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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:04

Romain Rolland: Pierre und Luce

04.10.2010

Liebe unterm Bombenhagel

An einem Tag während des ersten Weltkrieges in Paris betritt der achtzehnjährige Pierre die Metro und begegnet dort einem jungen Mädchen - Luce - zu der er sich sofort wie magisch hingezogen fühlt. Das Schicksal ist ihnen wohlgesonnen und so führt es sie ein weiteres und schließlich ein drittes Mal zusammen. Von SIBYLLE LUITHLEN

 

Ihn erfasst eine grenzenlose und fast mystische Liebe, noch ehe er sie richtig kennt. Sie sehen sich wieder, werden von der Liebe ergriffen und sozusagen aus der hässlichen und zerstörerischen Welt der Erwachsenen davongetragen, bis sie schließlich im Moment einer fast religiösen Liebesverzückung während der Osterandacht in einer Kirche unter dem Bombenhagel von einer herabstürzenden Säule erschlagen werden. Hauptfigur dieses kleinen Romans sind weniger Pierre und Luce als vielmehr ihre Liebe: Sie ist unirdisch, unbegründbar, von vollkommener Reinheit und Selbstlosigkeit; eine Liebe wie die von Werther zu Lotte oder die von Romeo und Julia. Und beide zelebrieren diese Liebe als die einzige Quelle von Sinn und Glück in einer Welt, in der Sinnlosigkeit und Zerstörung herrschen. Unter der akuten Todesbedrohung - Pierres wird in wenigen Monaten zum Krieg eingezogen und aller Voraussicht nach sterben – wird diese Liebe zur Bestimmung stilisiert und wird zu einer Enthebung aus der hässlichen Realität.

 

Pierre et Luce erschien 1920 in Frankreich und – wie wir in dem sehr informativen Nachwort des renommierten Romanistik-Professors, Rolland-Spezialisten und Übersetzers Hartmut Köhler  erfahren – schon 1921 unter dem ungeschickten Titel „Pierre und Lutz“ in Deutschland. Die vorliegende Ausgabe ist die dritte Übersetzung ins Deutsche und wird vom Aufbau-Verlag ganz unbescheiden als „die zarteste Liebesgeschichte der Weltliteratur“ beworben.

 

So ehrenwert, so fraglich und so wenig verdaulich

So ehrenwert das Anliegen des Aufbau-Verlages ist, den vor beinahe hundert Jahren in Deutschland eifrig gelesenen und seitdem in Vergessenheit geratenen Pazifisten und Schriftsteller Romain Rolland zu neuen Ehren zu verhelfen, so fraglich ist doch, ob sich dieses Werk dazu eignet. Denn auch wenn Köhler schreibt, dass sich ein heutiger Leser, der „Pierre und Luce“ für sentimental oder kitschig hält, schlichtweg irrt, so ist der Stil in seiner Überladenheit und seinem Hang zur Belehrung oft schwer erträglich.

 

Auch scheut Rolland sich nicht vor Exkursen, die Verdorbenheit der bürgerlichen Klasse zu zeigen und ihren bevorstehenden Untergang zu prognostizieren, die als Gedanken der beiden doch eher verträumten Jugendlichen unpassend bis unglaubwürdig wirken. Romain Rolland schrieb dieses Werk mit 52 Jahren, als er bereits Nobelpreisträger, renommierter Musikkritiker und einer der am stärksten profilierten Kämpfer für Frieden und Völkerfreundschaft unter den Intellektuellen im Europa der Zwischenkriegszeit war. Nicht zuletzt unterhielt er eine lebhafte Freundschaft mit dem 15 Jahre jüngeren Stefan Zweig, die durch zahlreiche Briefe belegt ist und sich in Stefan Zweigs Biographie über Romain Rolland niedergeschlagen hat.

 

So ehrenwert es ist, diesen grossen Intellektuellen und überzeugten Europäer in Erinnerung zu rufen, so wenig verdaulich ist ein Werk wie Pierre und Luce in seiner Ungebrochenheit, der vollkommen ironiefreien Darstellung der idealisierten Liebe des verträumten Bürgersöhnchens und der tapferen Proletarierin und seiner expliziten Gesellschaftskritik.


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