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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:07

Erri de Luca: Der Tag vor dem Glück

29.11.2010

Neapel sehen und sterben

Es gibt Bücher, die sind so still und leise, so furchtbar unprätentiös und dabei so erzählerisch schön und in sich abgeschlossen, dass man bedauert, die letzte Seite erreicht zu haben. Erri de Lucas Roman Der Tag vor dem Glück ist solch ein Buch. In klarer, unaufgeregter Sprache erzählt er die Geschichte eines Waisenjunge, der im Neapel der Nachkriegszeit aufwächst. Von CATHÉRINE WENK

 

Erri de Lucas Roman beginnt ohne große Umschweife. Bereits zu Anfang von Der Tag vor dem Glück werden alle wichtigen, den weiteren Handlungsverlauf bestimmenden Komponenten entworfen. Im Mittelpunkt steht hierbei ein Waisenjunge. Er ist auf sich allein gestellt, sein Leben wird vom rauen Alltag auf den Straßen Neapels bestimmt. Zugleich ist da aber auch die unbändige Neugier, die der Junge in sich trägt, seine Liebe zur Literatur und seine Freude am Fußballspielen. Große Bedeutung hat für ihn aber vor allem eines: Das Mädchen am Fenster. Jeden Tag blickt er während des Fußballspiels zu ihr herauf, beobachtet von seinem Zimmer gegenüber, wie sie regungslos ihre Zeit am Fenster verbringt. Dass sie im Leben des Jungen noch eine gewichtige Rolle spielen wird, ist hier bereits gewiss. Denn der Blick in die Kindheit des Waisenjunge wird dem Leser in Erri de Lucas Roman nur für einen kurzen Ausschnitt gewährt.

 

Der Geist der Stadt wird erfahrbar

Nach wenigen Seiten folgt ein Sprung auf der erzählerischen Zeitachse. Zehn Jahre, so erfährt man, sind vergangen. Der Waisenjunge ist mittlerweile ein Jugendlicher, der auf dem Weg ist, erwachsen zu werden. In Don Gaetano, dem Hausmeister seines Wohnblocks, hat er einen väterlichen Freund gefunden. Don Gaetano stellt in de Luca Romans eine Art Lehrmeister des Lebens dar. Er ist es, der dem Waisenjunge den Weg zum Erwachsensein ebnet und ihm beispielsweise zum ersten körperlichen Kontakt mit einer Frau verhilft. Don Gaetano ist vor allem aber auch so etwas, wie die Seele der Stadt Neapel, die im Mittelpunkt des Romans steht. Die Schilderungen ihrer Schönheit im Schatten des Vesuvs, ihrer archaischen Gesellschaft, die geprägt ist vom täglichen Wechselspiel zwischen Leben und Sterben, durchziehen die Handlung und offenbaren de Lucas erzählerische Brillianz und sein Talent, die Atmosphäre Neapels, jenseits ihrer glänzenden Touristenfassade, erfahrbar zu machen.

 

De Luca geht in seinem Roman dem Ursprunghaften der Stadt auf den Grund. Zwischen den Zeilen, so scheint es, enthüllt sich ihr Geist und wird für den Leser erfahrbar. Zugleich zeigt sich aber auch, dass eben dieser Geist Neapels eng mit der bewegten Geschichte der Stadt und ihren Bewohnern verwurzelt ist. Immer wieder gibt es Passagen, in denen Don Gaetano über die Zeit während des Zweiten Weltkriegs berichtet, über grausame Erlebnisse, aber auch über den Freiheitskampf der Bewohnern und gute Taten, wie die Rettung eines von den Nazis verfolgten Juden.

 

In Italien ist Der Tag vor dem Glück längst ein Bestseller ist. Erri de Luca selbst wurde in diesem Jahr mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet. Seine so oft gelobte klare Sprache findet sich in auch in diesem Roman wieder. Er kommt ohne aufgeladene Worte und verschachtelte Satzkonstruktionen aus. Es sind die vielen kleinen poetischen Momente, die de Lucas Erzählstil so ungewöhnlich und zugleich besonders machen. Dies offenbart sich vor allem in den Passagen, in denen die Liebe des Waisenjunge zu Anna, dem Mädchen aus seiner Kindheit, beschrieben wird. Anna, die er damals so oft am Fenster beobachtet und die Neapel einst verlassen hatte, ist nun zurückgekehrt. Doch sie ist inzwischen mit einem Mitglied des Camorra-Clan verlobt. Das hält den Jungen allerdings nicht davon ab, sich auf sie einzulassen, vielmehr, sich ihr hinzugeben. Den Tag vor ihrer ersten und einzigen gemeinsamen Nacht erlebt er als den Tag vor dem Glück.

 

Doch schon am Morgen nach dieser weiß er, dass das Glück nicht von großer Dauer ist und Anna sich niemals an ihn binden wird: „Sie war fortgegangen, sie war weitergezogen, um ihre gewaltige Kraft woanders zu entladen. Am Tag nach dem Glück war ich ein Bergsteiger, der beim Abstieg ins Schleudern gerät.“ Das Glück, so entwirft es de Luca in seinem Roman, ist vielmehr das Wissen darüber, dass es geschehen wird als der eigentliche Glücksmoment selbst. Das erkennt auch der Waisenjunge nach seiner Nacht mit Anna: „Das war der Tag des Glücks gewesen, der schrecklichste meines kleinen Lebens.“

 

Ein alles entscheidendes Ende

Doch dieser Tag des Glücks fordert sein Tribut. Der Verlobte Annas wird den Waisenjunge zu einem Duell um Leben und Tod herausfordern. Denn den archaischen Gesetzen Neapels vermag auch er nicht auszuweichen. Ebenso wie die übrigen Bewohner der Stadt, ist er mit ihnen verwachsen. Und so steuert die Handlung des Romans geradewegs auf ein alles entscheidendes Ende zu. De Luca gelingt es dabei, sein sanftes und bedächtiges Erzähltempo auch an dieser Stelle nicht abzulegen. Mit einer ruhigen Gelassenheit geht der Junge seinem Schicksal entgegen. Am Ende wird er seinen Rivalen töten und noch am gleichen Abend die Stadt per Schiff verlassen, um ein neues Leben in Argentinien zu beginnen. Der Waisenjunge ist jetzt erwachsen geworden. Don Gaetano, einst Vater-Ersatz und Lehrmeister, kann ihm nichts mehr beibringen. Wehmütig lässt der Junge sein Neapel hinter sich, mit dem Gefühl etwas Bedeutsames verloren zu haben.

 

Dieser Schluss kommt weder kitschig noch dramatisch daher. Es ist das passende Ende für einen Roman, der den Lauf des Lebens in einer Stadt beschreibt, die ihren ganz eigenen Gesetzen folgt.


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