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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:06

Peter Wawerzinek: Rabenliebe

15.11.2010

Ahab erzählt von seiner Jagd auf "Moby Dick"

Peter Wawerzineks nicht nur autobiografischer Essay-Roman Rabenliebe. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

1954 in Rostock als Peter Runkel geboren, trägt der Autor des Buches “Rabenliebe” den Namen seiner “Adoptionseltern”. So distanziert nennt er das Adoptiveltern-& lehrerpaar, das erst ihn und später dann seine jüngere Schwester an Kindesstatt angenommen hatte, nachdem beide ihre frühe Kindheit zuvor in Waisenheimen verbracht hatten. Die Geschwister,  kaum dass sie auf der Welt waren, wurden von ihrer Mutter, als sie in den Westen abhaute, als hilflose “Fleischpakete” sich selbst - also Hunger & Kot & Alleinsein - überlassen; hätten die Nachbarn sie nicht gerettet, so wären die beiden wohl auch so elendig verreckt, wie so viele Kleinkinder & Babys heute, oft in der Ex-DDR, von denen wir fast monatlich in den “Vermischten Nachrichten” lesen.

 

Peter Wawerzinek hat die Schreckensmeldungen verhungerter, verdursteter oder auch noch dazu körperlich misshandelter und getöteten Kinder der letzten Jahre wie Materln dem Passionsweg seiner Lebensgeschichte eingefügt. Denn sie ist die autobiographische Grundlage seines zweiteiligen, 420seitigen Buches (“Die Mutterfindung“, “Da bist Du ja“) .

 

Neben den schockierenden Zeitungsmeldungen hat der Schriftsteller, der mehrere Jahre an “Rabenliebe” gearbeitet hat, aber schon seit 1988 als Autor, Regisseur & Sänger hervorgetreten war, weitere Zitate aufgenommen. Es sind Auszüge aus dem DDR-Adoptionsrecht oder auch literarische Memorials, u.a. von Büchner, Pessoa oder Max Frisch. Sie stehen, in anderer Schrift abgesetzt, meist mit Bezug auf das jeweils gerade von ihm Angesprochene, zwischen der Vielzahl der von Kapitälchen annoncierten erzählerischen oder essayistischen Texte, die wiederum häufig in die lyrischen, gereimten Zeugnisse der deutschen (Volks-)Poesie zu Kind & Mutter übergehen - wie ja Döblin in seinem “Berlin Alexanderplatz” schon Bibelzitate und Tonfälle integriert hatte. Als Peter Wawerzinek den Anfang seiner “Rabenliebe” Anfang in diesem Frühjahr in Klagenfurt vortrug, waren sich Kritiker wie Publikum in seltener Einmütigkeit sicher, einem Autor zugehört zu haben, dem ein großer literarischer Wurf gelungen ist.

 

So ist es.

Man könnte sagen, dass seit Karl Philipp Moritz´ romanhafter Autobiografie “Anton Reiser” (1785 f.) nichts vergleichbar Eigensinniges in diesem Kaspar-Hauser-Genre der deutschsprachigen Literatur vorgekommen ist - wenn man von einigen Österreichern, vor allem dem grandiosen Josef Winkler und seinem Debüt “Menschenkind“ einmal absieht.

 

Zwar ist Peter Wawerzinek wegen der existenziellen Radikalität & der sprachlichen Emphase, mit der er seine verwickelte Selbstwerdung als Künstler auf der Suche nach der ihn zutiefst gekränkt habenden Mutter beschreibt, bewundert & gelobt worden, weil ein solches Schicksal sowohl zurecht einschüchtert und es literarisch triftig fixiert zu sehen, einen als Leser beglückt. Auch hat das Buch sogar, nach der tiefsten Enttäuschung des Ich-Helden, doch noch ein erlösendes Happyend.

 

Am eigenen Fall

Erst als Fünfzigjähriger wird der Autor im idyllischen Eberbach am Neckar das völlig erinnerungs- & empfindungslose Monstrum seiner “seelenlosen Mutter” von weiteren 8 (!) Kindern zu Gesicht bekommen und erfahren, dass sie seinen Geschwistern nie von den beiden schmählich in der DDR zurück- und dem Tod Überlassenen etwas erzählt hatte. Daraufhin endlich macht er sich “nichts mehr vor” und wird fortan ohne Verlustangst “in Mutterlosigkeit daheim” sein.

 

Aber hat man, trotz dieses furiosen erzählerischen Finales und Kehraus´ der gewissenlosen Hexe auch mitbekommen, dass das Buch “Rabenliebe” heißt und nicht “Rabenmutter”? Und dass seine autobiografische Initialzündung einen veritablen roman d´essai  hervorgebracht hat, dessen erkennbare künstlerische Gestaltung das erzählerische Motiv der Muttersehnsucht & Muttersuche in eine perverse literarische Obsession überführt & -treibt - und zwar sowohl aus egomanischem Eloquenz-Solipsismus wie aus dem Verlangen, gewissermaßen enzyklopädisch das epidemische Verbrechen der Kindesmisshandlung, sprich: Kindesvernachlässigung von “unmütterlichen” Müttern thematisch auszuschreiten & in allen psychologischen Nuancen aufzuschreiben: am eigenen Fall & Beispiel?

 

“Ich spreche für Euch alle, die ihr ohne Mutter & deren Liebe seid: Tote oder (Über)lebende”: so könnte das Motto dieses rigorosen literarischen Rächers der von Geburt auf Verlassenen lauten. Das macht sowohl die intellektuelle, sprachliche, evokative Intensität als aber auch die ästhetische Beschränkung von Peter Wawerzineks “Rabenliebe” aus.

 

Um einmal mit einem vergleichsweise übergroßen Zaunpfahl zu winken: es wäre ein Unterschied ums Ganze gewesen, wenn Herman Melville “Moby Dick” nicht von seiner literarischen Imagination Ismael, sondern Kapitän Ahab höchstselbst von seiner fanatischen Jagd auf den Weißen Wal hätte erzählen lassen - wie jetzt aber Wawerzinek von seiner höchst persönlichen Wut & Jagd auf die böse, flüchtige Mutter, die ihm von Kind auf  das Weltvertrauen genommen hatte. Das simuliert eine authentische autobiografische “Betroffenheit”, während doch des Autors elaborierter Kunstverstand diese autobiografische “Rohheit” gleichzeitig desavouiert. Aus diesem Dilemma kommt Wawerzinek mit seiner “Rabenliebe” nicht heraus. Dem “Roman”, trotz aller seiner ausgreifend-kaleidoskopischen Fülle, fehlt der Außenblick des Epikers.

 

Gleichwohl: ein eigenartiger, eigenwilliger, sprachlich beflügelnder Tour-de-force-Akt der jüngsten deutschen Literatur ist das Buch dennoch!


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