in der großen Bacon-Retrospektive im Wiener Naturhistorischen Museum strandet der von Liebeskummer zermarterte Antiquar Arthur Valentin. Völlig überraschend wurde er von seiner erheblich jüngeren Partnerin Isabel – einer auf Splatter- und Horrorfilme spezialisierten Cineastin – nach 15jähriger Ehe verlassen. Arthur leidet ohne Ende, vernachlässigt sein Antiquariat in der Wiener Innenstadt und weidet sich am eigenen Liebesschmerz. Bis es ihn, eher zufällig, an einem kalten Januartag in die warmen Ausstellungsräume eines Museums verschlägt. Die Bilder Bacons kennt er gerade so gut, wie es für seine Arbeit notwendig ist; für die Kunstkunden ist eigentlich Maia zuständig, seine geschäftstüchtige Assistentin, die ihre eigene Malerkarriere nach einem Fahrradunfall aufgeben musste.

 

Horror und Beklemmung

Die Intensität der Bacon`schen Werke trifft Arthur mit ungeahnter Wucht.

 

„Der Schatten. Er lag auf dem Boden, scharf ins hässliche Grün geschnitten wie mit einer Linolfeder, und tauchte doch unter dem Menschen hindurch, im Augenblick seines Sterbens, eine riesige Fledermaus. Und raste plötzlich auf mich zu. Ich zog den Kopf ein, spürte den Windstoß der Flügel, schon war das Vieh über mich hinweggebraust…“

 

Arthur hat Blut geleckt. Begierig verschlingt er alles, was er an Literatur über den 1992 verstorbenen, homosexuellen Bohemien finden kann. Inklusive eines ehemals auf Vorrat verfassten Nachrufs seiner Assistentin Maia. Bei einem erneuten Museumsbesuch ist Arthur besonders von den Three Studies for Head of Isabel Rawsthorne beeindruckt. Glaubt er, darin seine eigene Ex-Ehefrau Isabel wiederzufinden? Könnten die geschundenen Kreaturen aus Bacons Bilder nicht auch einem Gruselfilm entsprungen sein?

 

„Der Kopf, der aus der fliegenden Brust wuchs, hielt die geschwollenen Lider geschlossen. Auf dem Nasenrücken ein roter Punkt, die winzige Wunde, die ein blutsaugendes Insekt hinterlassen hat."

 

Kunstraub und Verfolgungsjagd

Fasziniert und geblendet reist Arthur den Bacon-Ausstellungen hinterher: nach Basel, Berlin, London. Und ertappt in der Tate Gallery tatsächlich seine Ex-Frau Hand in Hand mit Lohmeier, einem schnöseligen Stammkunden seines Antiquariats. Als er Fetzen ihres Gesprächs aufschnappt, wird ihm klar: hier ist ein Kunstraub geplant. Hals über Kopf stürzt er sich in eine obsessive Verfolgungsjagd, unterstützt von Maia mit ihren weitreichenden Connections, sowie Sebastian, einem alten Freund aus Ermittlerkreisen.

 

Wilfried Steiners siebtes Buch (und zweiter Roman) sprengt alle Genregrenzen. Ist es ein Krimi über einen Kunstraub? Eine reichlich ironische Liebeskomödie? Eine verkappte Bacon-Biographie? Eine Sammlung außergewöhnlicher Bildbetrachtungen? Ein kluger, temporeicher, witziger Roman ist es allemal, voller Querverweise, Anspielungen und intellektueller Taschenspielertricks. Und am Ende erhellt sich sogar die Finsternis.


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