Vorbehaltlose Sympathie & rücksichtsloser Hass
“Skandalös” war darin weniger Saramagos militanter Atheismus & Antipapismus, seine Wut über die Neoliberalen und seine Verachtung für den amerikanischen Präsidenten Bush jr., den er für ausgesprochen dumm & lügnerisch oder den italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi, den er für einen Verbrecher hielt. Das sind ja weder originelle, noch (meines Erachtens) falsche Ansichten, die man mit der zornigen Entschiedenheit & Impulsivität, die zu Saramagos Charakter immer gehörte, allerdings “leichter” (will sagen weniger justiziabel) im Internet äußern kann - als in der Printwelt.
Skandalös aber war seine im Tagebuch gleich mehrfach geäußerte vorbehaltlose Sympathie für die Palästinenser & die in Gaza herrschende fundamentalistische Hamas als unschuldige Opfer der “völkermörderischen” Israelis, denen Saramagos rücksichtsloser Hass galt. So sehr hat er sich in ihn hineingesteigert, dass er die letzte seiner Tiraden in der Schmähung gipfeln lässt, die Israelis hätten als “Schüler in mancher Hinsicht ihre Lehrmeister überholt”, wobei als deren “Lehrmeister” jene angesprochen sind, “die ihre Vorfahren folterten, vergasten und verbrannten”: also die nazistischen Deutschen.
Offenbar etwas irritiert von der Resonanz auf seine Äußerungen, versuchte der bloggenden Wüterich, den Vorwurf seines verdeckten Antisemitismus zu entkräften, indem er zum einen sich gegen die drakonische Sexualmoral in Saudi-Arabien und in Pakistan erklärt, zum anderen auf die von ihm als Lektor betreute portugiesische Edition einer Holocaust-Untersuchung am Beispiel Adolf Eichmanns verweist und seine Israel-Kritik als “moralische” definiert.
Er begreift jedoch nicht, dass er von den Israelis, weil ihre jüdischen Vorfahren “unsagbares Leid” im Laufe der Geschichte erfahren hätten, ein außergewöhnliches moralisches Verhalten im Umgang mit ihren Feinden verlangt und darüber hinaus “einzusehen, dass es Gründe gibt, die einen Menschen dazu bringen, selbst zur Bombe zu werden” - wenn Saramago auch solche islamystische Handlungsweisen ”scheußlich, ja ohne Zweifel verdammenswert“ findet. Offenbar sind sie ihm aber entschuldbarer und verständlicher als die Handlungen der “völkermörderischen” Israelis.
Nun ja: “Auch der Hass gegen die Niedrigkeit / verzerrt die Züge. / Auch der Zorn über das Unrecht / Macht die Stimme heiser” (Brecht). Umberto Eco ist seinem portugiesischen Freund in seinem Vorwort zur Seite gesprungen, indem er konstatiert, die mehrfachen literarischen Handkantenschläge, Leberhaken und Arschtritte des “zornigen Wüterichs” gegen Gott, seine Stellvertreter & den Rest der Weltmächte seien vorläufige und notwendige “Erfahrungen mit der Welt, wie sie leider ist”, die der Schriftsteller machen müsse, um sie später episch verarbeiten zu können.
In einem Fall scheint aber eher Saramagos Fiktion rückgewirkt zu haben auf seine Erfahrungen mit der Welt - als er nämlich für die gerade in Barcelona “an Kummer und verschiedenen Krankheiten” zugrunde gehende Elefantenkuh “Susi” verlangt, ihr “einen würdigen Lebensabend zu bereiten”, indem man sie an einen Platz bringt, an dem sie nicht mehr ihre “empfindlichen Füße, die vielleicht noch immer den weichen Boden der Savanne in Erinnerung haben”, der Tortur des “höllischen Zementbodens” aussetzen muss.
Dieser Blog-Eintrag schlägt unausgesprochen den Bogen zu Saramagos Die Reise des Elefanten. Es waren aber historische Holzschnitzereien in dem Salzburger Restaurant “Der Elefant”, die den dort nach einem Vortrag bewirteten Autor neugierig gemacht hatten, weil er u.a. den Turm von Belém auf ihnen erkannte.
Er erfuhr, dass damit der Reise eines Elefanten im Jahre 1551 von Lissabon nach Wien gedacht wurde; und nachdem die Portugiesisch-Lektorin der Universität Salzburg, die ihn dorthin eingeladen hatte, ihm die nötigen historischen Hintergrundinformationen des kulturgeschichtlich gut dokumentierten Ereignisses beschafft hatte, machte sich der Romancier an seinen letzten zu seinen Lebzeiten publizierten Roman.
Ähnlich wie Beethoven sein gewaltiges Oeuvre mit dem jokosen Streichquartett op. 135 oder Verdi sein tragisch-dramatisches Opernschaffen mit der “Fallstaff”-Komödie abschloss, lässt auch der portugiesische Romancier, der düster-pessimistische Parabeln liebte, sein episches Werk mit einem komischen Kehraus enden, der literarisch etwas von der übermütigen musikalischen Buffonerie einer Offenbachschen Operette besitzt.