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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:06

Adolf Muschg: Sax

22.11.2010

Humanisten, Astronome und 68er - Spukgestalten

Geister können gut oder böse sein, davon erzählt nicht nur Harry Potter. Manchmal kommt es aber auch nur darauf an, wie man mit ihnen umgeht. Adolf Muschgs neuer Roman „Sax“ stellt ein ganz eigenes Gespensterpersonal vor. Von GEORG PATZER

 

„Die Sätze, die Fanny Moser von ihrem toten Freund empfangen haben wollte, atmeten einen fast betäubenden Irrsinn aus. Und als Hubert Achermann die Augen schloss, wagte er endlich zu wissen, was ihm fehlte. Eine unendliche Umarmung. Er hatte große Sehnsucht und versuchte sich vorzustellen, wonach.“ Achermann ist ein ahnungsvoller Träumer, der sich den Geistern aussetzt, die er selber nicht gerufen hat. Wie Fanny Moser, jenes geheimnisvolle Medium und Tochter von einer von Freuds ersten Patientinnen, die als „Frau Emmy von N. aus Livland“ von ihm beschrieben wurde. Fanny hatte sich vom Astronomen Horner diktieren lassen, wie es ihm in der Südsee ergangen ist. Der aber war da schon über knapp 200 Jahre tot.

 

Gespenster

Es spukt in Adolf Muschgs neuem Roman. Von Gespenstern erzählt er: Von flüchtigen wie den Achtundsechzigern, die einiges angerichtet, aber wenig ausgerichtet haben, von beharrlicheren wie dem Chef der Schweizerischen Volkspartei Christoph Blocher, der in der Schweiz umgeht und im Buch Moritz Schieß heißt. Von Johann Philipp Freiherr von Hohensax, einem Humanisten, der einmal den Codex Manesse besessen hat und 1596 durch eine Kopfwunde starb, und Caspar Horner, einem Astronomen aus der Zeit der Romantik. Es spukt, es klopft und schnalzt, Tische werden verrückt, Karrieren werden gemacht.

 

Im Mittelpunkt dieses ausufernden Romans stehen drei Anwälte: Bankierssohn Jacques Schinz, Moritz Asser und Hubert Achermann. Und das Haus „Zum (!) eisernen Zeit“, in dem die Uhren nicht funktionieren. 1970 bekommen die drei Linken die obere Etage des Bürgerhauses zur Verfügung gestellt, damit sie dem Spuk, der schon die Frau des Besitzers vertrieben hat, ein Ende zu bereiten. Und sie haben Erfolg, finanziell und bei den Frauen. Und bei den Geistern, die sich ihrer bemächtigen: die Geister der Vergangenheit(en). Vor allem Hubert hat als ehemaliger Mönch und Theologe immer noch ein Ohr für sie. Sitzt manchmal stundenlang in Horners nicht fertiggestellten Sternwarte, einem Raum, der innen größer ist als von außen möglich scheint, und meditiert über Glück und die Unendlichkeit, über die „Grenze zwischen Innen und Außen“.

 

Höchste Komplexität

Muschg verknüpft sinnliche Passagen mit brillanten Kurzessays, verbindet eine Fülle von glaubhaft seltsamen Personen mit skurrilen Episoden. Höchste Komplexität paart sich mit leisen, mystischen Momenten. Manchmal springt er von einem Satz zum nächsten quer durch die Dimensionen und tanzt durch die Jahrhunderte, scheut keine Abschweifung und führt das Buch am Schluss sogar in die Zukunft, in eine „Ökolypse“ mit Wurmlöchern und einer virtuellen Welt, wo seine überlebenden Protagonisten in Jan van Eycks Genter Altar eintreten.

 

Leicht macht es Muschg dem Leser nicht: Die Überfülle an Personen mit ihren nebeneinander herlaufenden und oft miteinander verwobenen Geschichten, von denen viele historisch belegt sind, der Pessimismus des Erzählers, die virtuosen Verschränkungen von Raum und Zeit und vor allem das Rätselhafte, das bis zum Schluss über diesem Buch schwebt, sind ein harter Brocken. Aber vielleicht ist es doch nötig, dass wir nicht zu sicher sind, nicht zu aufgeklärt. Für uns und für unsere Gespenster, die sonst in irgendeiner Form wiederkehren.


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Patzer hat recht, wenn er meint, dass das Rätselhafte überwiegt. Zumindest am Ende, wenn sich alles im Spuk auflöst, vor allem die "Pseudo-Szene" der 68er, die heute in allen möglichen Positionen etabliert ist und "funktioniert".
| von bertram berg, 28.11.2010

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