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Freitag, 25. Mai 2012 | 17:09

Gabriel Josipovici: Moo Pak

27.12.2010

Ambulatorische Weltbetrachtung

Was für eine Entdeckung - 16 Jahre nach seinem ersten englischen Erscheinen! Und wie großartig hat der deutsche Autor Jochen Schimmang dem englischen Kollegen als Übersetzer gedient. Gabriel Josipovicis vielstimmiger Monolog-Roman Moo Pak. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Merkt man nicht sogar dem Buch an, dass dessen Übersetzer an seiner Arbeit großes Vergnügen hatte? Oder ist das nur eine Übertragung, mit der man die eigene Lust an diesen absatzlosen 217 Seiten auf den rückprojiziert, dem wir Gabriel Josipovicis Roman Moo Pak in seiner hinreißenden deutschen Form verdanken?

 

Wie auch immer: Das in der sehr schönen Bibliothek Suhrkamp erschienene Moo Pak braucht sein Lesebändchen mehr als die meisten anderen. Man kann es in dem durch keinen Absatz oder Zwischentitel unterbrochenen Text dort einlegen, wo man ihn, unterbrechend, verlassen hat und später auf der geschlossenen Fläche seinen Wiedereintritt zur fortgesetzten Lektüre suchen muss.

 

»Der englische Thomas Bernhard«

 Um den Autor näher an das ignorante deutsche Publikum heranzuführen, trägt der Band eine Bauchbinde mit der verlockenden Behauptung: »Der englische Thomas Bernhard«.

 

Das ist aus verschiedenen Gründen gar nicht so falsch - selbst wenn der 1940 in Nizza geborene und in Ägypten aufgewachsene sephardische Jude Gabriel Josipovici, der in Oxford studiert hat und seither an einer Universität in England lehrt & dort lebt, weder den Welt verachtenden und die Menschen verfluchenden Grimm, noch die musikalisch instrumentierte Rhetorik des österreichischen Autors teilt, den er jedoch kennt & schätzt.

 

Auch liebte es Bernhard (wie Kafka), absatzlos zu schreiben; und die monologischen Ansichten & Erzählungen des Lehrers und Schriftstellers Jack Toledano, die er auf zahllosen Spaziergängen zwischen 1971 & 1990  in London & Umgebung, immer in Parks und entlang von Flussläufen, seinem Freund Damien Anderson mitteilt, sind ebenso »bernhardisch«, wie das wiederkehrende sagte er, das dieses Spazieren gehen & Gedanken entäußern rhythmisch skandiert.

 

Daraus entsteht – auch dies wie bei Thomas Bernhard – ein nahezu unendlicher Monolog von immerhin 217 Seiten, wobei der Autor alles tut, uns zu suggerieren, Jack Toledano sei das Sprachrohr Gabriel Josipovicis. Denn mit ihm teilt er die Biografie des jüdischen Exilanten & den Beruf des Hochschullehrers.

 

Diese verführerische Täuschung gehört zum erzählerischen Raffinement des Buches, in dem des Autors Alterego vor allem den britischen Leser auf Schritt & Tritt in ein aufregendes Spiel des Zustimmens oder des Widersprechens verwickelt. Offen bleibt dabei, in wie weit wir es hier nicht doch auch zum großen Teil mit den (kulturpessimistischen) Lebensansichten Gabriel Josipovicis zu tun haben, der wider die amerikanisierende Vulgarisierung wettert, seine Fremdheit in England & sein Unverständnis der Engländer  bekundet und darüber klagt, dass die Mehrzahl unserer Autoren heute Integrität durch Selbstgerechtigkeit ersetzt, mit dem Strom schwimmt und von Subversion und Risiko redet, wo doch weder das eine noch das andre zutreffe.

 

Gedankenreisen in Hampstead Heath

Im Verlauf dieser eloquent durch alle Lebens- & Geistesbereiche mäandrierenden hochironischen Suada wird man unentwegt mit den Behauptungen, Meinungen & Ansichten konfrontiert, die der angeblich seit 10 Jahren an seinem großen Roman arbeitende Jack Toledano zu Gott & der Welt, zu England & der Musik, zu Kunst & Literatur, Heimat & Fremde usw. äußert. Nicht nur das enzyklopädische Wissen, die Phantasie, die Sensibilität und die Neugier des Autors sind dabei ebenso bewundernswert wie aufregend; auch der erzählerische Kunstverstand ist stupend, mit dem Josipovici scheinbar formlos die essayistische Fülle seines Universal-Buches vor einem erzählerisch ausbreitet, obgleich er doch unmerklich die unterschiedlichsten Stoffe in thematischen Clustern verdichtet.

 

Auch fallen in dem stetigen Redestrom des ewig wandernden Juden Toledano wiederkehrend Betrachtungen zu Kafka, Wallace Stevens, Proust, Beckett und Dante an; besonders oft aber spricht der fiktive Schriftsteller über seinen fiktiven Roman, in dessen Mittelpunkt Moor Park steht: Haus & Garten des englischen Adligen Sir William Temple. Der junge Jonathan Swift war dort zeitweilig Sir Temples Sekretär. Jack Toledano spekuliert immer wieder über Swifts erotische Beziehungen zu Stella & Vanessa; aber auch über Swifts Gedanken zur Sprache und über sein trauriges Schicksal, sich zuletzt nicht mehr artikulieren zu können. Darin spiegeln sich eigene Überlegungen & Befürchtungen des alternden Schriftstellers Toledano.

 

Der Name des südenglischen Landsitzes gleicht einem Paradox, weil Moor (als natürliche Gegebenheit) & Park (als menschlich gestaltete Natur) sich zu widersprechen scheinen, wenngleich in diesem Widerspruch sowohl das Ausufernde als auch das Komponierte von Josipovicis Roman angesprochen wird. Mehr noch aber als der Name ist der Ort & seine geschichtliche Funktion selbst so etwas wie der magisch illuminierte Locus amoenus des gesamten Buches und seiner ebenso umfassenden wie obsessiven Reflexion der Welt, der Sprache und der Literatur.

 

Denn Moor Park war im Laufe seiner Geschichte eine Schule & ein Irrenhaus; dann der Ort, wo man im 2. Weltkrieg den deutschen Geheimcode knackte, in der Nachkriegszeit eine Versuchsstation zum Studium der Kommunikation unter Primaten und zuletzt eine Sonderschule für sprachgestörte Kinder. Eines von ihnen hat den Namen auf den Titel des Romans Moo Pak reduziert.

 

Wie in einem Palimpsest des ägyptischen Alexandriners in Hampstead Heath, Kew Gardens oder Regent Park überlagern sich verschiedene Gedankengänge und Wissensfelder in Moo Pak zu einem ebenso ernsten wie heiteren Nachdenken über Gesellschaft, Kunst und personale Identität.

 

Gabriel Josipovicis Buch gehört in die von Laurence Sterne begründete Serie spielerisch- selbstreferentieller Romane, die ihr Entstehen und ihre Existenz, auch zum Thema & Gegenstand haben. Denn das von Toledano  avisierte Buch – wie er bei einem letzten Treffen seinem Eckermann Anderson gesteht – existiert nicht. Er ist daran gescheitert. So hat sich Damien Anderson daran gemacht, das wenige niederzuschreiben, was ich von seinen Erzählungen darüber behalten habe. Aber ich habe nicht über das Buch schreiben wollen, schrieb er, sondern über den Mann. Wir haben uns nicht sehr oft getroffen, und doch wäre mein Leben sehr viel ärmer gewesen, wenn ich ihn nicht kennengelernt hätte.

 

Es wird wohl jedem genauso gehen, der lesend die zwei Freunde als Dritter im Bunde & stiller Teilhaber ihrer ambulatorischen Gedankenreisen in den Londoner Parks, auf den Londoner Heiden und an den Londoner Wasserstrassen beglückt begleitet hat. Wenigstens, sagt Toledano seinem Freund, als er die bittere Bilanz seines Lebens zieht und auf seine Zeit als Lehrer zurückblickt, habe ich ein paar junge Menschen davon überzeugen können, dass es sich lohnt, Bücher zu lesen, und dass Bücher sogar begeistern könnensage ich (diesmal), wie z.B. dieses Moo Pak.


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