Giorgio Vasta: Die Glasfresser
10.01.2011
Am Abgrund des Bösen - Vision des Inferno
Provokatives Denken und bedingungsloses Handeln, Schuld und Lust führen den jugendlichen Ich-Erzähler an die Grenze der Existenz. Giogio Vasta zeichnet in seinem Roman Die Glasfresser eine Chronologie des Fanatismus und der Gewalt. Von HUBERT HOLZMANN
Palermo 1978. Der elfjährige Ich-Erzähler mit dem sonderbaren Namen Nimbus – das Wort, das meine natürliche übernatürliche Umhüllung beschreibt – gründet mit zwei seiner Schulkameraden eine terroristische Vereinigung nach dem Vorbild der Roten Brigaden. Die drei Jugendlichen rasieren sich die Schädel, erfinden eine geheime Körpersprache, geben sich Kampfnamen und beginnen nach und nach ihre abstrusen Gedanken und verstörenden Ideen von Gewalt in die Tat umzusetzen. Spätestens an diesem Punkt endet das vielleicht gerade noch irgendwie zu erklärende und zu belächelnde Kinderspiel. Spätestens ab hier beginnt die Gewalt.
Ich bin elf Jahre alt, um mich herum durch Katzenschnupfen und Räude ausgezehrte krumme Skelette, über denen sich die Haut spannt. Bereits in diesem ersten Satz konzentriert Giorgio Vasta die befremdend anmutende Thematik des Romans: die soziale Enge in Palermo, gepaart mit der radikalen Denkweise des elfjährigen Ich-Erzählers, der seine Existenz extrem reduziert. Der Erzähler beobachtet zu Beginn haargenau eine kranke, verstümmelte Katze, die seine Mutter im Vorgarten füttert, und beschreibt interessiert, fast mit sadistischem Vergnügen, wie er das Tier zu Tode quält. Leben und Tod – das sind die Eckpfeiler für den Ich-Erzähler, zugleich auch Keimzelle für den Roman, einen fiktiven autobiografischen Bericht.
Mythos und Religion
Der Junge Nimbus trainiert sich eine bedingungslose, konsequente, ideologische Härte an und schenkt sich selbst einen »Heiligenschein, eine atheistische Aureole, seinen Nimbus«. Seine Familie degradiert er hingegen in seiner Fantasiewelt mit neuen, sprechenden Namen: Aus dem Bruder wird der Lappen, demokratisch, kompromissbereit, empfindlich, die Mutter – verletzlich, von einer Fehlgeburt psychisch angegriffen – heißt Schnur, der Vater ist Stein, der den beiden Jungen vor dem Einschlafen Bibelgeschichten vorliest. Dagegen lehnt sich Nimbus innerlich auf, wehrt die religiöse Botschaft ab, die ihn jedoch starkt in seinem tiefen Inneren beeinflusst.
Seine Gedankenwelt existiert durch Sprache. Damit versucht Nimbus die Umwelt zu erfassen, zu kategorisieren. Passende Attribute ordnen das Außen in »Schubladen«: Es nimmt trotzdem seine Umgebung sehr feinsinnig wahr, ohne jedoch an ihr teilzunehmen. Mit einer mythisch-pseudoreligiösen Aura schirmt er sich von ihr ab: Heute hören wir von Hesekiel, dem Propheten des Glanzes… Hesekiel ist der Seher, der Bildmächtige, der reine und wahnsinnige Alte. Auch ich – der reine und wahnsinnige Junge – möchte durch die Welt ziehen und predigen…
Diese äußerst disziplinierte Art verbindet ihn mit seinen beiden Kameraden: Bocca (ital. »Maul, Mund«), Scarmiglia (ital. zerzausen) und ich. Klar denkend, abgesondert, feindselig. Elfjährige Zeitungsleser, Fernsehnachrichtenschauer. Beobachter des politischen Geschehens. Konzentriert und schonungslos. Kritisch, finster. Präadoleszente Außenseiter. Aggression, Härte, Bedingungslosigkeit werden für die drei zum Prinzip ihres Denkens und Handels. Dabei richten sich die Aggressionen von Nimbus zunächst eigentlich gegen ihn selbst: Er zerstört Fotos, auf denen seine Familie und seine Mitschüler abgebildet sind, mit einer Spitze des Stacheldrahtes, ich zerkratze mich und zerkratze die Schnur, durchsteche die Augen und ziehe die Münder lang. Denn ich bin ein ideologischer Junge, konzentriert und stark, ein nicht-ironischer Junge, antiironisch, unempfindlich. Ein Nicht-Junge.
»Finster, gefährlich, die Augen wie Schlitze«
Nimbus grenzt sich ab. Ist ein Fremder. Ein Verstoßener. Weicher wird sein Tonfall – und fast eine Spur erotisch –, als er die neue Mitschülerin Wimbow bemerkt, ein adoptiertes, stummes, kreolisches Mädchen: Der Körper des kreolischen Mädchens ist rot und schwarz, voller Löwen und Tiger, voller nächtlicher Geräusche des Waldes, Rascheln, Knistern, Tropfen… Tief innen in ihrem Körper ist eine geordnete Stille, sauber, ohne Verkrustungen, Flecken oder Schleim; eine präsente, bewegliche, süße und ungeheuer zarte Stille. Nimbus ist beeindruckt von ihr. Er verliebt sich. Und muss die Verbindung sofort symbolträchtig bestätigen: Er fängt eine Stechmücke, die zuvor das Mädchen gestochen hat, und behandelt dieses Tier wie eine Reliquie, die einen Überrest des Heiligen enthält, wie einen Insektentabernakel... sie hatte ihr Blut in sich, einen Tropfen Blut des kreolischen Mädchens, einen Partikel ihrer Biologie.
In diesem Moment der Begegnung zerbeißt Nimbus auf einer Feier sein Trinkglas und verletzt sich. Dass sich ein Mädchen für ihn interessiert, ist neu für ihn, und in diesem Augenblick brechen bei mir das Leben und das Glück im Herzen ein. Wimbow scheint eine besondere Bedeutung für Nimbus zu haben, für ihn als Glasfresser: Wir sind finster, gefährlich, die Augen wie Schlitze, die in die Ferne schauen und die kleinsten Flecken entdecken.
Giorgio Vasta erzählt diese Gedankenwelt des Jungen mit einer ungemein direkten, visionären Sprache. Sein Stil ist äußerst suggestiv, stellenweise gekennzeichnet durch äußerste Härte, aber auch durch überschäumende Kraft, dann wieder findet er ins Meditative und Beschauliche zurück. Die Gedankenwelt des Elfjährigen bekommt dadurch eine faszinierende Tiefe, sie wird absolut ausgereizt und explosiv verdichtet. – Gerade auch in der meisterhaften Übersetzung von Ulrich Hartmann. Bei Vasta wird ein Pornoheftchen zum Penis, wenn ich ihn in der Hand habe – mein obsessiver, literarischer und narrativer Penis –, die Lampe, die den Geist enthält, die ich reibe und mit Fantasie befrage. Der Geist kommt manchmal heraus, tritt winzig klein ans Tageslicht, flüssig. – Ist das dann doch nicht etwas des Guten zu viel? Überfrachtet? Oder doch nur Reflex auf das enge, katholische Italien und Provokation?
Angst vor Selbstzerstörung
Überhöht wird auch die erste Zugfahrt nach Rom – Das mineralische Tier. Die Stadt der Toten. Nimbus Ankunft wird inszeniert wie die des Duce: Ich gehe die Stufen hinunter, setze einen Fuß auf den Boden der Stadt Rom ... und ich spüre, wie das Maul der Welt mich im Genick packt. – Ist das die Vorstellungswelt eines Elfjährigen? In Rom jedenfalls sieht er die Abendnachrichten im Fernsehen und erlebt die Aufregung um die Toten der italienischen Stadtguerilla hautnah. Er will mehr über die Roten Brigaden erfahren, denn: Sie haben mit dem Tod zu tun. Sie haben auch mit Sex zu tun. Diese Verbindung berührt ihn noch nachts im Traum: das erneute Erwachen, ich hebe die Decke an, und in der klaren und aufsteigenden Luft des Morgens sehe ich unten an meinem Körper ... ein Tröpfchen aus Licht.
Die Ereignisse von 1978 bewegen. Es ist das Jahr, in dem Italien seinen „Deutschen Herbst“ erlebt. Die Daten des Terrors, die Entführung und Ermordung Aldo Moros, sind historische Einschnitte, an denen sich der fiktive autobiografische Gedankenmonolog von Nimbus, fast tagebuchartig, entlang arbeitet. Die Roten Brigaden als Modell für die Kinder. Ideologie des Terrors, Isolation, Ästhetik der Gewalt sind faszinierend für sie. Ihrer Kindlichkeit und Persönlichkeit beraubt, suchen sie ein neues „Wir“, das italienische NOI wird zur Parole des Kampfes. Spätestens als Scarmiglia, der Vordenker und Anführer der Truppe, seine erste Rede skandiert und exemplarische Aktionen fordert, ist es mit der Unschuld vorbei. Auch hier zeigt wieder ein Seitenblick. Kampfeslüstern sind nicht nur sie, auch ihre direkte Umwelt reagiert/erigiert: ein Hund leckt sich den Penis, der sich rot herausschiebt, eine Kirsche... die heroische, militante Erektion, die Erektion des brigadistischen Denkens.
Horrortrip ins Inferno
Kampfnamen sind selbstverständlich: Genosse Flug, Strahl und Nimbus üben zudem eine geheime Körpersprache ein. Sie finden besondere Körperstellungen, die sie von berühmten Fernsehhelden kopieren wie etwa von John Travolta in Saturday Night Fever. Damit verbinden sie Begriffe, die sie für ihre geplanten Aktionen benötigen. Begriffe und Wörter, die den Kommuniqués der Brigaden entnommen sind. Ideologie wird trainiert wie im Sport, das Individuum aufgegeben: Vorbild ist die WM-Elf der Italiener von 78. Persönliche Unsicherheit wird so verhindert. Nimbus, der im Krankenhaus eine Fehlgeburt bei seiner Mutter miterleben muss, bleibt davon scheinbar unberührt, nur medizinisch und anatomisch will er seine Fragen mit dem Lexikon klären. Eine menschliche Reaktion lässt er nicht zu. Vor diesem Hintergrund werden die Aktionen geplant – entschlossen, mit Härte.
Als bei einem der Anschläge ein Mensch zu Tode kommt, fühlen die Jungen sie sich verwandelt. Sie wollen sogar den Augenblick des Todes mit der Polaroidkamera festhalten: Die analphabetische Angst des Opfers. Einen einfachen Toten. Wir brüten ihn nicht aus, wir gebären ihn. Vor Freude und Schmerz. Wir töten. Wir sind fähig zu töten. Was folgt ist purer Wahnsinn, ein Horrortrip in die tiefsten Abgründe des menschlichen Seins. Und noch immer ist Giorgio Vasta zu einem weiteren Crescendo fähig. In Sprache und Handlung. Ein weiteres Opfer wird beschattet. Nimbus reduziert diese Person und überzeichnet sie zugleich, indem er sie in seine anatomischen und organischen Bestandteile zerlegt – so als ob er beabsichtigt die Welt zu zerlegen, zu erklären, neu zu formen.
Nimbus Weg ist der Abstieg Dantes in das Inferno. Geleitet, geführt, verführt wird er von den Reden und Taten seines Kumpans Scarmiglia. Doch wer übernimmt bei Giorgio Vasta die Rolle von Beatrice? Ein faszinierendes, zugleich abstoßendes Buch voll dunkler Kraft. Ein Knaller, ein absolutes Muss!


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