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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:08

Thomas Pynchon: Natürliche Mängel

13.12.2010

»30 Sekunden auf einer armseligen Welle«

Der Unterschied zwischen gut und böse ist in L.A. der späten 60er Jahre nur schwer zu durchschauen – jedenfalls tappt sogar Thomas Pynchons junger Hippie-Detektiv Doc Sportello bei seinen Ermittlungen in Natürliche Mängel im Dunkeln. Von HUBERT HOLZMANN

 

Zunächst kommt es Schlag auf Schlag: Doc Sportello wird in seiner Detektei von seiner Ex aufgesucht, die ihn um Hilfe bittet, weil ihr neuer Lover in Gefahr gerät. – Das ist bei einem millionenschweren jüdischen Immobilienmakler, der sich noch dazu mit Bodyguards aus der rechtsextremen Arischen Bruderschaft umgibt, nicht verwunderlich. – Als nächstes ein schwarzer Ex-Knasti, der Doc beauftragt, von seinem Kumpan, einem Leibwächter des Immobilien-Magnaten, Geldschulden einzufordern. Weiter geht es mit Bigfoot, einem Polizeichef aus dem LAPD (= Los Angeles Police Department), der Doc – gerade aus einem Drogenrausch erwacht – festnimmt, weil er ihn neben der Leiche des Sicherheitsmannes findet. Zuletzt erhält er den Auftrag, den angeblichen Drogentod des Ex-Bandmitglieds und Saxophonisten Coy Harlingen aufzuklären.

 

Die Exposition ist umrissen. Die Beweislage gegen Doc erdrückend. Keine weiteren Anhaltspunkte. Keinerlei Hinweise. Aber Doc Sportello ist kein x-beliebiger Privatschnüffler. Bereits der Name seines Büros vieldeutig: LSD – »Location, Surveillance, Detection«. Das Kürzel ist Programm: ein lang andauernder Rausch. So zufällig die Fälle hereingeschneit kommen, so beliebig die ersten Ermittlungen verlaufen, so vielfältig verschalten sich, unter dem Einfluss der gesamten Palette von Rauschmitteln, Docs Synapsen – und einige Seiten später auch die des Lesers. »Als wäre sein Kopf ein 3-D-Gong, der gerade mit einem kleinen Hammer angeschlagen worden war, erinnerte sich Doc... « und besucht, befragt, rekonstruiert.

 

Netzwerke und andere Erinnerungsorte

Natürlich hat er Anlaufstationen in L.A.: Eine bei seiner Tante Reet, deren Wissen über die Untergrundszene der Westküste so gigantisch ist »wie bei HAL in 2001: Odysee im Weltraum –, und ruck, zuck liefert er dir mehr Informationen, als du je haben wolltest«. Pynchon erinnert sich in diesem Zusammenhang an das Anfangsstadium des Worldwideweb: »Jeden Tag werden überall im Land, ja in der ganzen Welt, neue Computer eingestöpselt. Im Augenblick ist das Ganze noch im Versuchsstadium...« Docs Perspektive: »Weiß das Ding auch, wo ich Stoff herkriegen kann?«

 

Doc ist der Fragende. Seine Suche verläuft nie berechenbar und geradlinig, nie von Logik und ins Auge gefassten Verdachtsmomenten gelenkt, sondern intuitiv. Er besucht Nachtcafés, Spielhöllen, fährt über die Boulevards von L.A., erfährt etwas von einem geheimnisvollen Schiff namens „Goldener Fang“, auf dem der entführte Immobilienmakler gefangen gehalten werden soll. Eine Fährte führt in anschließend zu einem abgelegenen psychedelischen Zentrum, das nach Scientologen-Manier Menschen umformt. Nach dem Wüstentrip geht’s nach Las Vegas: So im Nebenbei wird das Kasino »namens Nine of Diamonds« empfohlen, benannt nach der Karo neun, der »fünften Karte in Wild Bill Hickoks letzter Pokerpartie«. Zufall? Kiebitz? Das As aus dem Hemdsärmel? – Nein.

 

Das gewaltige enzyklopädische Wissen, das Pynchon in seiner »Westernpartie« souverän ausspielt, ist kein Bluff! Es sind Spuren, Andeutungen, Geistesblitze, die für Doc und den Leser die Richtung vorgeben. Überraschend: Coy, der an einer Überdosis verstorbene Musiker, taucht an verschiedenen Stellen im Buch auf. In einem Nachrichtenspot als politischer Provokateur, der in die linke Hippieszene als Spitzel eingeschleust werden soll. Als Gorilla und Wächter im Sektenzentrum, mit dem Doc ein ausgiebiges Gespräch führt. Und immer in der Nähe: Bigfoot, der Polizist, ein Strippenzieher der Schaltzentrale der Macht.

 

Zeitmaschine mit Musik und Film

Pynchon setzt in seinem neuesten Roman, der in der Hippie-, Surfer-, Drogen- und Gangsterwelt Kaliforniens spielt und das Genre des Roman noir auf einnehmend seltsame Art streift, alle ihm verfügbaren bewusstseinserweiternden Mittel »symmedial« ein: Pynchon zieht in Natürliche Mängel seine alte Plattensammlung heraus (wie übrigens schon früher, z. B. in Die Versteigerung von Nr. 49), um Docs Stimmungen und Gedanken offen zu legen (Can’t buy me Love im Dialog mit der Ex). Er doppelt mit Zitaten aus Filmszenen und Serien die Psyche des Helden (Kein Zufall: Doc Sportello denkbar als Held in Godzilla, Wenn der Postmann zweimal klingelt, Zwei glorreiche Halunken.)

 

Die Leichtigkeit und Beliebigkeit stellt Pynchons Natürliche Mängel in die Nähe der Surf- und Strandbarszenen eines »Artie Wu & Quincy Durant-Krimis« von Ross Thomas, die Schicksalsbedingtheit erinnert an »Pulp Fiction« und dessen Titelmusik, die in den Surfedelic-Songs von Pynchon immer wieder zitiert wird. Harter realistischer Background ist für Pynchon allerdings nicht nur die liberale Drogenszene der Westküste, es sind die Manson-Morde, die Verstrickung von Polizei, FBI, Geheimdiensten und Mafia, das Spitzelwesen am Ende der McCarthy-Ära, aber auch der »american way of life«. Die großen Cadillacs, die Highways, die Motels, das Kabelfernsehen (ein Phänomen, das schon Jahrzehnte vor unseren privaten TV-Sendern ein großes Publikum mit Serien, Kochshows und Trickfilmen faszinierte und Identifikationsmöglichkeiten eröffnete: Auch unser Antiheld Doc Sportello kauft sich am Ende der »Show« den Anzug von John Garfield – Docs »favorite actor« –, den dieser in einem seiner letzten Filme Im Netz der Leidenschaften (1946) getragen hatte.

 

»Wechselgeldmiezen, Barkeeper, Kartengeber und Aufpasser«

Doc, eigentlich Larry Sportello, posiert in der maskulären, fast machohaften Rolle, die er jedoch mit Understatement und lapidarer Ironie immer wieder unterläuft. Die Szene ist ja durchaus gemischt arrangiert, die Ausstattung verrät „Stil“ (den der Unterwelt): „das echte englische Pub-Dartboard oben auf dem Wagenrad, die Bordellhängelampe mit der dunkelroten psychedelischen Birne mit dem vibrierenden Glühfaden ... das Samtbild“. Unser Undercover-Agent lebt in einer kuriosen Welt, das Personal hat sich dementsprechend versammelt: Blondinen und Bardamen, daneben Rechtsanwälte, Immobilienmakler, Freaks, tote Zahnärzte, Auftragskiller und – spirituelle Führer. Kein Wunder, dass sich Doc als Versuchsperson einer  intergalaktischen Zeitreise fühlt, die ihn als „qxx“ auf die Erde verschlagen hat. Die Fälle lösen sich. Sein verdienter Lohn: eine Wagenladung reines „China White“. Das Ende wie in Ghost-City: Der Western-Held entschwindet einsam, allein und seines Fanges abhanden gekommen. – Ein wahres Feuerwerk.


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